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Energie & Klima

Standpunkt

Ein Jahr Methane Pledge: Wir brauchen Regulierung statt heißer Luft

Foto: DUH/Heidi Scherm

Vor einem Jahr wurde auf der Klimakonferenz in Glasgow der Global Methane Pledge verkündet. Die unterzeichnenden Staaten verpflichten sich damit, den globalen Methanausstoß bis 2030 um 30 Prozent zu reduzieren. Sascha Müller-Kraenner, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, zieht Bilanz: Noch immer werde viel zu wenig gegen den wachsenden Methanausstoß getan. Besonders große Leerstellen seien die Regulierung fossiler Energieimporte und der Landwirtschaft.

von Sascha Müller-Kraenner

veröffentlicht am 02.11.2022

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Methan ist ein Booster für die Klimakrise. Über einen Zeitraum von 20 Jahren gerechnet erhitzt es das Klima mehr als 80 Mal stärker als CO2. Das zweitgefährlichste Treibhausgas hat bereits jetzt ein Viertel der Erderhitzung verursacht und sein Ausstoß steigt immer weiter. Eine Trendwende ist längst überfällig. Wenn wir den „Methane Pledge“ nicht mindestens erfüllen, rückt die 1,5-Grad-Grenze schon in dieser Dekade in unerreichbare Ferne. Die Ernsthaftigkeit der Lage ist in der Politik aber noch nicht angekommen.

Im Energiesektor sind die kurzfristigen Einsparpotenziale am Größten. Laut der Internationalen Energieagentur könnten hier 60 bis 80 Prozent der Methanemissionen ohne Mehrkosten eingespart werden. Dass das bislang nicht passiert, ist ein Armutszeugnis für die Industrie. Es braucht also klare gesetzliche Regeln, um diese Einsparungen zu erreichen. Die Infrastruktur für fossiles Gas, das hauptsächlich aus Methan besteht, muss regelmäßig auf Leckagen überprüft und gewartet werden. Die Emissionsberichterstattung muss auf Basis von Messungen erfolgen, und das routinemäßige Ablassen und Abfackeln von Methan muss verboten werden.

All dies ist bis jetzt noch nicht Vorschrift. Die Konsequenz: Leckagen bestehen teils monate- oder jahrelang und die tatsächlichen Emissionen des Energiesektors werden in der Berichterstattung massiv unterschätzt. Selbst das Umweltbundesamt rechnet das Problem klein und verwendet anstatt Daten aus dem jüngsten IPCC-Bericht immer noch die deutlich niedrigeren Zahlen aus dem Jahr 2004.

EU-Rat untergräbt Methanverordnung

Ausgerechnet die USA machen Europa nun vor, wie es geht. Mit dem Inflation Reduction Act und neuen Regeln der US-Umweltbehörde wurde schon vor Monaten ein starkes Maßnahmenpaket gegen den in den USA besonders hohen Methanausstoß vorgelegt. In der EU wird hingegen seit fast zwei Jahren über die neue Methanverordnung verhandelt. Ein eigenes EU-Methanziel, das den Methane Pledge für die Mitgliedstaaten verpflichtend machen würde, ist dabei nicht einmal im Gespräch. Auch die Vorketten werden trotz Aufforderungen des Europäischen Parlaments völlig vernachlässigt, obwohl hier 75 bis 90 Prozent der Methanemissionen der EU-Gas-, Öl- und Kohleimporte entstehen.

Die Kommission will sich hier auf neue Informationspflichten beschränken, obwohl es durchaus Vorlagen für WTO-konforme Handelsbeschränkungen zum Beispiel im Bereich der illegalen Abholzung gibt. Das wäre ein wichtiger Hebel, um Öl- und Gasproduzenten im Nahen Osten und Afrika zur Methanminderung zu veranlassen.

Dazu wird hinter den Kulissen am Gesetzesvorschlag der Kommission gesägt, der zumindest erstmals Vorschriften für die Kontrolle von Methanemissionen der Energieinfrastruktur in Europa vorsieht. Die Mitgliedstaaten wollen durch einen extrem hohen Reparatur-Grenzwert erreichen, dass nur die größten Leckagen überhaupt repariert werden müssen. Zudem wollen sie die Methanverordnung durch längere Umsetzungsfristen, seltenere Inspektionen und eine Einschränkung des Geltungsbereichs schwächen. Deutschland hat sich hier bis jetzt viel zu passiv verhalten und der Aushöhlung der Methanregulierung zugesehen.

Landwirtschaft: Leerstelle trotz Koalitionsvertrag

Auch in der Landwirtschaft braucht es grundlegende Änderungen, sonst ist die Methanreduktion um 30 Prozent nicht zu erreichen. Die industrielle Tierhaltung muss als einer der größten Methanemittenten in die Pflicht genommen werden. Bislang gibt es für den Agrarsektor keine konkreten Minderungsmaßnahmen und –vorgaben. Stattdessen wird der Methanausstoß indirekt durch die Fehlverteilung von EU-Agrarsubventionen auch noch belohnt, die auch für industrielle Rinderställe und die intensive Bewirtschaftung von Moorböden vergeben werden.

Die EU-Kommission muss die Gemeinsame Agrarpolitik grundlegend reformieren und die Subventionen nach 2027 klimabewusst umverteilen. Unbedingt gestoppt werden muss der Versuch, über die Revision der Industrieemissionsrichtline den Bau neuer Massentierhaltungen massiv zu vereinfachen. Wir brauchen von Berlin und Brüssel konkrete Maßnahmen für die Transformation der exportfixierten Fleisch- und Milchwirtschaft.

Es müssen neue Ziele verankert werden, wie etwa die Selbstversorgung mit gesunden und umweltverträglichen Lebensmitteln, die Deckung des Bedarfs an heimischen Proteinpflanzen und die Erhaltung klimaresilienter Böden und intakter Agrarökosysteme. Zentral ist dafür die Reduzierung der Tierplätze in der industriellen Massentierhaltung. Methanreduzierende Verfahren wie Weidehaltung, extensive Auenweiden und vor allem wiedervernässte Moore müssen gefördert werden – Mittel hierfür stünden mit dem nationalen Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz zur Verfügung. Hier ist trotz Ankündigungen im Koalitionsvertrag noch deutlich zu wenig passiert.

Ein Jahr nach dem Start des Methane Pledge stehen wir also immer noch am Anfang. Das ist dramatisch, weil wir schnell handeln müssen. Die Bundesregierung hat immer noch kein eigenes Reduktionsziel für das zweitwichtigste Treibhausgas. Wir brauchen einen nationalen Aktionsplan mit konkreten Maßnahmen für die Landwirtschaft und einer ambitionierten Umsetzung der EU-Methanverordnung.

Auch das nationale Treibhausgasinventar muss dringend auf den Stand der Wissenschaft gebracht werden. Einhergehen muss dies mit einem stärkeren internationalen Engagement der Bundesregierung, beispielweise durch die Förderung von Flare-Capture-Projekten in Herkunftsländern. Hier stehen wir als größter Energieimporteur in der EU vor einer besonderen Verantwortung – gerade angesichts des massiven geplanten Ausbaus der fossilen LNG-Infrastruktur.

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