Standpunkt Digitalisierung der Energiewende – ohne Datenschutz kein Erfolg

Intelligente Stromzähler sollten ausgewählte Verbraucher schon ab 2017 erhalten. Doch Verzögerungen im Zertifizierungsprozess durch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik bremsen das Projekt aus und versetzen eine Branche in Wartestellung. Der ehemalige Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Peter Schaar, plädiert in seinem Standpunkt dennoch für Geduld und betont die Relevanz der strengen Sicherheits-Vorgaben.

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Die Einführung intelligenter Stromzähler stockt. Ursprünglich schon vor über zwei Jahren angedacht, tritt das Projekt seit geraumer Zeit auf der Stelle und lässt eine ganze Branche zweifeln. Den Schuldigen für diesen Umstand haben einige Marktteilnehmer schnell ausgemacht: Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Zu hohe Vorgaben an die Technik, langwierige Verzögerungen in der Zertifizierung der so genannten Smart Meter – mit der Kritik am BSI wird nicht gespart. Grund genug, einige Dinge ins richtige Licht zu rücken.

Intelligent und nicht bloß „modern“

Auch wenn es innerhalb der Strom- und Energiebranche kein Geheimnis mehr ist, scheint es mir angebracht, noch einmal auf eine häufig übersehene Tatsache hinzuweisen: Den Unterschied zwischen bloß „modernen“ und intelligenten Stromzählern. Während im normalen Sprachgebrauch viele Menschen die Begriffe quasi synonym verwenden würden, macht es bei Stromzählern einen elementaren Unterschied. Denn ein digitaler Stromzähler ist nicht automatisch intelligent. Im Gegenteil, vielfach bietet er nur wenige Vorteile gegenüber den altbekannten schwarzen Ferraris-Zählern, die heute noch in den meisten Kellern zu finden sind, deren Funktion sich darauf beschränkt, den jeweiligen Verbrauch zu registrieren.

Die Zukunft beginnt erst mit intelligenten Stromzählern, die im Unterschied zur „modernen Variante über eine Kommunikationseinheit verfügen, mit der Daten ausgetauscht werden können. Erst durch diese Eigenschaft lassen sich zukunftsfähige Konzepte, wie zum Beispiel eine Smart City, realisieren. Allerdings ist dabei die Gewährleistung des Datenschutzes und der IT-Sicherheit von zentraler Bedeutung. Und hier kommen Smart Meter Gateways ins Spiel, mit denen sich intelligente Stromversorgung und -abrechnung bei gleichzeitiger Gewährleistung des Datenschutzes realisieren lassen.

Wenn wir uns im Zuge der Klimadebatte mit der Energieversorgung durch nicht-fossile Energieträger beschäftigen, wird dieses Vorhaben ohne eine passende Infrastruktur – die eben auf diesen intelligenten Stromzählern beruht – nicht umsetzbar sein. Sie sind damit ein zentrales Element, um die Energiewende innerhalb der bestehenden Stromnetze zu verwirklichen und haben dadurch auch einen entscheidenden Einfluss auf andere Zukunftsprojekte wie zum Beispiel die Verkehrswende.

Gründlichkeit vor Schnelligkeit!

Aufgrund ihrer Bedeutung ist es deshalb nicht verwunderlich, dass für die Einführung der Smart Meter Gateways ein besonders gründliches – und ja, im Zweifelsfall auch langwieriges – Zertifizierungsverfahren festgelegt wurde. In Deutschland hat man mit dieser Aufgabe die wichtigste Instanz in Sachen IT-Sicherheit betraut – das BSI. Da in Zeiten der Digitalisierung der Datenschutz und die Datensicherheit von zentraler Bedeutung sind, ist es umso wichtiger, hier die nötige Sorgfalt walten zu lassen.

Bisher hat das BSI nur für das Smart Meter Gateway eines einzigen Herstellers grünes Licht gegeben. Dies mag man bedauern, aber man sollte nicht übersehen, dass wir uns hier inmitten eines einzigartigen Pilotprojektes befinden. „Schnellschüsse“ versprechen hierbei selten einen nachhaltigen Erfolg.

IT-Sicherheit und Datenschutz: „Made in Germany“

Wir sollten uns klarmachen, dass wir mit dem Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende und dem dazugehörigen Messstellenbetriebsgesetz gewissermaßen Neuland betreten haben, das uns aber auch einmalige Chancen bietet. Denn es hat das Potential für ein Projekt mit Vorbildcharakter. Ich halte es zudem für eine bemerkenswerte Randnotiz, dass das BSI die Zertifizierungsrichtlinien für Smart Meter Gateways auf Englisch verfasst hat. Damit verdeutlicht das BSI, das es über den nationalen Tellerrand blickt und sowohl hinsichtlich der Hersteller als auch der Nutzer die europäische und internationale Perspektive im Blick hat und hinsichtlich der Vorgaben zum Datenschutz und zur Cybersicherheit sogar weltweit Maßstäbe setzt.

Eine Infrastruktur, die auf dieser stabilen und sogar staatlich zertifizierten Basis ganze Städte vernetzt, erscheint mir als tragfähiges Konzept, das durchaus auch in anderen Ländern Schule machen könnte. Deshalb plädiere ich für ein Stück mehr Geduld und Weitsicht. Die Dimension des Vorhabens ist einfach zu wichtig, um die Flinte vorzeitig ins Korn zu werfen und sich mit „zweitbesten“ Lösungen zufrieden zu geben, die weder betriebswirtschaftlich noch gesellschaftlich nachhaltig sind.

Privacy by Design: mehr als eine Phrase

Die Akzeptanz einer Technologie basiert zu einem großen Teil auf dem Vertrauen in ihre Leistungsfähigkeit und ihre Sicherheit. In einem Zeitalter, wo der stetige Austausch von Daten ganze Geschäftsmodelle erst möglich gemacht hat, zählen Datenschutz und Datensicherheit zu den wichtigsten Faktoren, die den Erfolg einer Technik ausmachen. Im Zusammenhang mit intelligenten Stromzählern kann man die Wichtigkeit ihrer Rolle, die sie für zukunftsfähiges Messwesen einnehmen, nicht genug betonen. Sie dienen dem zuverlässigen Schutz der Privatsphäre und setzen der Datensammelwut Grenzen, die wir etwa bei US-amerikanischen oder chinesischen „Datenkraken“ laufend vor Augen haben.

Das BSI hat die wichtige Aufgabe, mit seinen strengen Vorgaben den Abfluss von Daten und die Manipulation der „kritischen Infrastruktur“ Energieversorgung zu verhindern. Das Stichwort lautet Datensouveränität: Alle Beteiligten – Anbieter und Kunden – müssen darauf vertrauen können, dass nur die erforderlichen und gesetzlich zulässigen Daten verarbeitet und dass die entsprechenden Prozesse abgesichert werden. Dafür wird im Smart Meter Gateway ein fester Turnus für den Abfrageprozess von Daten definiert.

Wenn ein Stadtwerk heutzutage lediglich einen einzigen Messwert benötigt, um den jährlichen Verbrauch zu ermitteln, kann im intelligenten Stromzähler festgelegt werden, dass dieser Wert auch nur einmal im Jahr übermittelt wird. Andererseits kann es durchaus Sinn machen, Abfragezyklen im Hinblick auf die konkreten Umstände (Betrieb von Photovoltaikanlagen, neue Tarifmodelle) flexibler zu gestalten. Kurz gesagt: Der Verkäufer des Stroms erhält nur die Daten, die er auch braucht. Entscheidend ist dabei, dass die Festlegungen in einem klar definierten und auch für den Verbraucher transparenten Umfeld erfolgen.

Verantwortlich für Datenauslesung und Einstellung des Turnus sind die so genannten Smart Meter Gateway Administratoren – eine Befähigung, die wiederum auch durch das BSI genehmigt werden muss. Auf diese Weise schafft man sowohl von technischer als auch von administrativer Seite Schutzmechanismen, die den Kunden nicht gläsern werden lassen. Ich denke, dass das BSI mit diesem Ansatz dem Gedanken von „Privacy and Security by Design“ sehr nahekommt. Denn dieser besagt, dass Datenschutz und IT-Sicherheit bereits bei der Konzipierung und Entwicklung von Software und Hardware berücksichtigt wird.

Fazit

Niemand wartet gerne. Doch manchmal rechtfertigt die Bedeutung einer Sache auch etwas höhere Hürden – die Digitalisierung der Energiewende würde ich in jedem Fall dazu zählen. Hinsichtlich der Einführung intelligenter Stromzähler leistet das BSI Pionierarbeit, deren Erfolg unsere Energie-Zukunft absichert. Wir sollten es in seiner Arbeit unterstützen und gemeinsam an einem Strang ziehen. 

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