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Energie & Klima

Standpunkt

Grüne Versorgung rund um die Uhr

Hanno Balzer, Leiter Energiewirtschaft der HH2E AG
Hanno Balzer, Leiter Energiewirtschaft der HH2E AG Foto: HH2E

Die Energiepreiskrise zeigt: Auch ohne Nachhaltigkeitserwägungen lohnt der Umstieg auf einen grünen Mix an Energieträgern, meint Hanno Balzer von der HH2E AG in seinem Standpunkt. Flexibilität und Speicherbarkeit werden aus seiner Sicht zur neuen „Leitwährung“ der Energiewirtschaft.

von Hanno Balzer

veröffentlicht am 17.01.2022

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Die Preise für Erdgas haben sich in den vergangenen Monaten in Europa und Asien mehr als vervierfacht und ein Rekordniveau erreicht. Die Dauerhaftigkeit und die globale Dimension dieser Preisspitzen sind beispiellos und wirken sich in der Folge auch negativ auf die Strompreise aus. Bislang waren solche Schwankungen immer saisonal und lokal begrenzt. So gab es beispielsweise im letzten Jahr einen ähnlichen Preisanstieg in Asien, der jedoch nicht zu einem vergleichbaren Anstieg in Europa geführt hat.

In diesem Jahr bringt eine noch nie dagewesene Kombination von Faktoren die Weltenergiemärkte durcheinander und trübt die ohnehin unsicheren Aussichten für die Weltwirtschaft zusätzlich ein.

Es wird erwartet, dass die Energiepreise im Lauf der ersten Hälfte dieses Jahres wieder auf ein normaleres Niveau zurückkehren werden, wenn die jahreszeitlich bedingte Nachfrage nach Heizwärme nachlässt und sich die Angebotspreise daran anpassen. Die Energieterminmärkte deuten bereits darauf hin, dass sich die Preise in den kommenden Monaten wahrscheinlich abschwächen werden.

Energiepreisrallye hat Ursprung in Anfängen der Pandemie

Zu Beginn der Pandemie brachten Restriktionen viele Aktivitäten in der gesamten Weltwirtschaft nahezu zum Stillstand, was zu einem Einbruch des Energieverbrauchs führte und die Energieunternehmen veranlasste, ihre Investitionen zu reduzieren. Der Erdgasverbrauch stieg jedoch schnell wieder an, angetrieben von der Industrieproduktion, auf die etwa 20 Prozent des Erdgasendverbrauchs entfallen, was die Nachfrage in einer Zeit ankurbelte, in der das Angebot relativ gering war.

Das Energieangebot konnte aufgrund von Arbeitskräftemangel, Wartungsrückständen, längeren Vorlaufzeiten für neue Projekte und einem immer geringeren Interesse der Investoren an Unternehmen der fossilen Energiewirtschaft nur langsam angepasst werden. Die Erdgasproduktion in den Vereinigten Staaten zum Beispiel liegt nach wie vor unter dem Vorkrisenniveau. Die Produktion in Europa ist ebenfalls rückläufig, und Russland hat seine Exporte in jüngster Zeit immer wieder gedrosselt.

Gleichzeitig wurde die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen in den Vereinigten Staaten und Brasilien durch Dürreperioden reduziert, was sich auf die Stromproduktion aus Wasserkraft auswirkte, und in Nord- und Mitteleuropa durch die unterdurchschnittliche Windstromerzeugung der letzten Monate.

Abhängigkeit reduzieren, Erneuerbare verfügbar machen

Die zentrale Erkenntnis aus der derzeitigen Übergangskrise ist es, dass die Weltwirtschaft in Zukunft viel weniger auf fossilen Brennstoffe und viel stärker auf erneuerbaren Energien und grünem Wasserstoff aufbauen sollte. Um weniger anfällig für geopolitische Einflüsse zu sein, müssen Staaten, Regionen, lokale Gemeinschaften und sogar ganze Industriebranchen ihren Selbstversorgungsgrad in Bezug auf die Energieproduktion, sowohl in Form von grünen Elektronen als auch von grünen Molekülen, sukzessive erhöhen.

Dies gilt allein schon aus rein wirtschaftlicher Sicht, ohne zusätzliche Berücksichtigung der Nachhaltigkeitsfaktoren. Wenn wir darüber hinaus die dringend benötigte zügige Verringerung der Kohlendioxidemissionen und das notwendige Erreichen der Klimaneutralität bis spätestens 2045 in Betracht ziehen, steht der Geschäftsnutzen grüner Energie mehr denn je außer Frage.

CO2-freie Vollversorgung im Investoreninteresse

Der Fokus der Kapitalmärkte und der internationalen Investoren auf Investitionen in kohlenstofffreie Unternehmen, Technologien und Geschäftsmodelle wird immer ausgeprägter, und diese Entwicklung wird sich dauerhaft fortsetzen. Es wird zwar erwartet, dass die EU-Taxonomie nun auch die Kernenergie und bestimmte Erdgasanwendungen als „nachhaltig“ einstuft, doch ist dies nur eine vorübergehende Maßnahme, um weniger wirtschaftsstarken EU-Mitgliedsstaaten und Sektoren bei der Anpassung zu helfen.

Gerade in den vergangenen Monaten zeigte sich, dass die immer größer werdende Zahl der sogenannten Impact Investoren genauso wie etablierte und große Akteure am Kapitalmarkt immer mehr Interesse daran zeigen, in Unternehmen wie HH2E und weitere Vorreiter bei der Entwicklung und Umsetzung CO2-freier, sektorenübergreifender Geschäftsmodelle zu investieren. Auf diese Weise können diese Unternehmen ihre Projekte und ihr Wachstum immer schneller und umfangreicher finanzieren.

Die Geschäftsaktivitäten von Unternehmen wie HH2E und anderen Vorreitern der grünen Wasserstoffwirtschaft tragen direkt dazu bei, den Bedarf Deutschlands an Brennstoffimporten zu verringern. Damit sinkt auch die Abhängigkeit von geopolitischen Entwicklungen und von Schwankungen der globalen Energienachfrage.

Grüner, resilienter Technologiemix

Der Technologiemix, den diese neuen Akteure am Energiemarkt einsetzen, ist weitestgehend resilient gegen Preisschwankungen und Stromengpässen. Strom wird in wind- und sonnenreichen Zeiten auch nach den aktuellen Energiepreisturbulenzen die kostengünstigste Energieform bleiben und kann als Primärenergie in Kraftwerken eingesetzt werden. Auf der anderen Seite können und sollen die Produktionsprozesse nicht dem schwankenden Angebot erneuerbarer Energien angepasst werden. Die Flexibilität und Speicherfähigkeit der Kraftwerke werden damit zur neuen Leitwährung der Energiewirtschaft.

Mit Hilfe von Technologien zur Umwandlung von grünem Strom in Wasserstoff und Prozessdampf können lokale Industriebetriebe, Industrieparks und Gemeinden sich selbst mit kohlenstofffreier Energie Wärme versorgen. Dabei ist es egal, ob die grüne Energie in Form von Wärme, Wasserstoff oder Strom gespeichert wird. Je schneller und umfangreicher der Ausbau der erneuerbaren Energien voranschreitet und je zügiger und umfassender die regulatorischen Barrieren für die Sektorenkopplung mittels grünen Wasserstoffs durch die neue Bundesregierung beseitigt werden, desto mehr Industriebetriebe, Industrieparks und Kommunen können diese intelligente, netzdienliche und höchst kosteneffiziente Option nutzen.

Die gesamtwirtschaftliche und gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist gewaltig: Alle Industriebranchen müssen und können mit kosteneffizienten und verfügbaren Technologien dekarbonisiert werden. Viele darunter wie die Stahl- und Chemieindustrie, der Schwerlastverkehr, die Luftfahrt und die Schifffahrt können nicht vollständig elektrifiziert werden. Für sie ist die Verfügbarkeit und Nutzung von grünem Wasserstoff ein entscheidender Faktor.

Hanno Balzer ist Leiter Energiewirtschaft der HH2E AG mit Sitz in Hamburg, die auf Anlagen zur Nutzung von erneuerbaren Stromquellen für die Wärme-, Wasserstoff- und Dampfgewinnung spezialisiert ist.

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