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Energie & Klima

Standpunkt

Gefahr oder Chance? Teslas Vorstoß auf den deutschen Strommarkt

Adam Spalek, Senior Director Strategy & Business Consulting, Publicis Sapient
Adam Spalek, Senior Director Strategy & Business Consulting, Publicis Sapient Foto: Publicis Sapient

Was hat der Eintritt von Tesla in den deutschen Strommarkt für Folgen? Adam Spalek vom Beratungsunternehmen Publicis Sapient sieht Stromversorger und auch Aggregatoren unter Druck. Zu lange wurde die digitale Transformation nicht angepackt. Tesla muss sich aber auch auf die Besonderheiten des deutschen Strommarkts einstellen.

von Adam Spalek

veröffentlicht am 03.09.2021

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Tesla avanciert immer mehr zum Disruptor der Energiewirtschaft. Nun ist Tesla mit dem ersten, noch eingeschränkten Ökostromtarif in Deutschland gestartet. Elon Musk will zeigen, dass er auch virtuelle Kraftwerke bauen kann. Diese sollen dezentral erneuerbare Energien unterschiedlicher Stromerzeuger und -speicher möglichst effizient in einem Tarif kombinieren. Dafür notwendig ist eine ausgereifte Technologie, die Verbrauch und Produktion aufeinander abstimmt.

Wie viele Energieversorger nutzt Tesla dafür komplexe Algorithmen, die Echtzeitdaten verarbeiten und schnelle Entscheidungen ermöglichen. So lässt sich überschüssige Energie – beispielsweise von einer Solaranlage – für einen späteren Ladevorgang zwischenspeichern. Auch der Stromspeicher der Autobatterie kann dafür genutzt und vermarktet werden. Die deutschen Energieunternehmen sollten Teslas Aktivitäten im Blick haben.

Stromversorger unter Druck

Interessanterweise verfügen Energiehäuser wie Uniper, Eon, EnBW oder andere Markteilnehmer wie Statkraft und Next Kraftwerke schon seit vielen Jahren über die notwendige Technologie für beispielsweise den Kurzfristhandel. Im Kurzfristhandel werden die Nachfrage und Produktion von Strom möglichst genau vorhergesagt, um so an der richtigen Stelle des Stromnetzes die notwendige Energiemenge bereitzustellen. Bis heute verkaufen die Versorger jedoch im Grunde nur Strom. Das Potenzial weiterer Services im Rahmen der Plattformökonomie wird nicht ausgeschöpft. Hier kommt Tesla auf den Plan.

Im Vergleich zu Tesla fehlt den Stromerzeugern eine starke Konsumentenmarke, um eine entsprechende Plattform für die Kunden effektiv nutzbar zu machen. Tesla hingegen bündelt seinen günstigen Tarif geschickt mit seiner Elektromobilitätsplattform. Gerade zusätzliche Dienstleistungen rund um das eigentliche Produkt können zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor werden und den Unterschied zwischen echter und nur vorgetäuschter Kundenorientierung ausmachen. Der Druck auf die Energieversorger steigt.

Transformation mit Anlaufschwierigkeiten

Die traditionellen Energiekonzerne agieren bekanntlich eher langsam, wenn es um den Ausbau ihrer Geschäftsbereiche geht. Digitale Geschäftsmodelle waren für sie lange ein Fremdwort. Nun versuchen sie mit aller Macht ihre Transformation voranzutreiben. Doch viele verändern ihr Geschäftsmodell nicht radikal genug. Die Erschließung neuer Wertschöpfungspotenziale bleibt daher aus.

Bereits 2017 rief Eon beispielsweise die Digitalisierung der Energiewirtschaft aus und beteiligte sich an der „Enerchain“-Initiative für einen dezentralen europäischen Marktplatz für Energiehandel. Seitdem ist es um das Projekt jedoch ruhig geworden. Im gleichen Jahr brachte der Konzern seine Lade-Flatrate für Elektrofahrzeuge auf den Markt, die ebenfalls keinen durchschlagenden Erfolg brachte. Was vielen Energieversorgern fehlt, ist eine konsequente Digitalisierungsstrategie. Digitalisierung muss immer vom Kunden her gedacht werden. Dies beherrscht Tesla sehr gut.

Kooperationen als Modell der Zukunft

Dazu kommt, dass die deutschen Stromkonzerne lange Zeit zu selbstbewusst oder ignorant waren, um die erforderlichen Partnerschaften einzugehen. Es gab nur erste, holprige Gehversuche. So kooperierte beispielsweise der deutsche Energielieferant EnBW mit Shell im Jahr 2019 beim Aufbau eines Ladesäulen-Netzes, das den Kunden 100 Prozent Ökostrom garantieren sollte. Shell verfügt in Europa selbst über eins der flächendeckendsten Stromladenetze. Das Projekt wurde ausgebremst, weil man sich nicht auf EnBW als alleinigen Partner in Deutschland einlassen wollte. Eine weitere Unwägbarkeit: Es ist nicht absehbar, wo die nächsten Generationen von Elektrofahrzeugen geladen werden und ob das bewährte Tankstellennetz einfach mit Ladesäulen nachgerüstet werden kann. Mit seinem Tarif für Zuhause hat Tesla hier direkt einen anderen Weg eingeschlagen.

Auch die deutschen Autokonzerne arbeiten an der Zukunft des elektrischen Ladens. BMW verwertet bereits seit 2017 ausgediente Batterien („Second-Life-Batterien“) aus der ersten Generation seiner E-Fahrzeuge als flexible und zentrale Stromspeicher. Der Kooperationspartner Energy2market bindet diese Speicher in sein virtuelles Kraftwerk ein und übernimmt die Vermarktung. Es bleibt jedoch abzuwarten, inwieweit dieses Projekt den BMW-Kunden künftig von Nutzen sein wird. Bisher bietet man noch keinen zu Tesla vergleichbaren Tarif, sondern nur eine Tankkarte, die Zugang zur Ladeinfrastruktur bietet.

Markteintritt mit Hürden

Auch Tesla wird es mit der Expansion in den Strommarkt nicht leicht haben. Viele deutsche Haushalte haben traditionell ihren Energieversorgungsvertrag mit den örtlichen Stadtwerken, und ihre Wechselbereitschaft steigt nur langsam. Die Stadtwerke selbst arbeiten bisher mit eher mäßigem Erfolg an eigenen Produkten, aber sie werden zu verhindern versuchen, ihre Kunden an eine Firma wie Tesla zu binden. Mehr als 70 Prozent der Ein-Personen-Haushalte in Deutschland leben außerdem zur Miete. Viele der Wohnungen gehören börsennotierten Konzernen wie Vonovia oder Deutsche Wohnen. Beide Unternehmen haben verkündet, in das Geschäft mit Ladesäulen für Elektroautos einsteigen zu wollen, um auf die Nachfrage zu reagieren. Sie erwägen virtuelle Kraftwerke und die Entwicklung eigener Produkte. Derartige Angebote bedeuten nicht nur eine Qualitätssteigerung der Immobilien, sondern eine neue Konkurrenz.

Tesla darf diese Gemengelage und die unterschiedlichen Player nicht unterschätzen. Am Ende wird wie so häufig der Preis entscheiden, wer sich beim Kunden langfristig durchsetzen wird. Teslas Vorstoß bringt auf jeden Fall frischen Wind in den Energiemarkt und wird die traditionellen Stromversorger antreiben, ihre digitale Business Transformation zu forcieren.

Dr. Adam Spalek ist Senior Director Strategy & Business Consulting beim Beratungshaus Publicis Sapient.

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