Der Wald ist eine riesige Baustelle

Geht es nach CDU-Politikern, sollen für den klimagerechten Umbau von deutschen Wäldern Hunderte Millionen Euro fließen. Laut dem Waldforscher Michael Welling könnten dafür auch nicht-heimische Bäume aus Osteuropa zum Einsatz kommen.

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Rekordtemperaturen, Trockenheit, Borkenkäferplage und Brandgefahr: Den deutschen Wäldern geht es schlecht. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) bittet deshalb im September zum nationalen Waldgipfel.

Um die Waldkrise zu überwinden, hatten die Unions-Forstminister der Länder in ihrer „Moritzburger Erklärung“ am vergangenen Donnerstag 800 Millionen Euro vom Bund gefordert. „Wichtige Waldfunktionen, wie die Erhaltung der Biodiversität, die Wasser filternde Wirkung intakter Wälder sowie der Hochwasserschutz sind gefährdet. Nicht zuletzt sind die Klimaschutzwirkung und die Kohlenstoffspeicherung des Waldes bedroht“, warnen die Minister in dem Schreiben.

Mit den geforderten Mitteln wollen die CDU-Politiker unter anderem den Schutz vor Bränden, eine nachhaltige Waldbewirtschaftung, Schadensbeseitigung und einen klimagerechten Waldumbau mit nicht heimischen Baumarten vorantreiben.

Baumvielfalt kann Auswirkungen von Extremwetter abpuffern

Mehr als ein Drittel der deutschen Landesfläche ist bewaldet, wie Zahlen der Bundeswaldinventur zeigen. Wie müssen die rund elf Millionen Hektar Waldfläche in Zukunft aussehen, um der globalen Erwärmung trotzen zu können?

„Wir müssen weg von reinen Fichten- und Kiefernmonokulturen und brauchen mehr Baumvielfalt in den Wäldern“, meint Michael Welling vom Thünen-Institut in Braunschweig. „Dadurch kann ein Wald Stürme und Dürren, die im Zuge des Klimawandels häufiger auftreten können, besser abpuffern.“ Fichten mit ihren flachen Wurzeln seien anfällig für Trockenheit und stürzten bei Stürmen schnell um, während trockene Kiefernwälder anfällig für Waldbrände seien.

Die Hälfte des deutschen Waldes sind Kiefern und Fichten. Dass die Baumarten zu den Platzhirschen der deutschen Wälder avanciert sind, hat seinen Grund: die Bäume wachsen schnell und lassen sich deshalb mehrere Jahrzehnte früher fällen als eine Buche, die auch schon mal 120 Jahre zum Auswachsen benötigen kann. Nadelbäume sind außerdem als Bauholz sehr gefragt.

Ersetzt man die schnell wachsenden Fichten für den Umbau allerdings durch langsamer wachsende Baumarten wie die Buche oder die Eiche, ist die Klimaschutzwirkung des Waldes im Schnitt geringer. Je schneller die Bäume nämlich insgesamt wachsen, desto mehr Kohlendioxid binden sie auch aus der Atmosphäre.

Buchen aus der Ukraine trotzen der Trockenheit

Für den Umbau in einen klimafesteren Wald ist es laut Welling trotzdem sinnvoll, den Anteil an Laubbäumen zu erhöhen. „Von den heimischen Arten bietet sich besonders die Buche an. Dabei sollte man beim Pflanzen Samen aus trockeneren Klimaten wie der Ukraine und Polen nutzen.“

Die Buchen aus Osteuropa seien nämlich schon seit Jahrhunderten an trockenere Sommer angepasst und könnten entsprechenden Klimaänderungen besser standhalten. „Wir wissen, dass Waldboden unter Buchen auch mehr Grundwasser bildet als unter anderen Baumarten. Bei den Kiefern bleiben Regentropfen häufig an den Nadeln in der Baumkrone hängen und verdunsten dann wieder. Anders bei den Buchen: Hier fließt das Regenwasser von den Ästen am Baumstamm hinunter und wird so in den Boden abgeführt.“

Freiflächen, die beim Fällen entstehen, sollen dem Wissenschaftler zufolge deshalb mit entsprechenden Jungpflanzen aufgeforstet werden. Dafür schlägt der studierte Biologe vor, auch nordamerikanische Douglasien und Roteichen zu pflanzen. Nur: „Der Umbau funktioniert nicht von heute auf morgen, sondern braucht mehrere Jahrzehnte.“

BUND will Notgelder an Bedingungen knüpfen

Auch Nicola Uhde, Waldexpertin beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) fordert den Umbau von Fichten- und Kiefernforsten: „Wenn man Nadelbäume in Gebiete pflanzt, wo sie von Natur aus gar nicht vorkommen, bekommt man schnell Probleme.“ Deshalb dürfe es aus Sicht von Uhde bei Klöckners Waldgipfel im September kein Geld dafür geben, weiterhin Aufforstung mit naturfernen Kiefern- und Fichtenbäumen zu betreiben: „An den Waldumbau müssen wir außerdem mit einem ökologischen Blickwinkel ran. Wir können nicht einfach Jungpflanzen aussetzen, ohne die Jagd zu reformieren. Sonst fressen die Rehe und Hirsche die Setzlinge ganz schnell – einzäunen können wir ganze Wälder schließlich nicht.“  

Gegenüber dem Vorschlag, Buchen aus der Ukraine in deutsche Wälder zu holen, zeigt sich Uhde skeptisch: „In Osteuropa gibt es andere Ökosysteme – die dortigen Bäume leben mit anderen Tieren und Pflanzen zusammen.“ Vom Waldgipfel erwartet sich Uhde außerdem, dass auch alle Akteure ins Boot geholt werden: „Vor allem die Zivilgesellschaft und die Natur- und Umweltverbände müssen angemessen beteiligt werden.“

Thüringens Landwirtschaftsministerin Birgit Keller (Linke) kritisierte, dass zum vergangenen Waldgipfel nur die unionsgeführten Ressortministerien eingeladen waren und forderte sowohl regionale Krisenforen als auch einen gemeinsamen Waldgipfel von Bund und Ländern: „Die Waldschäden betreffen alle Länder und nehmen keine Rücksicht auf politische Eigeninteressen."

Forstleute im Katastrophenmodus

Der Bund Deutscher Forstleute (BDF) hat bereits vor wenigen Wochen den Klimanotstand für den Wald ausgerufen: „Fichten, Kiefern, Buchen, Eichen – alle wesentlichen Baumarten sind betroffen. Es ist eine nationale Katastrophe“, sagte der BDF-Vorsitzende Ulrich Dohle im Hinblick auf die Moritzburger Erklärung. Das würden auch die Forstleute aller Bundesländer bestätigen. Bereits diesen Herbst müsse die Wiederbewaldung begonnen werden, ebenso wie der Waldumbau und die Jungpflanzenanzucht. „Hier ist jeder Euro gut und notwendig investiert“, findet Dohle. „Wir Forstleute stehen bereit und werden weiter an der Belastungsgrenze arbeiten – wie schon die letzten beiden Jahre. Wir brauchen jetzt aber die klare und deutliche Unterstützung der Politik.“

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