Standpunkt Großbritannien zum Vorbild nehmen, CfDs einführen

Mit der Einführung von Differenzverträgen schlugen die Briten vor Jahren einen innovativen und mutigen Weg bei der Ökostromförderung ein, erklärt Sven Utermöhlen von RWE im Standpunkt. Heute wisse man, dass sie damit den Nagel auf den Kopf trafen. Während andere Länder dem Beispiel folgten, laufe Deutschland der Entwicklung hinterher.

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Der Kampf gegen den Klimawandel ist eine globale Herausforderung. Deshalb ist es gut, dass sich viele Staaten auf den Weg gemacht haben, den Ausbau der Erneuerbaren Energien weiter voranzutreiben und zu beschleunigen. Umso wichtiger ist es, die Erfahrungen anderer Länder in der deutschen Debatte über den richtigen Ausbau zu berücksichtigen. Der Blick über den Tellerrand lohnt sich – ganz besonders bei der Offshore-Windkraft, einer Schlüsseltechnologie für das Gelingen der deutschen Energiewende. 

Das Land, das hier seit Jahren die größten Fortschritte macht, ist Großbritannien. 2013 brachte die Regierung von David Cameron eine grundlegende Reform des britischen Energiemarkts auf den Weg. Kernbestandteil der Reform war unter anderem die Einführung so genannter Differenzverträge (Contracts for Difference), kurz CfDs. Das war mutig, innovativ und damals auch mit Ungewissheiten behaftet. Heute weiß man: Mit den CfDs hat Großbritannien den Nagel auf den Kopf getroffen. Sie sind ein sehr guter Finanzierungsmechanismus für den Ausbau und den Betrieb Erneuerbarer Energien. 

CfDs funktionieren nach einem einfachen und transparenten Prinzip: Für den Bau eines Windparks auf See wird eine Auktion durchgeführt. Den Zuschlag erhält das Unternehmen, das den niedrigsten Preis bietet. Liegt der Strompreis im späteren Betrieb des Windparks darunter – beispielsweise im Monatsmittel – , gleicht der Staat die Differenz zum fixierten Gebotspreis aus. Übersteigt der Strompreis diesen, muss der Betreiber die Mehreinnahmen an den Staat abführen. Mitnahmeeffekte sind also ausgeschlossen.

Ab Mitte der 2020er könnte sogar Geld zurückfließen

Mit einem solchen Modell hat der Investor über die mehr als 30-jährige Laufzeit eines Offshore-Windparks 15 oder 20 Jahre lang Einkommensstabilität. Die Folge sind niedrigere Finanzierungskosten und die wiederum führen zu niedrigeren Stromkosten für die Verbraucher. Beide Seiten profitieren. Gleichzeit wird sichergestellt, dass die Offshore-Windparks auch tatsächlich gebaut werden und mehr Strom durch Erneuerbare Energien produziert wird. 

In Großbritannien sind die Kosten insbesondere für Offshore-Windkraft vor allem dank der CfDs in den letzten Jahren stark gesunken. Auf der Insel spricht man inzwischen von „förderfreien CfDs“, da sie so niedrig liegen, dass keine Subventionen für neue Projekte mehr erwartet werden. Eine aktuelle Analyse des Londoner Imperial College kommt sogar zu dem Schluss, dass die britischen Offshore-Windparks, die ab Mitte der 2020er Jahre ans Netz gehen, Geld an die Verbraucher zurückzahlen werden. Insgesamt wurden sechs Offshore-Windprojekte aus der letzten CfD-Zuteilungsrunde im September 2019 untersucht. Der im CfD vereinbarte Preis dieser Offshore-Windparks wird nach den Berechnungen des Imperial College während ihrer gesamten Lebensdauer unter dem britischen Großhandelspreis liegen.

Grund genug für die britische National Infrastructure Commission, für 2030 ein Ausbauziel von 65 Prozent des Strombedarfs anzustreben. Dafür sollen innerhalb von zehn Jahren zwischen 86 und 99 Gigawatt (GW) erneuerbarer Leistung zugebaut werden, darunter 40 GW Offshore-Wind. Als Finanzierungsgrundlage sollen jährliche Auktionen für Differenzverträge dienen. 

Die Erfolge, die Großbritannien in den letzten Jahren mit CfDs verbuchen konnte, blieben anderen Staaten nicht verborgen. Frankreich, quasi in Sichtweite der britischen Offshore-Windparks, hat die CfDs erfolgreich eingeführt. Auch Dänemark, Polen, Irland oder Litauen sind inzwischen davon überzeugt – alles Länder mit großen Ambitionen beim Ausbau von Windkraft auf See. 

Deutschland ist bislang nicht dabei. Dadurch ergibt sich für unser Land ein ernstes Problem. Der Bau von Offshore-Windparks ist sehr kapitalintensiv. Für die rund 12,5 Gigawatt Offshore-Kapazität, die bis 2030 vor der deutschen Küste entstehen sollen, sind Investitionskosten von rund 25 Milliarden Euro zu erwarten. Geld, das Unternehmen nur dann in die Hand nehmen werden, wenn sich Risiken und Gewinnerwartungen in Waage halten. Beim von der Bundesregierung favorisierten Modell der gleitenden Marktprämie kippt die Waage jedoch; die Risiken wiegen zu schwer.

Denn beim deutschen Modell muss ein Investor unkalkulierbare, weil stark regulatorisch beeinflusste Risiken der Strompreisentwicklung in Kauf nehmen. Dadurch steigen die Finanzierungs- und Projektkosten und am Ende die Stromkosten. Zusätzlich setzt das Modell bei mehreren Null-Cent-Geboten auf eine zweite Bieterrunde, in der Unternehmen über negative Preisgebote um den Zuschlag konkurrieren. Vereinfacht gesagt: Der Windkraftbetreiber muss dafür zahlen, dass er das Projekt machen darf.

Investoren werden zu einer Wette gezwungen

Durch dieses Finanzierungsregime rechnet sich der Bau eines Offshore-Windparks dann nur noch bei steigenden Strompreisen. Investoren müssen darauf wetten. Steigen die Strompreise dann tatsächlich, ist das schlecht für die Verbraucher. Steigen sie bis zum Baubeginn des Windparks nicht oder deuten sich neue regulatorische Änderungen des Strommarktes an, werden die Unternehmen auf die Errichtung mit hoher Wahrscheinlichkeit verzichten, weil sie sonst fürchten müssten, dass sie ihr eingesetztes Kapital nicht angemessen zurückverdienen können. 

Mit diesem Modell läuft Deutschland der internationalen Entwicklung hinterher. Das muss nicht sein. Die Briten haben es vorgemacht: Wer auf CfDs setzt, ist anderen im Wettbewerb um Investitionen voraus. Auch unser Land könnte sich also mit so einem modernen Regulierungsrahmen gut behaupten und damit die Ausbauziele bei Windkraft auf See ohne Strompreissteigerungen sicher erreichen. Differenzverträge sind dafür das Mittel der Wahl.

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