Standpunkt Deutschlands Wasserstoffzukunft auf der Kippe

Die Nationale Wasserstoffstrategie kann zum Vorbild in Europa werden. Doch wenn die Bundesregierung den aktuellen Entwurf nicht verändert, läuft Deutschland Gefahr, beim Aufbau einer europäischen Wasserstoffwirtschaft den Anschluss zu verlieren, warnt Timm Kehler, Vorstand des Branchenverbands Zukunft Erdgas.

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Die einst von vielen lautstark vorgetragene Idee der „Vollelektrifizierung“ ist gemeinsam mit zahlreichen anderen ideologisch geprägten Zukunftsvisionen in der Versenkung verschwunden. Wasserstoff kommt bei der Energiewende eine Schlüsselrolle zu. Darüber herrscht auch im Berliner Politikbetrieb mittlerweile Einigkeit, wie das gerade beschlossene Konjunkturpaket der Großen Koalition belegt, das erste Schritte des deutschen Weges in die Wasserstoffwelt aufzeigt. Konkretisiert werden soll der Plan in der Nationalen Wasserstoffstrategie, die in Kürze folgen soll. Im Entwurf der Strategie steckt bereits viel Richtiges. Wird sie in dieser Form beschlossen, läuft sie dennoch Gefahr, den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft zu erschweren.

Die Herausforderung ist groß: Rund ein Fünftel des deutschen Energieverbrauchs wird aktuell durch Strom gedeckt, den Rest der benötigten Energie liefern Energieträger wie Erdgas und Öl. Wasserstoff kann Letztere langfristig ersetzen und so die Dekarbonisierung in den schwer elektrifizierbaren Verbrauchssegmenten vorantreiben, beispielsweise als Kraftstoff in Flugzeugen, als Grundstoff in der Chemieindustrie oder aber als Heizenergie in Industrieprozessen oder in Bestandsgebäuden. Dafür bedarf es sehr viel Wasserstoffs zu wettbewerbsfähigen Preisen. Der aktuelle Strategieentwurf lässt vermuten, dass die Bundesregierung die benötigten Mengen jedoch unterschätzt. 

Ohne Technologieoffenheit wandern Investitionen ab

Um die Produktion solch großer Mengen Wasserstoff zu ermöglichen und dabei die besten Preise zu garantieren, ist – wie in jedem anderen offenen Markt – Wettbewerb zwischen Anbietern und Technologien notwendig. Die Erzeugung von „grünem“ Wasserstoff aus erneuerbarem Strom mittels Elektrolyse ist eine vielversprechende Technologie, die Sonnen- und Windenergie langfristig im Gasnetz speicherbar und in anderen Verbrauchssegmenten nutzbar macht. Es ist die sogenannte Power-to-Gas-Technologie, deren Reife in dutzenden Pilotprojekten erwiesen wurde. Und es ist die Technologie, auf die die Bundesregierung im heimischen Markt setzt. Allerdings verengt sie damit fahrlässig die Debatte.

Denn es gibt auch andere attraktive Verfahren, die den Energieträger schnell und kostengünstig herstellen könnten und zusätzlich zur Elektrolyse eingesetzt werden sollten. Die Erzeugung von klimaneutralem Wasserstoff aus Erdgas mithilfe der Dampfreformierung und anschließender CO2-Speicherung mehrere Kilometer unter dem Meeresgrund – der sogenannte „blaue“ Wasserstoff – ist praxiserprobt und langfristig wirksam. Trotzdem sieht die Bundesregierung für das Verfahren derzeit keine Notwendigkeit für den Industriestandort Deutschland. Warum, ist unklar. Denn die dafür notwendige Infrastruktur ist bereits vorhanden und verursacht damit keine zusätzlichen Kosten. Auch die Methanpyrolyse, bei der aus Erdgas „türkiser“ Wasserstoff und reiner Kohlenstoff erzeugt werden, bietet großes Potenzial, das im aktuellen Entwurf für Deutschland verkannt wird.  

Welche Konsequenzen folgen, wenn Deutschland seine heimische Wasserstoffproduktion auf eine Technologie limitiert? Unternehmen der Gaswirtschaft und ihrer größten Abnehmer – darunter die Stahl- und Chemieindustrie – werden die in den kommenden Jahren anstehenden Investitionen in die Wasserstoffproduktion aus Wettbewerbsgründen ins Ausland verlagern, wo derlei Technologiebeschränkungen nicht bestehen. Dem deutschen Anlagenbau, zu dem auch zahlreiche Mittelständler zählen, werden so Perspektiven im Heimatmarkt entzogen. Schafft Deutschland es zudem nicht, seinen „grünen“ Wasserstoff zu wettbewerbsfähigen Preisen anzubieten, werden kostensensible Nutzer ihren Wasserstoff im Ausland einkaufen. Der Preis für klimaneutralen Wasserstoff wird somit zum wesentlichen Standortfaktor im internationalen Wettbewerb. Und für schnell wirksamen Klimaschutz ist die Farbe des Wasserstoffs ohnehin zweitrangig, solange er CO2-neutral ist.

20 Millionen Gaskunden werden nicht profitieren 

Ein weiterer Schwachpunkt der derzeit vorliegenden Strategie liegt in der Bewertung der Gasinfrastruktur. Zwar erkennt die Bundesregierung ihre Funktion zur Verteilung und Speicherung von Wasserstoff generell an. Leider kommt dabei aber die Rolle des Verteilnetzes deutlich zu kurz, an das immerhin rund 20 Millionen privaten und gewerblichen Gaskunden angeschlossen sind. Die Konsequenz ist eine schleichende Entwertung der Gasverteilnetze, die sich mehrheitlich in kommunaler Hand befinden.   

Insbesondere beim Wärmemarkt, dem größten Absatzmarkt für Erdgas in Deutschland, bleibt die Strategie erstaunlich vage. Dabei sind hierzulande bereits tausende Brennstoffzellenheizungen installiert, die schon heute mit Wasserstoff betrieben werden können. Dabei handelt es sich im Übrigen um eine Schlüsseltechnologie der Energiewende, deren Markthochlauf seit 2016 von der Bundesregierung gefördert wird. Parallel testen Heizgerätehersteller derzeit den Einsatz von ersten Wasserstoff-Heizkesseln im Markt. Doch auch bestehende Gasbrennwertgeräte vertragen bereits bis zu 20 Prozent Wasserstoff. Jeder zweite Haushalt in Deutschland heizt mit Erdgas. Es leuchtet nicht ein, warum sie nicht ebenfalls am Aufbau der Wasserstoffwirtschaft teilnehmen sollen.

Als wichtigster Gasmarkt Europas hat Deutschland ein vitales Interesse daran, zum europäischen Wasserstoff-Drehkreuz zu werden. Als eine der wenigen verbleibenden Industrienationen Europas, deren Kernkompetenz der Maschinen- und Anlagenbau ist, hat Deutschland außerdem das Know-how, um bei allen Wasserstoff-Technologien an die Spitze zu gelangen. Am Schluss wird der Wettbewerb entscheiden, wer beim klimaneutralen Wasserstoff das internationale Rennen macht. Damit Deutschland nicht den Anschluss verliert, muss die Wasserstoffstrategie aber anwendungs- und technologieoffen angelegt werden.

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