Standpunkt Energiewende lebt vom Machen

Flexible Gaskraftwerke sind für die Energiewende notwendig, ebenso wie ein möglichst emissionsfreier Erdgastransport und bezahlbare Preise: Mecklenburg-Vorpommerns Energieminister Christian Pegel (SPD) argumentiert in seinem Standpunkt für die Fertigstellung der umstrittenen Ostsee-Pipeline Nord Stream 2.

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Mecklenburg-Vorpommern ist durch und durch norddeutsch – im Nordosten will man die Energiewende umsetzen, nicht darüber theoretisieren. Klimaschutz praktisch machen, nicht nur drüber schnacken, wie im Norden augenzwinkernd eine allzu diskussionsfokussierte Debattenkultur genannt wird.

Und zum Umsetzen eines dermaßen komplexen Projektes wie der Energiewende gehört die Realität – mit technischen Möglichkeiten, industriegesellschaftlichen Anforderungen und sozialen Wirklichkeiten. Das gilt selbst in Mecklenburg-Vorpommern, das heute schon rein rechnerisch mehr als 180 Prozent seines eigenen Energiebedarfs im Land aus erneuerbaren Energien deckt.

Rein rechnerisch meint aber eben auch: Es gibt Tage, an denen Sonne und Wind nur 15 Prozent des (auch) an diesen Tagen benötigten Strombedarfs decken. Und es gibt Tage, an denen mehr als 400 Prozent des eigenen Strombedarfs im Land aus Sonne und Wind gespeist werden können. Diese Strommengen „gerecht“ auf die Tage zu verteilen, ist eine der großen Herausforderungen der kommenden zwei bis drei Jahrzehnte.

Da die Zunahme fluktuierender Energieerzeugung aus Sonne und Wind konsequent fortgesetzt werden muss, für die Zeiträume nicht ausreichender Versorgung aus diesen Quellen aber gesichert Energie bereitstellende Kraftwerke benötigt werden und Speicher- sowie Power to X-Technologien dies erst langsam hochfahrend sein werden, sind in der Zwischenzeit konventionelle Kraftwerke unverzichtbar.

Eine neue Pipeline reduziert den Gasschlupf

Da Kohleverstromung und Kernkraft – richtigerweise – in festen Zeitplänen aus den Netzen gehen, sind Gaskraftwerke die einzige und für die Brückenfunktion sehr sinnvolle Alternative. Bei der Gasnutzung für die Stromerzeugung entsteht weiterhin CO2, aber nur die Hälfte im Vergleich zu Braunkohle und ein Drittel weniger als bei der Steinkohleverstromung.

Als Sorge bleibt, dass unkontrollierte Gasentweichungen bei der Förderung und in den Transportsystemen aufgrund der wesentlich höheren Klimaschädlichkeit von Methan in Relation zu CO2 diese positivere Bilanz wieder verhageln. Dabei wird übersehen, dass die Gefahr von Gasentweichungen stark vom Alter und der Pflege der jeweiligen Pipeline abhängen. Außerdem liegt ein Schwerpunkt der Entweichungen offenbar in den Kompressoren, die das Gas während seiner Pipeline-Reise immer wieder verdichten.

Eine neu gebaute Pipeline, die ihre Dichtigkeit bei Fertigstellung nach heutigen technischen Standards nachweisen muss, ist dann also eher Lösung als Problem. Dies gilt umso mehr, wenn diese unter der Ostsee verläuft und knapp 1300 Kilometer ohne Verdichtung durch Kompressoren auskommt, weil der Wasserdruck hilft.

Selbst wenn aber Gas durch diese Transportverluste in wenig gepflegten Leitungen und Kompressoren in seiner Klimaschädlichkeit je erzeugte Kilowattstunde wieder zur Schädlichkeit zur Kohle aufschlösse, bleibt, dass Gaskraftwerke wesentlich flexibler und sehr viel schneller regelbar sind als anderen konventionelle Kraftwerke. Damit passen sich Gaskraftwerke wesentlich geschmeidiger in die Lücken ein, die Strom und Sonne bei der Stromproduktion lassen, solange Speicher und Wasserstoff noch am Anfang und nicht am Ende ihrer Entwicklung hin zur Marktfähigkeit stehen.

Akzeptanz lebt auch von bezahlbaren Preisen

Ein wenig wie beim Grillen im Sommer. Während der mit Kohle Grillende noch anheizt, grillt der Gasgrillbesitzer schon. Wenn dieser schon längst abgeschaltet hat, hält der Kohlegrillfreund noch stundenlang Brandwache. Ähnlich stark unterscheiden sich die Flexibilitäten von Kohle- und Gaskraftwerken. Allein durch das schnelle Anpassen kommt erneuerbarer Strom deutlich häufiger und konsequenter zum Einsatz und hilft schon damit, CO2-schädliche konventionelle Kraftwerke nur noch dann zum Einsatz kommen zu lassen, wenn es unvermeidlich ist.

Wer Energiewende will, muss sie machen. Wer sie praktisch umsetzt, braucht mindestens für die kommenden zwei Jahrzehnte eine Brückentechnologie. Nur damit lassen sich die Ziele Energiewende, Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit gemeinsam erreichen. Und die beiden letzten Ziele werden entscheidend dafür sein, ob die Akzeptanz der Energiewende sich breit in der Bevölkerung aufrechterhalten lässt.

Der Transformationsprozess zu einer CO2-freien Energieerzeugung braucht in einer Demokratie breite Akzeptanz. Zweifel an der Versorgungssicherheit – in jeder Sekunde eines Jahres – zahlen hierauf negativ ein. Gleiches gilt, wenn zu extreme Preisentwicklungen durch zu viele Haushalte als soziale Gefährdung gefürchtet werden. Die Brücke in die komplett aus erneuerbaren Energien versorgte saubere Energiewelt führt notwendig über den Nadelstich der temporären Gasnutzung.

Wer diese für den Erfolg der Energiewende notwendige Brückentechnologie akzeptiert, muss sich vergewissern, dass die Gasmengen ausreichend sein werden. Während der Gasbedarf in der EU im Jahr 2000 noch zu mehr als der Hälfte in Westeuropa durch eigene Förderung gesichert wurde, rauscht diese Eigenförderung schon in wenigen Jahren auf weniger als 15 Prozent des europäischen Bedarfs herunter. Selbst bei abnehmendem Gasbedarf in Europa muss ein größerer Teil der abnehmenden eigenen Förderung kompensiert werden.

Dazu könnten auch LNG-Importe beitragen – wer aber Preise als wesentliches Kriterium einer breiten Akzeptanz für die Energiewende nicht aus dem Blick lässt, weiß, dass Gas aus Pipelinetransporten weniger belasten wird. Da die Sorge um unkontrolliertes Entweichen von Gas bei der Förderung für Pipelinetransporte kaum höher sein wird als bei Förderungen für eine spätere LNG-Verflüssigung von Gas und beide Pipelinetransporte brauchen – beim LNG bis zur Verflüssigungsanlage –, wird man bei einer seriösen Abwägung den erheblichen Energieaufwand für die Verflüssigung und die Transporte des LNG einbeziehen müssen.

Nord Stream 2 sichert auch die europäische Versorgung

Vorteilhafter sind deshalb Gasimporte mittels Pipelines, die wie beim Neubau der Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 dem aktuellen technischen Stand entsprechen. Deshalb muss der schon zu mehr als 95 Prozent fertiggestellte Bau der Pipeline zum Abschluss kommen.

Dieses in rechtsstaatlichen Verfahren in mehreren Ländern genehmigte Projekt, das mit der auf der Festlandsseite an die Nord Stream 2 anschließenden, neu errichteten und bis Tschechien laufenden EUGAL-Pipeline erkennbar einen europäischen Versorgungssicherheitsauftrag erfüllen wird, ist notwendig. Deutsche Unternehmen, die sich an der Fertigstellung beteiligen, werden derzeit durch völkerrechtswidrige amerikanische Sanktionen bedroht. Dieses Problem muss die Bundesregierung mit der amerikanischen Regierung klären.

Die in Mecklenburg-Vorpommern gegründete Stiftung wird weder die Pipeline bauen noch betreiben, sie kann bei Sanktionsproblemen helfen – aber nur als Nebenzweck. Hauptzweck der Stiftung ist die langfristige Unterstützung von Klimaschutz- und Sektorenkopplungsprojekten in Mecklenburg-Vorpommern. Forschung in Hochschulen und mittelständischen Unternehmen soll ebenso gefördert werden wie Projekte kleiner und großer Initiativen.

Praktisches Anpacken statt reine moralische Lehre

Ist es problematisch, für die Brückentechnologie Gas einzutreten? Nur wenn man sich mit fleißig in Worten geführter reiner moralischer Lehre besser fühlt als mit einem praktischen Anpacken, um das berechtigte, aber anspruchsvolle Ziel Klimaneutralität der Energieversorgung im Jahr 2050 tatsächlich umzusetzen.

Nord Stream 2 und die Klimastiftung sind nicht Teil eines Problems, sondern Teil der Lösung praktischen Erreichens. Denn Energiewende nur zu wollen genügt nicht. Man muss sie praktisch machen – und dazu gehören auch Nadelstichen gleiche Entscheidungen wie die Unterstützung der wichtigen Brückentechnologie flexibel regelbarer Gaskraftwerke.

Christian Pegel (SPD) ist seit 2014 Minister für Energie, Infrastruktur und Digitalisierung des Landes Mecklenburg-Vorpommern.

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