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Energie & Klima

Standpunkt

Der Gasmarkt ist „schuld“, nicht Putin

Friedbert Pflüger, Geschäftsführender Gesellschafter Bingmann Pflüger International
Friedbert Pflüger, Geschäftsführender Gesellschafter Bingmann Pflüger International

Warum ist Erdgas so teuer wie noch nie in Deutschland und Europa? Friedbert Pflüger, seit 2009 Berater von Unternehmen und Regierungen im Energiesektor – unter anderem auch für Nord Stream 2 – sieht keine willentliche Einschränkung durch Gazprom, sondern eine spezielle Marktkonstellation als Ursache. Er rät dazu, gemeinsame Projekte, auch im Bereich der erneuerbaren Energien, in den Blick zu nehmen.

von Friedbert Pflüger

veröffentlicht am 01.10.2021

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Deutschland erlebt eine nie dagewesene Preisexplosion bei Erdgas. Seit Jahresbeginn hat sich der Gaspreis etwa vervierfacht und liegt derzeit bei etwa 80 Euro pro Megawattstunde (MWh). Das bedeutet erhebliche Mehrbelastungen für 21 Millionen Haushalte und steigende Produktionskosten für die Industrie, die bis jetzt noch größtenteils durch längerfristige Terminkontrakte abgesichert ist. Insbesondere die energieintensiven Industrien – Stahl, Aluminium, Kupfer, Zement – werden darunter leiden, aber vor allem auch die Chemie, für die Erdgas nicht nur als Energielieferant, sondern auch als Rohstoff von essentieller Bedeutung ist.

In den anderen europäischen Staaten ist die Lage ähnlich, am schlimmsten in Großbritannien. Dort ist der Gaspreis seit Jahresbeginn um 250 Prozent gestiegen! In London ist deshalb eine Debatte um Milliarden-Subventionen zur Stützung betroffener Unternehmen entbrannt. Ein Ende der europäischen Preisentwicklung nach oben ist bisher nicht in Sicht. Sie beeinträchtigt die Erholung nach der Covid-Pandemie erheblich. Sie führt zu Wettbewerbsnachteilen der Wirtschaft und kann soziale Verwerfungen nach sich ziehen. Was sind die Gründe für diese Entwicklung?

I. Global gibt es eine erheblich steigende Nachfrage nach Gas und dadurch steigende Gaspreise. Die rasche Erholung nach der Pandemie führt zu einem wachsenden Energiebedarf. Besonders der asiatische Raum ist „zurück“. Allein China verbrauchte in diesem Jahr bislang 15,5 Prozent mehr Gas als im Vorjahr und importiert 23,8 Prozent mehr Gas.

II. Ähnliches gilt für Europa, wo in den sechs größten europäischen Gasmärkten (Deutschland, Frankreich, Niederlande, Italien, Spanien, UK) die Gasnachfrage im ersten halben Jahr um zwölf Prozent stieg. In Deutschland ist Gas inzwischen mit über 30 Prozent Anteil am Primärenergiemix der stärkste Energieträger. Die EU-Kommission bestätigt, dass die aktuelle Situation die globale Marktdynamik reflektiert. Der Preisanstieg sei vor allem auf den Weltmarkt für Gas, sowie die hohe Nachfrage in Asien zurückzuführen.

III. In der EU und in UK fällt erschwerend ins Gewicht, dass die Importe von verflüssigtem Erdgas (LNG) in den ersten acht Monaten um 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurückgingen (trotz verbesserter Konjunktur). Das LNG aus den USA wird vor allem in Richtung Asien oder Lateinamerika verschifft, die angekündigten „Freiheitsmoleküle“ aus den USA muss man in Europa mit der Lupe suchen. 

IV. Nicht zuletzt auf Druck der EU-Kommission gibt es immer weniger langfristige Gaslieferverträge mit Ölpreisbindung und stattdessen einen freien globalen Gas(spot)markt. Das hat viele Vorteile, aber so ist der Gaspreis starken Marktschwankungen ausgesetzt. Eine schnell steigende Nachfrage führt eben zu rapide steigenden Preisen.

V. Die Kohlekraftwerke in Europa sind traditionell eine Art „atmender Deckel“ für den Gasmarkt. Wenn die Gaspreise auf ein bestimmtes Niveau steigen, wird ein „fuel-switch“ zur Kohleverstromung wirtschaftlich, ein weiterer Anstieg des Gaspreises wird verhindert. Durch den beschlossenen Kohleausstieg sind nun aber immer weniger Kohlekraftwerke am Netz, außerdem steigt – politisch gewollt und richtig – der CO2-Preis. Das aber führt dazu, dass das Deckeln des Gaspreises erst auf einem sehr viel höheren Preisniveau eintritt und in diesem Jahr so gut wie nicht wirkt.

VI. Weiterer Druck auf die Gaspreise in Europa entstand im letzten Jahr durch einen drastischen Rückgang der einheimischen Produktion. In den Niederlanden betrug er 17 Prozent, in UK 22 Prozent im Vergleich zum letzten Jahr. Dies führte zu zusätzlichen Anfragen nach einer Steigerung der Importmengen.

VII. Nach dem letzten, ungewöhnlich kalten Winter musste der Hauptlieferant, Gazprom, in diesem Sommer zunächst die russischen Speicher wieder füllen, um möglichen Engpässen zuhause vorzubeugen. Auch mussten die Russen Gaskraftwerke im ebenfalls ungewöhnlich heißen Sommer laufen lassen, um Strom für Klimaanlagen zu produzieren. Schließlich war Gazprom gezwungen, zur Erfüllung ihrer Lieferverpflichtungen die eigenen Speicher zu leeren, da es bei einem Gasfeld technische Probleme gab – vor allem der Ausfall einer großen Kompressorstation wird dabei als Grund genannt. Die Erwartung, dass Gazprom auf Knopfdruck die Förderung erhöhen kann, um plötzlich entstehenden zusätzlichen Bedarf zu decken, ist unrealistisch.

Die derzeitige Gaskrise, die sich im Winter zuspitzen dürfte, ist also global und nicht auf Europa beschränkt. Dennoch wurde sie von den Gegnern von Nord Stream 2 zum Anlass für eine Art letztes Gefecht gegen die Pipeline genommen. Putin sei schuld, er versuche, durch eine Zurückhaltung von Gaslieferungen Druck auf deutsche und europäische Genehmigungsbehörden auszuüben, um die – nach der Fertigstellung von Nord Stream 2 – nun erforderliche Zertifizierung der Pipeline zu beschleunigen. Der Chef der staatlichen ukrainischen Netzgesellschaft, Seriy Makogon, sprach von „Erpressung“. Die US-Energieministerin, Jennifer Granholm sekundierte bei einem Polen-Besuch, allerdings erkennbar vorsichtiger: Washington beobachte genau, ob es eine „Manipulation des Gaspreises durch Horten von Gas oder durch Zurückhaltung von Lieferungen“ gäbe.

Diese Zurückhaltung ist richtig, denn neben den oben genannten Gründen zeigt auch ein nüchterner Blick auf die Fakten, dass Gazprom seine Gasproduktion 2021 im Vergleich mit dem Vorjahr um fast 20 Prozent erhöht hat und die Exporte momentan einen historischen Höchstwert erreichen: Ein Plus von 19,4 Prozent in diesem Jahr, allein die Exporte nach Deutschland stiegen um 39,3 Prozent. Gazprom hat nach Aussagen seiner Kunden alle Lieferverträge eingehalten. Uniper-Chefanalyst Gregor Pett betont: „Wir werden vertragsgerecht beliefert und haben keinen Grund zur Klage.“. Auch die Bundesregierung bestätigt, dass bestehende Verträge eingehalten werden.

Wer einen Moment innehält, dem kann die Absurdität der Situation nicht entgehen: Russland erfüllt alle Lieferverträge und steigert die Gesamtexporte in diesem Jahr auf Rekordniveau. Allein daraus, dass es noch zusätzliche Kapazitäten durch die alten Pipelines durch die Ukraine gibt, den Vorwurf abzuleiten, Russland sei kein verlässlicher Partner oder wolle gar erpressen, kann nicht überzeugen. Mehr noch: es ist paradox, dass ausgerechnet das Land, das ständig für seine Monopolstellung gerügt wird, nun zu Mehrlieferungen gedrängt wird, gleichzeitig aber angegriffen wird, dass es angeblich erpresst.

Gemeinsame Projekte mit USA und Ukraine angehen

Wahr dürfte allerdings auch sein, dass der Kreml nicht allzu unglücklich über die derzeitige Gaskrise sein dürfte. Schließlich zeigt sie, dass durch die anziehende Konjunktur, durch den Kohle- und Nuklearausstieg in Deutschland und durch die anhaltende Notwendigkeit verlässlicher und wetterunabhängiger Grundlastenergie Erdgas auf geraume Zeit ein Partner der Energiewende bleiben wird. Und Nord Stream 2 kann nicht zu Unrecht erklären, daß jede zusätzliche Liefer-Infrastruktur die Liquidität des Marktes verbessere und als „zusätzliches Angebot den Preis dämpfen kann.“

Das Fazit ist also: Im Grunde kommt der Erpressungsvorwurf als Fortsetzung der Nord-Stream-2-Kontroverse daher. Aber die Pipeline ist nun fertig gebaut und wird früher oder später Gas nach Europa bringen. Anstatt den Kampf um ein paar Monate zu prolongieren, sollten wir endlich damit beginnen, mit Russland über die Beteiligung am EU-Green Deal zu sprechen – am besten gemeinsam mit unseren amerikanischen Freunden und der Ukraine. Endlich gemeinsame Solar-, Wind- und Wasserstoffprojekte, gemeinsame Rohstoffsicherung für den Ausbau der Erneuerbaren und der Elektromobilität, gemeinsame Aufforstung und vieles mehr! Vielleicht kann aus einem großen russisch-europäischen Klimaprojekt auch langsam wieder allgemeines Vertrauen aufgebaut und der Frieden sicherer gemacht werden.

Prof. Dr. Friedbert Pflüger, Parlamentarischer Staatssekretär in der ersten Regierung Merkel, ist Geschäftsführender Gesellschafter von Bingmann Pflüger International, mit der er seit 2009 für Energieinfrastrukturprojekte wie zum Beispiel die Trans Adriatic Pipeline oder Nord Stream 2 Beratungsleistungen erbringt. Pflüger ist zudem Aufsichtsratsvorsitzender von „Zukunft Gas“ und Senior Fellow des Global Energy Centre des Atlantic Council, USA. Er lehrt am CASSIS der Universität Bonn Klima- und Energiepolitik.

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