Standpunkt Die Wasserstoffstrategie und das Lieferketten-Problem

Die Bundesregierung will den Ausbau von grünen Wasserstofftechnologien massiv fördern. Deutschland wird jedoch 80 Prozent des erwarteten Bedarfs nicht allein decken können. Die Bundesregierung möchte internationale Lieferketten für grünen Wasserstoff aufbauen. Das sagt sich leicht, ist aber sehr schwer umzusetzen, argumentiert Martin Borning, Local Partner der Kanzlei Greenberg Traurig in Deutschland in seinem Standpunkt.

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Mit ihrer Nationalen Wasserstoffstrategie möchte die Bundesregierung Deutschland zum Vorreiter bei Wasserstofftechnologien machen. Gleichzeitig soll Deutschland auch Vorbild in Sachen Nachhaltigkeit sein. Daher betont die Bundesregierung in der Nationalen Wasserstoffstrategie, dass nur Wasserstoff, der auf Basis erneuerbarer Energien hergestellt wurde („grüner“ Wasserstoff), auf Dauer nachhaltig sei. Damit wendet sie sich gegen Wasserstofftechnologien, die Wasserstoff nur CO2-neutral, nicht aber CO2-frei erzeugen.

So steht Deutschland vor der Herausforderung, den künftigen Wasserstoffbedarf Deutschlands allein aus erneuerbaren Energien zu decken. Die Bundesregierung erwartet bis 2030 eine Verdopplung des derzeitigen Wasserstoffbedarfs. Das Problem: Selbst bei Erreichen des Ausbauziels der Bundesregierung für Erzeugungsanlagen von grünem Wasserstoff bis 2030 wäre nur etwa ein Zehntel dieses erwarteten Bedarfs gedeckt. Die Bundesregierung geht zukünftig von einem globalen und europäischen Wasserstoffmarkt aus. Offen bleibt dabei, wer den grünen Wasserstoff zur Verfügung stellen soll.

Keine Abstimmung mit europäischen Partnern

Die Bundesregierung hat ihre Nationale Wasserstoffstrategie ohne Rückkopplung mit den europäischen Partnern entworfen. Dabei ist Deutschland nur einer von mehreren europäischen Staaten, der eine Wasserstoffstrategie erarbeitet. Die Niederlande und Portugal haben ihre jeweiligen Strategien bereits veröffentlicht. Dabei besteht kein Konsens, dass allein grüner Wasserstoff förderungswürdig sei. Vor allem die Niederlande möchten auch anders CO2-neutral erzeugtem Wasserstoff fördern.

Sie wollen aber Wasserstoff nicht nur erzeugen, sondern auch importieren und mit ihren großen Hafenanlagen zu einem bedeutenden Drehkreuz für Wasserstoffimporte nach Europa werden. Eine entsprechend erforderliche, starke Verzahnung der deutschen mit der niederländischen Wasserstoffinfrastruktur erwähnt die deutsche Nationale Wasserstoffstrategie nicht einmal.

Als mögliche Lieferländer für Wasserstoff aus erneuerbaren Energien schaut die Bundesregierung auf die Anrainerstaaten von Nord- und Ostsee, vor allem in Hinblick auf Offshore-Windenergiekapazitäten, sowie auf Staaten Südeuropas. Mit ihnen möchte die Bundesregierung die Zusammenarbeit intensivieren. Auch diese Staaten stehen aber vor der Herausforderung, ihre Volkswirtschaften klimaneutral um- und eine Wasserstoffwirtschaft aufzubauen.

Nun ist das Potenzial für Strom aus erneuerbaren Energien in Europa sicherlich noch stark ausbaufähig. Allerdings stehen auch noch erhebliche Anstrengungen bevor, einen insgesamt grüneren Strommix zu erreichen. Ob daneben Kapazitäten für die Erzeugung von grünem Wasserstoff bestehen, die nicht nur den Bedarf der eigenen Volkswirtschaft decken, sondern auch noch Exporte nach Deutschland erlauben, erscheint zweifelhaft. Eine Einbettung der deutschen Nationalen Wasserstoffstrategie in die Strategien der europäischen Nachbarn hätte nicht nur einen stärkeren Gemeinschaftsansatz erzeugt, sondern auch die Umsetzung weitaus realistischer gemacht.

Schwierigkeiten mit internationalen Lieferanten

Partnerschaften mit Ländern, die grünen Wasserstoff nach Deutschland exportieren, zugleich aber ihren eigenen Strombedarf nicht aus grünem Strom decken, führen letztlich zu einer Förderung von weniger nachhaltigem Wasserstoff.  Vielmehr wird sogar der Einsatz fossiler Brennstoffe in den Partnerländern steigen. Wenn die Bundesregierung, sagt, es gelte „sicherzustellen, dass lokale Märkte und eine Energiewende vor Ort in den Partnerländern nicht behindert, sondern durch die Produktion von Wasserstoff unterstützt werden“, versucht sie sich an der Quadratur des Kreises.

Auf der Suche nach Partnerländern sieht die Bundesregierung aber dennoch Möglichkeiten für die aktuellen Produzenten- und Exportnationen fossiler Energieträger zu potentiellen Lieferländern für Wasserstoff zu werden. Denn, sie könnten Lieferketten auf die Nutzung von erneuerbaren Energien und Wasserstoff umstellen. Diese Aussage scheint stark auf Länder in Nordafrika und dem nahen Osten abzuzielen, deren klimatische Bedingungen durchaus großes Potential für Erzeugungsanlagen von Strom aus Solarenergie und anschließend grünem Wasserstoff bieten. Allerdings stellen sich hier andere politische Fragen, etwa: Ist es sinnvoll, sich in neue energiepolitische Abhängigkeiten von autokratisch regierten Staaten zu begeben? Oder:  Wie gelingt die Achtung von Menschenrechten in Nationen, die mit deutschen Fördermitteln unterstützt werden?

Zudem werfen diese Szenarien die Fragen nach einem CO2-freien Transport des grünen Wasserstoffs nach Deutschland auf, da ansonsten die Treibhausgasbilanz des Energieträgers beschmutzt wäre. Die Bundesregierung sagt, „THG-Emissionen beim Transport von Wasserstoff gilt es dabei zu vermeiden.“ Das ist grundsätzlich richtig, bedeutet aber, dass Tankschiffe für den Transport von Wasserstoff, egal ob sie in Rotterdam oder einem deutschen Importterminal anlegen, bereits mit synthetischen Kraftstoffen auf Wasserstoffbasis angetrieben werden müssen. Hierzu trifft die Nationale Wasserstoffstrategie ebenfalls keine Aussage. An dieser Stelle kommt es zum Henne-Ei Problem in der Lieferkette. Was wird zuerst da sein: Transportschiffe mit Wasserstofftechnologie oder eine ausgebaute Wasserstoffinfrastruktur mit hinreichend Erzeugungskapazitäten für grünen Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe?

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