Standpunkt Der versteckte Champion im Klimakabinett

Eine beschleunigte Abschreibungsmöglichkeit für Klimaschutzinvestitionen in Unternehmen hat in anderen Ländern gut funktioniert. Die Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz (Deneff) empfiehlt das Instrument wärmstens auch für Deutschland. Das Bundeswirtschaftsministerium hat es auch schon auf dem Radar. Bei der Ausgestaltung sind aber ein paar Dinge zu berücksichtigen, damit die Wirkung nicht verpufft.

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Kanada macht es, Singapur macht es, Indien, Irland, das Vereinigte Königreich, Luxemburg und die Niederlande machen es. Es handelt es sich um das wohl global am weitesten verbreitete Steuerinstrument, wenn es um grüne Technologien geht. Deutschland macht es bislang noch nicht. Die Rede ist nicht etwa von einem CO2-Preis, sondern von einer beschleunigten Abschreibungsmöglichkeit für Klimaschutzinvestitionen in Unternehmen.

Heimlich still und leise könnte diese jetzt endlich auch hierzulande Einzug halten – als eine der Maßnahmen auf der Liste des Klimakabinetts. Die Gutachter des Bundeswirtschaftsministeriums hatten sie Ende letzten Jahres auf ihre Empfehlungsliste für den Industriesektor gesetzt. Seitdem taucht sie in verschiedenen Dokumenten immer wieder auf.

Man fragt sich, warum nicht früher? Schließlich setzt diese Maßnahme auf Freiwilligkeit und hat das Potenzial, die Industrie beim Thema Klimaschutz besser mit ins Boot zu holen, denn für Unternehmen wirkt sich eine schnellere Abschreibung positiv auf ihren Cashflow aus. Außerdem ist sie für den Staat aufkommensneutral, da sie keinen Steuerausfall bedeutet, sondern das Steueraufkommen lediglich zeitlich verschoben wird. 

Rentable Effizienzinvestitionen werden oft übersehen

Sie wäre ein wichtiger Hebel, da viele Energieeffizienzmaßnahmen in Unternehmen trotz hoher Wirtschaftlichkeit liegen bleiben. In Unternehmen stehen Investitionen in das Kerngeschäft im Vordergrund – andere Investitionen werden als weniger lohnenswert bewertet. Mögliche Investitionen in Energieeffizienz werden nur berücksichtigt, wenn sie sehr kurze Amortisationszeiten versprechen. Hinzu kommt, dass der Energiekostenanteil in der Mehrheit der Unternehmen bei unter zwei Prozent liegt. An sich rentable Effizienzinvestitionen landen daher meist gar nicht erst auf dem Tisch derer, die über Investitionen entscheiden.

Ein CO2-Preis würde das kaum ändern. Während die volkswirtschaftlichen Kosten zur Einsparung einer Tonne CO2 in energieintensiven Prozessen bei mehreren hundert Euro liegen, gibt es im Industriesektor weiterhin auch viele Potenziale mit Vermeidungskosten von weniger als minus (!) 100 Euro. Es handelt sich dabei etwa um effizientere Anwendungen für die Drucklufterzeugung, um Pumpen, Antriebe und Motoren, Ventilatoren, Kälteanlagen oder Beleuchtung. Sie könnten durch eine CO2-Bepreisung sogar unattraktiver werden, nämlich dann, wenn im Zuge von dessen Einführung der Strompreis sinkt.

Eine Anpassung der steuerlichen Abschreibungsmöglichkeiten könnte sehr dabei helfen, diese Lücken zu schließen. In Irland und den Niederlanden wurden Investitionen durch die beschleunigte Abschreibung deutlich in Richtung Energieeffizienz verschoben. Dort sind nur die Top-Runner, also die besten 10 bis 20 Prozent der Produkte für eine beschleunigte Abschreibung zugelassen. Die Hersteller können sie auf einer Liste der Regierung registrieren lassen. Bei der Steuererklärung können die Unternehmen dann einfach das Häkchen setzen, dass die Investition in ein gelistetes Produkt erfolgt ist. Das hat die Beschaffungspraxis verändert – Nachfrager beschaffen vorzugsweise, quasi per „default“, listenkonforme Produkte. 

Deutschland kann sich also an einer Reihe internationaler Beispiele bedienen. Naheliegend wäre eine Kombination aus beschleunigter Abschreibung und Sofortabschreibung, so der Vorschlag der Deneff. Derzeit schreiben Unternehmen die meisten Investitionen linear ab. Das heißt, jedes Jahr wird derselbe Prozentsatz vom Anschaffungswert einer Investition über ihre Nutzungsdauer laut AfA-Tabellen abgeschrieben.

Bitte nicht wieder jahrelang herumlamentieren

Bei einer degressiven Abschreibung hingegen wird ein fester Prozentwert vom Buchwert des Vorjahres abgeschrieben, also in den ersten Jahren der Nutzung höhere, später niedrigere Beträge. Je nach Nutzungsdauer ist das deutlich attraktiver als die lineare Variante. Bei einer kürzeren Nutzungsdauer von unter fünf Jahren könnte eine Sofortabschreibung von 100 Prozent im ersten Jahr gewährt werden. Die Sofortabschreibung kam in Irland sogar für alle listenkonformen Investitionen zum Einsatz.

Die zu erwartenden Energieeinsparungen durch beschleunigte Abschreibungsmöglichkeiten für Energieeffizienzinvestitionen belaufen sich nach Einschätzung der Deneff auf circa 30 Milliarden Kilowattstunden im Jahr bei einer Laufzeit von zehn Jahren (25 Prozent des bislang nicht realisierbaren wirtschaftlichen Potenzials). Das entspricht immerhin der Jahresproduktion von drei Großkraftwerken.

Was könnte also noch schief gehen, wenn die Bundesregierung sich des Vorschlags tatsächlich annehmen sollte? Viel, wie wir aus der Umsetzung ursprünglich vielversprechender Instrumente wie den wettbewerblichen Ausschreibungen für Stromeffizienz wissen. Man könnte mit dem Anreiz an der völlig falschen Stelle ansetzen. Anstatt den notwendigen Stupser (nudge) für die Umsetzung wirtschaftlicher Maßnahmen zu setzen, wird diskutiert, die beschleunigte AfA nur für hochinnovative Produkte einzusetzen, die erst auf den Markt gebracht werden und oft noch weit von der Wirtschaftlichkeit entfernt sind. Hier würde die Wirkung verpuffen, da beispielsweise bei der Dekarbonisierung von Industrieprozessen ein wesentlich höherer Förderhebel notwendig wäre.

Hoffen wir, dass die Bundesregierung eine zielgerechte und durchdachte Ausgestaltung auf den Weg bringt. Es gilt auch hier das Jahresmotto der Deneff: „Das Beste einfach machen“ – nicht komplizierter und bitte nicht wieder jahrelang herumlamentieren.

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