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Energie & Klima

Standpunkt

Eine neue Biogasstrategie: Sicherheit für Teller und für Tank

Markus Hümpfer, Bundestagsabgeordneter der SPD-Fraktion
Markus Hümpfer, Bundestagsabgeordneter der SPD-Fraktion Foto: MdB Hümpfer/Fionn Grosse

Das Jahr 2022 hat die energiepolitische Landkarte durcheinandergewirbelt. Der Gasimport aus Katar, der Streckbetrieb von Atomkraftwerken und die Fortführung von Kohleverbrennung erscheinen als notwendige Übel. Sogar das verhasste Fracking sei wieder in der Diskussion. Dabei gebe es eine saubere, zuverlässige und heimische Energiequelle, deren Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft sei, meint der SPD-Abgeordnete Markus Hümpfer: Biogas.

von Markus Hümpfer

veröffentlicht am 24.10.2022

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In rund 9700 Biogasanlagen in Deutschland werden organische Materialien wie Gülle, Bioabfälle oder Energiepflanzen gesammelt, vergoren und in Biogas, eine Art unreines Methan, umgewandelt. Das hat drei Vorteile: Erstens würde sich dieser Prozess andernfalls zum Teil auf Halden und Äckern abspielen. Das entstehende Methan würde in die Atmosphäre entweichen. Zweitens kann man die Rückstände der Anlagen als Dünger nutzen. Die Produktion ist also gut für die Landwirtschaft. Drittens kann man das Biogas sinnvoll nutzen. Man kann es entweder verstromen oder reinigen und ins Erdgasnetz einspeisen. Die Biogasproduktion schont also das Klima und trägt zu unserer Energieversorgung bei.

Grün, flexibel und speicherbar – genau das, was wir brauchen

In der Regel wird Biogas verstromt, da die Reinigung und Einspeisung als Biomethan technisch sehr aufwändig ist. Die Verstromung kann unabhängig von Tageszeit und Wetter geschehen. Die Anlagen können gespeichertes Gas entweder im Dauerlastbetrieb oder flexibel auf Knopfdruck liefern, wenn Photovoltaik und Windkraft gerade Dunkelheit und Flaute erleben. Das macht Biogas zu einem wichtigen Baustein in unserer Energieversorgung. Außerdem wird in den meist dezentralen kleinen Kraftwerken auch noch Wärme produziert, die man in Netzen nutzen kann. All das macht Biogas zu einer wertvollen Ressource im Energiesystem der Zukunft und ganz besonders im kommenden Winter.

Glücklicherweise können die bestehenden Anlagen ihre Produktionsleistung ohne Probleme kurzfristig um bis zu 19 Terrawattstunden Gas pro Jahr steigern und zu rund sieben Terrawattstunden Strom umwandeln. Zum Vergleich: das entspricht rund vier Prozent der russischen Erdgasimporte oder dem Stromverbrauch von zwei Millionen deutschen Haushalten im Jahr.

Was der kurzfristigen Ausweitung der Produktion im Wege stand, war die deutsche Bürokratie. Mit der Novelle des Energiesicherungsgesetzes (EnSiG 3.0) hat die Ampel-Koalition hinderliche Paragrafen im Baugesetzbuch vorübergehend geändert. Restriktionen, die die Erzeugung von Biogas innerhalb der EEG-Förderung begrenzen, sind bis Ende 2023 aufgehoben. Auch der sogenannte Güllebonus wird, sofern die EU-Kommission keine Einwände erhebt, flexibilisiert. Dieser entfällt vorübergehend nicht mehr, nur weil man kurzfristig die Substratzusammensetzung ändert. Das ist ein Anreiz, all das zu verfeuern, was an Abfallstoffen gerade anfällt, und nicht das, was man vor Jahren mal in einem Formular angegeben hat.

Strategiewechsel hin zu mehr Zentralität

Das ist aber nur die kurzfristige Perspektive. Um das Potenzial von Biogas langfristig voll auszunutzen müssen wir in Deutschland unsere Strategie ändern. Die dezentrale Energieerzeugung ist zwar eine Säule unseres zukünftigen Energiesystems. Sie ist aber im Fall der der Biogasproduktion ineffizient und nicht zielführend. Sie ist der Grund, warum Tank-Teller-Diskussionen und die Vermaisung der Landschaft die Ausbaupfade bisher zu Recht blockieren. Auch wenn es seltsam klingen mag: Große, zentrale Anlagen sind der Schlüssel zum Erfolg.

In einer idealen Welt nutzen wir in den Biogasanlagen Abfallstoffe aus Landwirtschaft, Industrie und Haushalten, die so oder so anfallen. Dann steht die Biogasproduktion nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Dann ist die Klimabilanz optimal. Doch häufig gibt es auf dem Bauernhof, auf dem eine einzelne kleine Anlage steht, nicht ausreichend viele Abfallstoffe. Dann werden die für den Betrieb notwendigen Mengen nur durch eigens dafür angebaute Energiepflanzen erreicht. Deren großflächiger Anbau und Vergärung wurde außerdem durch die frühere EEG-Förderkulisse begünstigt. So kam es zur sprichwörtlichen Vermaisung der Landschaft, weil Mais als Energiepflanze den besten Energiewert für die Biogasproduktion bietet.

Es braucht noch kleine Anlagen, aber gezielter

Große, zentrale Anlagen können dieses Problem entschärfen. Anstatt die Stoffe unmittelbar auf dem Bauernhof, auf dem sie anfallen, zu vergären, werden sie im Umkreis der Anlage eingesammelt und zentral vergoren. Dadurch sinkt die Beimischung von Energiepflanzen spürbar oder entfällt komplett.

Die zentrale Produktion ermöglicht zweitens eine sinnvolle Wärmenutzung. Denn nur selten wird es sich lohnen, eine Biogasanlage fern der Siedlungsgebiete an ein Nah- oder Fernwärmenetz anzuschließen. Die Wärme ist damit in der Regel verloren. Auch ist die Reinigung von Biogas umso effizienter, je größer die Anlage ist. Wirklich wirtschaftlich ist die Produktion von Biomethan, welches Erdgas ersetzen kann, meist erst in größeren Anlagen.

Doch das heißt nicht, dass wir auf kleine Biogasanlagen verzichten können. Insbesondere dann, wenn Fahrtstrecken zu weit sind, bieten diese weiterhin die beste Verbindung aus Wirtschaftlichkeit und Klimaschutz. Wir brauchen beides. Wir brauchen sogar weiterhin Anlagen, die mit speziell angebauten Energiepflanzen bestückt werden. Auch diese haben ihre Berechtigung für unsere Energieversorgung und – über die Gärsubstrate – für unsere Landwirtschaft. Doch wir müssen mit einem intelligenten Zuschnitt der gesetzlichen Rahmenbedingungen vermeiden, dass sie dort wachsen, wo Lebensmittel angebaut werden könnten. Das Ziel ist maximale Versorgungssicherheit und Nachhaltigkeit bei minimaler Teller-Tank-Konkurrenz.

Lernen von den Nachbarn

Dass die Ergänzung um zentrale, große Biogasanlagen vorteilhaft zeigen kann, zeigt das Beispiel Dänemark. Dort sammeln die Betreiber zentraler Anlagen Gülle und Mist von Bauernhöfen und Lebensmittelabfälle von Industrie, Supermärkten und Haushalten ein. Strategisch günstig gelegene Biogasanlagen halten die Fahrtstrecken gering. Regionen mit einer hohen Dichte an Viehhaltung bieten sich besonders an, sodass schon in einem Umkreis von 20 oder 30 Kilometern beträchtliche Mengen an Gülle oder Abfällen aus der Lebensmittelindustrie anfallen. Auf diese Weise deckt Dänemark rund 25 Prozent seines Gasverbrauchs mit Biogas.

Auch in Deutschland müssen wir den bisher rein dezentralen Ansatz um zentrale Strukturen ergänzen. Wir brauchen zentrale, große Biogasanlagen mit den Logistikketten, um die Abfälle in einem größeren Umkreis einzusammeln. Überall, wo es die Fahrtwege ermöglichen, sollten bestehende Kleinanlagen zusammengelegt oder durch große ersetzt werden.

Zukünftig zentrale Rolle

Die Biogasproduktion kann uns helfen, uns unabhängiger von flüssigem Erdgas aus zweifelhaften Quellen, von einer Fortsetzung der Atomkraft, von Kohleverstromung und von Gedankenspielen über Fracking zu machen. Das haben auch das  Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft und das Bundesministerium für Umwelt Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz in den Eckpunkten ihrer  künftigen Biomassestrategie zum Ausdruck gebracht. Jetzt muss aus diesen Eckpunkten möglichst schnell eine konkrete Vorgehensweise erarbeitet werden. Ein Baustein ist dabei unabdingbar: der Umstieg auf große, zentrale Anlagen. Nur so können wir Wirtschaftlichkeit, Energiesicherheit, Klima- und Umweltschutz in Einklang bringen und Biogas optimal für unsere Energieversorgung nutzen.

Markus Hümpfer ist Bundestagsabgeordneter der SPD-Fraktion und Mitglied im Ausschuss für Klimaschutz und Energie. Er ist unter anderem Berichterstatter für Biogas und Biomasse.

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