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Energie & Klima

Standpunkt

Für den Erfolg der Wärmewende brauchen wir das Land

Jobst-Dietrich Diercks, Vorsitzender des Deutschen Verbands Flüssiggas
Jobst-Dietrich Diercks, Vorsitzender des Deutschen Verbands Flüssiggas Foto: Deutscher Verband Flüssiggas

Politisch wird die Wärmewende bisher vor allem aus Perspektive der Städte betrachtet. Jobst-Dietrich Diercks appelliert, auch den ländlichen Raum in den Blick zu nehmen. Dort, schreibt der Vorsitzende des Deutschen Verbands Flüssiggas, seien die infrastrukturellen Voraussetzungen und die Struktur des Gebäudebestands anders. Gebraucht werde eine breite Palette an Technologieoptionen zur wirtschaftlich effizienten CO2-Einsparung.

von Jobst-Dietrich Diercks

veröffentlicht am 18.08.2021

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Mit der Novelle des Bundes-Klimaschutzgesetzes steigt auch das Ambitionsniveau für den Klimaschutz im Gebäudebereich noch einmal. Die Bundesregierung will diesen unter anderem durch ihr Klimaschutz- Sofortprogramm 2022 unterstützen. In den kommenden Jahren sollen 4,5 Milliarden Euro in die Bundesförderung energieeffiziente Gebäude (BEG) fließen.

Wenn diese Mittel tatsächlich bewilligt werden, müssen sie zwingend zielgerichtet und effizient eingesetzt werden, damit wir die Wärmewende in den nächsten rund 25 Jahren erfolgreich umsetzen können. Um dies zu erreichen, ist es wichtig, den Unterschieden in der Gebäudestruktur zwischen ländlichen und städtischen Räumen Rechnung zu tragen. Die Wärmewende wird in der Politik bislang hauptsächlich aus der Perspektive von Städten und Ballungsräumen betrachtet. Der ländliche Raum, in dem rund 47 Millionen Menschen leben, wird noch nicht hinreichend mitgedacht. 

Unterschiedliche Gebäudestruktur berücksichtigen 

Die ersten Energieeffizienzstandards wurden 1976 eingeführt. Über 70 Prozent der Gebäude in ländlichen Regionen wurden vorher errichtet. Ihr vergleichsweises hohes Alter und die Tatsache, dass Gebäude auf dem Land in der Regel größer sind als jene in der Stadt, führen dazu, dass typische ländliche Ein- und Zweifamilienhäuser, die zwischen 1949 und 1976 gebaut wurden, einen um rund 50 Kilowattstunden pro Quadratmeter höheren Heizbedarf haben als städtische Mehrfamilienhäuser. 

Hinzu kommt, dass für rund drei Millionen Gebäude in Deutschland weder eine Erdgas- noch eine Fernwärmeversorgung realistisch sind, wie eine Auswertung des Deutschen Verbandes Flüssiggas ergab. Das liegt hauptsächlich an der Entfernung zur nächsten Gas- oder Fernwärmeleitung. Betroffen sind insbesondere Gebäudeeigentümer in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz – in diesen Ländern ist auch der Anteil der Ölheizungen am höchsten. 

Da wir auf dem Land viele große ältere Gebäude mit hohem Energieverbrauch und CO2-Austoß haben, hängt der Erfolg der Wärmewende davon ab, dass deren Eigentümer daran mitwirken. Entscheidend dafür sind wirtschaftlich attraktive Lösungen. Und hier unterscheiden sich die Bausteine, die sich für eine Dekarbonisierung des Gebäudebestands auf dem Land anbieten, von jenen in der Stadt. 

Wärmepumpe und Solarthermie oft unattraktiv 

Abgesehen davon, dass die Fernwärme- oder Gasversorgung auch erstmal dekarbonisiert werden muss, fallen diese auf dem Land, wie beschrieben, oft schon aufgrund der räumlichen Distanz als Klimaschutzoption aus. Anders verhält es sich bei Wärmepumpen mit oder ohne Photovoltaik-Anlage oder Solarthermieanlagen. Alle drei Optionen sind etablierte Bausteine der Wärmewende. Es gibt aber Gebäudetypen, wo auch ihr Einsatz nicht die wirtschaftlichste Option ist und hohe zusätzliche Investitionen erfordern kann. 

Ältere Gebäude sind meist mit klassischen Heizkörpern ausgestattet – durch diese strömt heißes Wasser mit circa 45 bis 60 Grad. Diese Temperaturen werden durch die meisten Wärmepumpen sowie Solarthermieanlagen nicht erreicht. Diese sind daher dann am effizientesten, wenn sie mit modernen Fußbodenheizungen gekoppelt sind, für die Vorlauftemperaturen zwischen 30 und 40 Grad ausreichend sind. Fehlen einem Hauseigentümer die finanziellen Mittel, neben dem System zur Energiegewinnung die komplette Heizungsanlage auszutauschen, oder schreckt dieser einfach vor dem zusätzlichen Aufwand zurück, bieten sich diese Optionen nicht an. 

In solchen Fällen kann die Kombination aus modernen Brennwertthermen oder Gaswärmepumpen mit CO2-armen und CO2-freien Brennstoffen wie biogenem oder synthetischem Flüssiggas wirtschaftlich interessant sein. Während letztere noch in der Entwicklung und Erprobung stecken, ist BioLPG bereits am Markt etabliert. Die Bio-Variante von Flüssiggas entsteht als Nebenprodukt bei der Herstellung von Biokraftstoffen aus organischen Rest- und Abfallstoffen sowie nachwachsenden Rohstoffen. Ziel ist es, den Energieträger künftig vollständig aus Abfall- und Reststoffen zu gewinnen. Auf dieser Basis ist eine CO2-Ersparnis von bis zu 90 Prozent möglich. 

Förderung möglichst offen gestalten 

Kein Gebäude ist wie das andere und auch ihre Besitzer haben unterschiedliche Vorstellungen und wirtschaftliche Spielräume, was deren energetische Sanierung anbelangt. Um möglichst viele Eigentümer mitzunehmen und für Investitionen in die Wärmewende zu gewinnen, sollten wir ihnen eine möglichst breite Palette an Klimaschutzoptionen anbieten. Denn am Ende schaffen wir die Wärmewende nicht mit einer einzigen Technologie, sondern einem Mosaik an Bausteinen, das der Vielfalt der Gebäudelandschaft Rechnung trägt. 

Da die geltenden Rechtsvorschriften und Förderrichtlinien einen wichtigen Ausschlag für Investitionsentscheidungen geben, plädiere ich für eine größtmögliche Flexibilität der Vorgaben. Auf pauschale Verbote von Technologien sollte verzichtet und Förderprogramme wie die Bundesförderung energieeffiziente Gebäude (BEG) insbesondere auf die CO2-Minderungswirkung von energetischen Sanierungsmaßnahmen ausgerichtet werden. 

BioLPG wird im Gebäudeenergiegesetz (GEG) als Erfüllungsoption für die vorgeschriebene anteilige Nutzung erneuerbarer Energien in Neubauten anerkannt. Jedoch fallen die mit BioLPG betriebenen Brennwertthermen im Rahmen der BEG durch das Raster, sowohl für den Neubau als auch den Bestand. Und das, obwohl aufgrund bereits im GEG getroffener Überprüfungsmechanismen zweifelsfrei festgestellt werden kann, zu welchem Anteil diese effizienten und kostengünstigen Anlagen mit dem Biobrennstoff betrieben werden.

Die Nichtberücksichtigung ist weder sinnvoll noch kongruent, zumal die durch den Einsatz eines kosteneffizienten Heizsystems eingesparten Kosten in zusätzliche Effizienzmaßnahmen investiert werden könnten. Unser Ziel sollte es sein, möglichst viel CO2 je investiertem Euro einzusparen – das macht auch volkswirtschaftlich am meisten Sinn. 

Jobst-Dietrich Diercks ist Vorsitzender des Deutschen Verbands Flüssiggas und Geschäftsführer des Flüssiggasanbieters Primagas Energie.

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