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Energie & Klima

Standpunkt

Grüne Entwicklungschancen statt Energie-Imperialismus: Deutsche Energieaußenpolitik im Senegal

Sabrina Schulz, Vorständin der Econnext AG
Sabrina Schulz, Vorständin der Econnext AG Foto: Econnext

Fossile Abhängigkeiten in Afrika zu beenden, fordern Sabrina Schulz von Econnext und Timon Herzog von GRIPS Energy in ihrem Standpunkt. Die Bundesregierung müsse erkennen, dass die Stromversorgung mit erneuerbaren Energien nicht nur aus Klimasicht nachhaltiger ist. Insbesondere der Gaskauf im Senegal sei ein Fehler, der über Jahrzehnte schade.

von Sabrina Schulz

veröffentlicht am 22.12.2022

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Während Bundeswirtschaftsminister Habeck bei seinem Besuch in Namibia vor einem deutschen „grünen Energie-Imperialismus“ durch den Massenexport von grünem Wasserstoff warnte, droht die deutsche Energieaußenpolitik im Senegal das Land auf einen Pfad des fossilenLock-ins“ zu führen. Die Zeitenwende in der Energiepolitik bringt eine große Verantwortung mit sich: Neben der Sicherung der Energieversorgung hierzulande müssen auch die energiepolitischen Entwicklungspfade der Exportländer mitgedacht werden.

Erneuerbare Energien sind kein Selbstläufer in Afrika – das Beispiel Senegal

Im Senegal haben sich in den vergangenen Jahren trotz beachtlicher politischer, regulatorischer und finanzieller Hindernisse die Grundzüge einer Erneuerbare-Energien-Branche entwickelt – auch wenn weiterhin 80 Prozent des Stroms aus importierten fossilen Brennstoffen, vor allem Öl und Kohle, erzeugt werden und nur etwa 20 Prozent aus Wasserkraft, Photovoltaik, Windkraft und Biomasse.

Das spiegelt letztlich die Situation des afrikanischen Kontinents wider. Denn erneuerbare Energien treffen hier oft auf große Hürden wie hohe Kapitalbeschaffungskosten mit Zinsen von bis zu 25 Prozent, unsichere und unzureichende – oft sogar Erneuerbaren-„feindliche“ – Regulatorik, einen Mangel an qualifizierten Fachkräften vor Ort sowie eine zum Teil ablehnende Haltung auf Seiten lokaler Eliten.

Erneuerbare bieten nämlich weniger Möglichkeiten, Kontrolle auszuüben und die Rentenabschöpfung zu begrenzen. Vielerorts sind die Menschen auch skeptisch, weil sie schlechte Erfahrungen mit schlecht umgesetzten Elektrifizierungsprojekten mit zu geringer Kapazität gemacht haben – die Schuld wird aber zumeist der Technik zugeschrieben.

Ganz anders dagegen der Vertrauensvorschuss, den fossile Projekte genießen. Der Mythos, dass Strom aus eigenem Gas günstiger und verlässlicher wird, hält sich hartnäckig – nicht zuletzt im Senegal, wo die Erschließung der Gasvorkommen im Fördergebiet Greater Tortue Ahmeyim (GTA) seit 2018 vorangeht. Vor der Küste des Senegal und Mauretaniens soll ab 2023 eine Produktionskapazität von 3,4 Milliarden Kubikmetern Flüssigerdgas pro Jahr entstehen.

Die ersten Lieferungen gehen aufgrund bereits geschlossener Verträge nach Asien. Die Betreiber – ein Konsortium aus BP, Kosmos Energy und der staatlichen Öl- und Gasgesellschaften des Senegals und Mauretaniens – legen das Projekt zunächst auf 20 Jahre an. Nur über diesen Zeitraum hinweg rechnen sich die erheblichen Investitionen, die zudem auf langfristigen Lieferverträgen und staatlicher Unterstützung fußen. Allerdings beläuft sich das gesamte Gasproduktionspotenzial laut BP auf 425 Milliarden Kubikmeter, was eine Produktion über die kommenden 30 bis 50 Jahre ermöglichen könnte – das liegt weit hinter dem deutschen Ausstiegsdatum aus Erdgas in 2040. Zudem soll BP Optionen für eine Ausdehnung der Erschließung des Beckens prüfen, das bis zu 1133 Milliarden Kubikmeter Gas enthalten soll.

Der fossile Weg führt in die Sackgasse

Die Menge ist gleichbedeutend mit einem CO2-Austoß von 2,2 Milliarden Tonnen – fast das doppelte der heutigen jährlichen Energieemissionen des gesamten afrikanischen Kontinents. Mit der weiteren Erschließung der Gasvorkommen würde der Senegal zudem langfristig abhängig von fossiler Energie werden. In Zukunft müssten weitere Gasquellen erschlossen werden, um die bestehenden Investitionen in die Infrastruktur, wie kostspielige Gasverflüssigungsanlagen und Flüssiggasterminals, zu rechtfertigen und die Energieversorgung langfristig zu sichern.

Auch für die wirtschaftliche Entwicklung bringt der fossile Pfad kaum Vorteile. Laut einer Studie würde ein Ausbau der Erneuerbaren im Einklang mit dem 1,5-Grad-Pfad viermal so viele Jobs pro Megawattstunde Strom schaffen wie der Ausbau der Gasindustrie. Gleichzeitig zerstört die Gasförderung im Meer bereits heute die Existenz von ganzen Dörfern, die von der Fischerei abhängig sind. Zudem steigen infolge der hohen Investitionen in die Erdgas-Infrastruktur einschließlich der Stromnetze die Strompreise für die Bevölkerung und die Industrie. Dabei sind die aktuellen Stromkosten bereits heute ein Bremsklotz für die wirtschaftliche Entwicklung.

Erneuerbare Alternativen: kurz- und langfristig tragfähiger

Ein Beispiel, wie Alternativen aussehen können, zeigt unser Berliner Unternehmen GRIPS Energy. Im Senegal hat GRIPS gerade eine 600-Kilowatt-Solaranlage für ein Agrarunternehmen fertiggestellt. So kann im Sand des Sahel Gemüse angebaut werden – mit Bewässerung und Kühlung zunehmend basiert auf günstiger, sauberer Solarenergie. GRIPS Energy hat seit zwei Jahren unter anderem eine Niederlassung im Senegal und baut seitdem auch ein lokales Team in Dakar auf. Die Berliner versorgen lokale Unternehmen in Afrika mit erneuerbaren Energien vom eigenen Dach oder Grundstück.

Das junge Unternehmen will mit seinem Contracting-Geschäftsmodell eines der größten Hemmnisse für den Zugang zu Erneuerbaren für Gewerbe und Industrie in Afrika beseitigen: die Finanzierbarkeit. Deswegen stellt GRIPS Energy die Anlagen vor Ort im Rahmen eines Miet- oder Stromkaufmodelles zur Verfügung. Auch andere Firmen sind mit ähnlichen Geschäftsmodellen aktiv.

Denn viele haben erkannt: Mit dezentraler Erzeugung durch Wind- und Solarkraft kann eine emissionsfreie Stromversorgung die so dringend benötigte wirtschaftliche Entwicklung schnell, sauber und günstig unterstützen. Dabei sind die Kosten langfristig auf gesichertem Niveau – denn der Treibstoff aus der Sonne kostet über die mindestens 25 Jahre Laufzeit einer Solaranlage immer dasselbe: Gar nichts. Auch der langwierige und teure Ausbau der Netzinfrastruktur kann stark reduziert werden, denn der Strom wird dort erzeugt, wo er auch benötigt wird.

Deutsche Politik in der Verantwortung

Vor dem Hintergrund echter Alternativen für die Entwicklung der Gasvorkommen im Senegal muss sich die deutsche Energieaußenpolitik und die Entwicklungszusammenarbeit daher einer zentralen Herausforderung stellen: Die Bundesregierung sollte mit der senegalesischen Politik einen Dialog auf Augenhöhe suchen, die Entwicklung von Erneuerbaren-Projekten vor allem auf dem Land entschieden unterstützen sowie Schulungen und Ausbildungen für Solarkraft anbieten.

Aus klima- und entwicklungspolitischer Sicht ist es dagegen unverantwortlich, deutsche Steuergelder im Senegal zu investieren, um im Gegenzug prioritären Zugriff auf Erdgas zu bekommen. Die Alternativen liegen auf der Hand. Noch ist es nicht zu spät, den Senegal – und andere afrikanische Länder – beim Aufbau eines auf Erneuerbaren basierten, zukunftsfähigen Energiesystems zu unterstützen.

Dr. Sabrina Schulz ist Vorständin der Econnext AG, einer Holding, die in den Bereichen Erneuerbare Energien und Kreislaufwirtschaft in wachsende Unternehmen investiert, die zum Klimaschutz beitragen sollen. Timon Herzog ist CEO von GRIPS Energy, das zur Econnext-Gruppe gehört.

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