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Energie & Klima

Standpunkte Europäische Photovoltaik ist Hightech, Herr Lindner

Andreas W. Bett, Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme
Andreas W. Bett, Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme Foto: Fraunhofer ISE

Die politische Debatte über Hilfen für die Solarindustrie wird aus Sicht von Andreas W. Bett mit zu wenig Sachkompetenz geführt. Der Leiter des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme und Professor an der Uni Freiburg fordert nach dem Aus für den Resilienzbonus rasche Unterstützung für die Branche. Nichts zu tun wie bisher, sei keine Option.

von Andreas Bett

veröffentlicht am 16.04.2024

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Wir befinden uns in einer Zeit mit multiplen Krisen, darunter der Klimawandel, den es aufzuhalten gilt. Studien zeigen, dass die Transformation zu Nullemissionen durch unterschiedliche, heute verfügbare Technologien möglich ist. Die Photovoltaik (PV) ist dabei eine zentrale Säule für den Erfolg. Weltweit müssten über 70 Terawatt an Photovoltaik installiert werden, während derzeit nur etwas mehr als ein Terawatt vorhanden ist. Photovoltaik ist daher ein enormer Wachstumsmarkt mit einem erwarteten jährlichen Wachstum von über 25 Prozent in den kommenden 15 Jahren und stellt ein Multi-Milliarden-Euro-Geschäft dar.

Die aktuelle Regierung hat ehrgeizige Ziele für die PV-Installationen in Deutschland festgelegt. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck strebt bis 2030 eine installierte Leistung von 215 Gigawatt an, was zu einem jährlichen Zubau von 20 Gigawatt führen wird. Die Sicherheit und Stabilität der Lieferketten sind für den Erfolg entscheidend.

Nun sind wir und die gesamte Welt allerdings stark von chinesischen Produzenten abhängig, was auch von der Internationalen Energieagentur (IEA) als kritisch eingestuft wird. Durch bewusst gesetzte Rahmenbedingungen und gezielte Industriepolitik für den Ausbau und die Produktionskapazitäten hat China erreicht, dass heute bis zu 98 Prozent der Photovoltaik-Komponenten weltweit von chinesischen Produzenten stammen. Nicht umsonst hat daher auch die europäische Kommission den Net Zero Industry Act (NZIA) in Gang gesetzt, der darauf abzielt, dass Europa sich bei den grünen Energietechnologien von Abhängigkeiten befreit.

Mär von der angeblich simplen Photovoltaik

Die dafür notwendigen technologischen Fähigkeiten im Photovoltaikbereich sind nicht zu unterschätzen. Dennoch wird von Nicht-Experten immer wieder ins Feld geführt, dass eine Produktion von PV entlang der gesamten Wertschöpfungskette doch schnell in nur wenigen Monaten aufzubauen wäre. Auch die Politik scheint diese Mär so aufgenommen zu haben. Wie kann es sonst sein, dass Bundesfinanzminister Christian Lindner kürzlich im „Bericht aus Berlin“ davon sprach, dass PV-Technologie keine Hightech wäre – lediglich die Wechselrichter? Er kann hier wohl nur falsch informiert worden sein.

Fakt ist, dass die Photovoltaik heute auf einer Hightech-Siliziumtechnologie basiert. So wird als Ausgangsmaterial für effiziente Solarzellen hochreines Silizium – wie bei den Chips in der Mikroelektronik – verwendet. Die Prozessfolge in der Produktion ist wie bei der Mikroelektronik sehr komplex. Während bei der Mikroelektronik die Herausforderung in der Miniaturisierung liegt, besteht sie bei der Photovoltaik darin, die High-End-Produkte auf großer Fläche zu realisieren.

Beide Male geht es um Halbleitertechnologie – übrigens genau ein Grund, warum die Preis-Erfahrungskurven jeweils große Lernraten zeigen. In der politischen Debatte gibt es hier aber eine erhebliche Diskrepanz: Bei der Mikroelektronik wird von Hightech gesprochen und der Staat unterstützt die Ansiedlung von Intel in Deutschland mit zehn Milliarden Euro. Der PV hingegen wird Low-Tech unterstellt, und daher will man keine Unterstützung bereitstellen. Welch ein Irrtum!

Subventionsfrei auf einem Level Playing Field

Um Chinas weltweites Liefermonopol zu durchbrechen und Resilienz im PV-Bereich für Europa zu schaffen, bedarf es einer Menge technologischen Know-hows. Dies ist in Deutschland noch vorhanden und darauf kann gut aufgebaut werden. Entgegen den Erwartungen von Bundeskanzler Olaf Scholz ist es langfristig durchaus realistisch, dass die Photovoltaik in Europa subventionsfrei auf dem Markt agieren kann. Voraussetzungen dafür sind, dass ein Level Playing Field geschaffen wird und die politische Unterstützung bestehen bleibt. Es ist daher von entscheidender Bedeutung, dass jetzt die richtigen politischen Rahmenbedingungen gesetzt und entsprechende Maßnahmen ergriffen werden, um die Photovoltaikindustrie in Deutschland und Europa zu stärken.

Die Bundesregierung hat eine mögliche Maßnahme, den Resilienzbonus, abgelehnt. Beim Resilienzbonus war vorgesehen, dass für installierte Photovoltaikprodukte aus Europa eine geringfügig höhere Einspeisevergütung gewährt wird, um die mit europäischen Produkten höheren Investitionskosten von PV-Anlagen auszugleichen. Das Parlament muss noch über das Solarpaket I entscheiden, aber es ist unwahrscheinlich, dass der Resilienzbonus dort noch Einzug findet. Dies ist bedauerlich, da dieses Instrument schnell hätte wirksam werden können und produzierenden Mittelständlern im Photovoltaik-Bereich in der aktuellen Krise hätte helfen können.

Es ist jedoch auch nachvollziehbar, wenn kritisiert wird, dass der Resilienzbonus nur indirekt über die Stromgestehungskosten für die Produzenten wirksam wäre. Es bleibt bei diesem Ansatz offen, ob die Hilfe wirklich bei den Produzenten ankommen würde. Wir sollten uns klarmachen, dass jede Unterstützung auch die Gefahr einer Fehlsteuerung innehat. Die Alternative „Nichts tun“ verkennt jedoch die Realitäten in Bezug auf Resilienz und die Sicherung der technologischen Souveränität in Europa.

Offen für Co-Investitionen mit chinesischen Partnern

Europa und Deutschland sind stark genug und sollten sich so schnell wie möglich selbst aus dieser Abhängigkeit befreien, gerne auch in Kooperation mit China. So könnten chinesische Unternehmen hier in Europa mit europäischen Partnern gemeinsam investieren und so mit ihren Erfahrungen zum Aufbau einer Produktion positiv beitragen. Auf Subventionsprogramme in Amerika und Indien zu hoffen, könnte sich dagegen als Fehlschluss erweisen. Nach der Absage an den Resilienzbonus sollte die Regierung nun andere Wege zum Aufbau einer PV-Produktion vorantreiben, zum Beispiel durch den Abschluss des Interessenbekundungsverfahrens „Leuchtturmprojekte der Solarindustrie“.

Auch die Forschungswelt würde von einer industriellen Produktion vor Ort profitieren, um die Tandemstrukturen auf Silizium in die Anwendung zu bringen – die nächste Innovation aus Deutschland. Dabei darf nicht an Forschungsgeldern gespart werden, wie dies aktuell der Fall ist. Sonst riskieren wir unsere Zukunft.

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