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Energie & Klima

Standpunkt

Den Weg freimachen für die Prosumer

Markus Meyer, Leiter Energiepolitik, Enpal
Markus Meyer, Leiter Energiepolitik, Enpal Foto: Enpal

Das Zusammenspiel von Solaranlage, Batterie und Ladestation ist entscheidend dafür, den Solarausbau zu beschleunigen und den Verbrauch von Gas zu senken. Doch die deutsche Regulierung behindere „Prosumer“ immer noch massiv, meint Markus Meyer vom Solardienstleister Enpal in seinem Standpunkt. Ihnen drohe zum Beispiel der Verlust der EEG-Vergütung. Zügige Korrekturen seien gefragt.

von Markus Meyer

veröffentlicht am 04.04.2022

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Die geopolitische Situation in Europa zeigt aktuell unverhohlen die dramatischen Auswirkungen der Abhängigkeit von russischem Erdöl und Erdgas. Zugleich drängen uns die fossilen Energien immer tiefer in die Klimakrise. Mit Blick auf die angestrebte Treibhausgasneutralität im Stromsektor bis 2035 sagte Klima-Staatssekretär Patrick Graichen: „Der Krieg [… hat] die Einordnung von Erdgas als Brücke zu erneuerbaren Energien entwertet. Die Brücke ist eingestürzt.“

Wir können uns nur vom Tropf der fossilen Energie befreien, wenn wir mehr sauberen Strom erzeugen – und zwar sehr schnell und sehr viel davon: für die wegfallenden fossilen Kraftwerke, vor allem aber für Millionen Elektroautos und Wärmepumpen, die alte Öl- und Gasheizungen ersetzen.

Die Menschen verbinden zu einer Erneuerbaren-Community

Um den Erfolg möglich zu machen, ist gemeinschaftliches Handeln nötig, das in die unmittelbare Lebenswelt reicht und uns verbindet: Mit einer Solaranlage auf jedem Dach, einer Batterie in jedem Haus, und einer Heim-Ladestation (Wallbox) für das Elektroauto in jeder Garage. Gemeinsam bilden sie ein intelligentes Netzwerk, das auf unterschiedliche Bedarfe reagieren kann: sowohl auf den eigenen Bedarf, beispielsweise für das Laden des Elektroautos, als auch potenziell für andere Bedarfe wie das Teilen des Stroms mit dem Nachbarn.

Noch schöpfen die Anlagen ihr Flexibilitätspotential nicht aus. An trüben Wintertagen laden die Speicher oft nicht voll, und im Sommer leeren sich die Speicher abends und laden erst am nächsten Morgen wieder auf. Zugleich müssen Gaskraftwerke am Morgen und am Abend zugeschaltet werden, um die Lastspitzen („Peak“) abzudecken. Zu diesen Zeiten wird dreimal mehr Gas für die Stromproduktion benötigt. Schafft man es, diese Lastspitzen anders zu versorgen, sinkt der Bedarf an Gas stark.

Technisch stehen wir schon bereit, um die Anlagen intelligent zu vernetzen und zu steuern. In einem Pilotprojekt hat Enpal nachgewiesen, dass in einem Standardhaushalt allein durch die Solarerzeugung der Bedarf an Erdgas für Strom um 18 Prozent reduziert werden kann; mit einem Speicher mit intelligenter Lastverschiebung um 50 Prozent; und mit einer Wallbox mit intelligenter Lastverschiebung sogar um 80 Prozent. Grundlage dafür ist intelligente Software, die im Haus entwickelt wurde.

Derartige Software-Plattformen können dabei schnell um neue Funktionen weiterentwickelt werden. Kunden könnten so auch in Zukunft von geänderten Regularien profitieren, laufend zusätzliche Funktionen nutzen und immer am Ball bleiben – ähnlich wie auch moderne Autohersteller, zum Beispiel Tesla, ihre Software updaten.

Technisch ist intelligentes Energiemanagement also möglich. Im Wege steht allerdings noch die staatliche Regulierung. Nur ein Beispiel: Werden Speicher abwechselnd mit erneuerbarem Strom sowie mit fossilem Strom („Graustrom“) beladen, um die Zuschaltung von Erdgas-Kraftwerken zu vermeiden, verliert der Speicher infolge der gemischten Stromerzeugung seine Eigenschaft als EEG-Anlage, selbst wenn sie nur kurzzeitig mit Netzstrom lädt. Dabei steht den Solar-Betreibern gemäß EU-Erneuerbaren-Richtlinie (RED II) das Recht zu, mit ihrem Speicher mehrere Dienstleistungen gleichzeitig zu erbringen. Heute geht der Anlagenbetreiber nach aktueller deutscher Rechtslage das Risiko ein, seine Einspeisevergütung zu verlieren, wenn er den Speicher intelligent lädt.

Vergesst die Prosumer nicht!

Gerade jetzt merken wir: Die Menschen wollen sich unabhängig machen von steigenden Preisen auf Strom und Sprit, sie wollen weg von fossilem Gas und Öl. Dieser Wunsch nach einem Stück Unabhängigkeit ist der Grund, warum viele Menschen ihre private Energiewende vorantreiben: das gute Gefühl, seinen eigenen Strom zu produzieren und zu verbrauchen.

Als dezentrale Selbstversorger („Prosumer“) sind sie unentbehrlich für ein intelligentes Energiemanagement. Denn ein erneuerbares Netzwerk kann nur funktionieren, wenn Solaranlagen, Speicher und Wallboxen gemeinsam über eine Software-Plattform integriert sind – nur so geht die intelligente Flexibilisierung. Wenn dagegen alle Anlagen „dumm“ ins Netz einspeisen, aber nicht mit Speichern und Elektroautos vernetzt sind, dann wird intelligentes Energiemanagement unmöglich.

Die Politik darf die Prosumer in der laufenden EEG-Novelle daher nicht benachteiligen. Wir brauchen eher mehr Anreize für PV-Anlagen mit Speichern und intelligenter Lastverschiebung, und nicht weniger. Die Bundesregierung muss das Innovationspotential dezentraler Prosumer-Lösungen heben und massiv Bürokratie abbauen, damit eine Solaranlage auf jedem Dach wirklich zur Regel wird.

Die Branche steht bereit

Die Bundesregierung will die Leistung der Solarenergie in den nächsten acht Jahren fast vervierfachen. In seiner Eröffnungsbilanz kündigte Klimaminister Robert Habeck an, die erneuerbaren Energien zum Rückgrat der Energieversorgung zu machen und ein Solarbeschleunigungspaket auf den Weg zu bringen.

Wir arbeiten als erstes grünes Einhorn in Deutschland – also als erstes neu gegründetes Unternehmen mit einer Bewertung im Milliarden-Euro-Bereich – jeden Tag hart daran, die Energiewende zu den Menschen zu bringen.

Die Abhängigkeit von Russland, die steigenden Benzinpreise, die sich verschärfende Klimakrise – es gibt viele Gründe, warum die Zeit der Solarenergie gekommen ist. Die Branche steht bereit. Jetzt muss die Politik den Weg frei machen.

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