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Energie & Klima

Standpunkt

Es braucht eine offene Diskussion über die CCS-Technologie

Reinhard Hüttl, Wissenschaftlicher Vorstand Deutsches Geoforschungszentrum
Reinhard Hüttl, Wissenschaftlicher Vorstand Deutsches Geoforschungszentrum Foto: Deutsches Geoforschungszentrum

Unsere Wälder sind wegen trockenheitsbedingter Schäden zum Teil zu CO2-Quellen geworden. Damit rückt die CCS-Technologie wieder in den Fokus, die hierzulande aber kritisch gesehen wird. Zu Unrecht, schreibt Reinhard Hüttl in seinem Standpunkt. Um Klimaschutzziele einzuhalten, brauche es dringend mehr Forschung zu CCS. Doch die findet längst in anderen Ländern statt.

von Reinhard Hüttl

veröffentlicht am 20.08.2020

aktualisiert am 15.07.2022

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Wenn die gegenwärtig gesellschaftspolitisch gesetzten Klimaziele in dem anberaumten Zeitraum tatsächlich erreicht werden sollen, führt nach jetzigem Wissensstand kein Weg an einer Entnahme von Kohlendioxid (CO2) aus der Atmosphäre vorbei. Grundsätzlich kann die Entnahme biologisch, insbesondere über Aufforstungsmaßnahmen, oder technisch über CO2-Abscheidung oder direkte Entnahme aus der Atmosphäre geschehen.

Die Vorstellung, große internationale Aufforstungsmaßnahmen könnten dabei einen zentralen und nachhaltigen Beitrag leisten, übersieht jedoch die Tatsache, dass die bestehenden Wälder bereits aktuell durch die jeweils regionalspezifischen Auswirkungen des sich vollziehenden Klimawandels mitunter massiv beeinflusst werden. 

Unsere Wälder sind zu CO2-Quellen geworden

Besonders anschaulich wird dies durch großflächige Waldbrände, wie wir sie in den letzten Jahren weltweit, aber auch bei uns, etwa in Brandenburg, erlebt haben. Gerade in Deutschland kommt es neben Waldbränden vor allem zu trockenheitsbedingten Waldschäden, die insbesondere bei den Nadelholzbeständen von Fichte und Kiefer zu großflächigen Absterbeerscheinungen von inzwischen über 250.000 Hektar geführt haben. Aktuell existieren aber auch Schäden bei Laubgehölzen, wie beispielsweise Eiche, Buche, Birke und Esche.

Unabhängig von der jeweiligen spezifischen, häufig komplexen Ursachenkonstellation dieser Schäden bedeutet diese Entwicklung, dass unsere Wälder regional nicht als CO2-Senken fungieren, sondern zu CO2-Quellen geworden sind. Insbesondere wenn die Schadhölzer nicht aus den Wäldern abtransportiert werden können, um sie einer entsprechenden Nutzung zuzuführen, emittieren sie kontinuierlich CO2. Dies bedeutet letztendlich auch, dass die Kalkulationen der CO2-Immobilisierung durch Waldwachstum so nicht aufrechtzuerhalten sind. 

Unter Berücksichtigung der dekadischen Klimaentwicklungsprojektionen des Deutschen Wetterdienstes herrscht zunehmend Ratlosigkeit, wie denn die Wälder der Zukunft nachhaltig gestaltet werden können. Ich sehe darin ein erhebliches Defizit in der Waldforschung, insbesondere was den sogenannten unterirdischen Wald anbelangt. Dringlich erscheint mir ein umfangreiches Forschungsprogramm zum Thema Wald und Holz sowie damit einhergehend adäquate strukturelle Entwicklungen, insbesondere die Vernetzung bestehender forstwissenschaftlicher forschungs- und anwendungsbezogener Einrichtungen. 

CCS-Technologie kann sicher zur Anwendung kommen

Da das biologische Potenzial der CO2-Immobilisierung zumindest regional mit Unsicherheiten verbunden ist, bleibt vor allem die technische Option. Dabei stellt sich die Frage, wohin mit dem CO2. Und hier muss zweifellos der geologische Untergrund eine entscheidende Rolle spielen, also die sogenannte Carbon Capture and Storage (CCS)-Technologie. Das Deutsche Geoforschungszentrum hat durch langjährige intensive Forschung – auch eingebunden in zahlreiche internationale Projekte – belegt, dass diese Technologie in Deutschland sicher zur Anwendung kommen kann. 

Im Rahmen der Diskussion zu der vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron eingebrachten Debatte zu einer kompletten Klimaneutralität 2050 hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel unter anderem mit dem Hinweis eingelassen, dass dies ohne CCS wohl nicht zu realisieren sei. Allerdings wird diese Technologie gesellschaftspolitisch kritisch diskutiert. In diesen Debatten wird die CCS-Technologie abgelehnt, ohne diese Hinweise mit den an sich notwendigen wissenschaftlichen Befunden zu belegen. Pauschalisierende Ableitungen aus anderen Kontexten sind dabei nicht hilfreich, da sie nicht adäquat auf die jeweils vorherrschenden geologischen Gegebenheiten eingehen.  

Erkenntnisgewinn findet nicht mehr in Deutschland statt

Es geht mir nicht darum, dass diese Technologie tatsächlich zum Einsatz kommt. Das ist nicht die Aufgabe von Forschungseinrichtungen. Wenn aber behauptet wird, diese Technologie sei nicht sicher anwendbar, dann ist es Aufgabe der Wissenschaft, ihre Stimme zu erheben, um die Fakten korrekt darzulegen. Und selbstverständlich braucht es bei der Anwendung dieser Technologie, wie bei der Anwendung jeglicher Technologie, adäquaten Sach- und Fachverstand.

Konsequenz derartiger einseitiger gesellschaftspolitischer Debatten ist, dass die relevante Forschung beendet wird, weil es dann eben nicht mehr opportun erscheint, erhebliche Steuermittel zur weiteren Erforschung derartiger Technologien zu verwenden. Der offensichtlich notwendige Erkenntnisfortschritt zu CCS findet deshalb aktuell nicht mehr in Deutschland, sondern in anderen Ländern wie Australien, Kanada oder Norwegen statt.

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