Erweiterte Suche

Energie & Klima

Standpunkt

H2MED, die Wasserstoff-Pipeline mit ungewisser Zukunft

Ana Maria Jaller-Makarewicz, Analystin des Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA)
Ana Maria Jaller-Makarewicz, Analystin des Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) Foto: JallMak Energy

Die Wasserstoff-Pipeline H2MED soll den H2-Transport im Süden Europas in Gang bringen. Ana Maria Jaller-Makarewicz vom Institute for Energy Economics and Financial Analysis sieht das Projekt jedoch äußerst skeptisch. Angebot und Nachfrage seien unsicher – und die hohen (Förder-)Kosten könnten wie bei Fehlentscheidungen der Vergangenheit die Kunden belasten.

von Ana Maria Jaller-Makarewicz

veröffentlicht am 19.12.2022

Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen

Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.

Jetzt kostenfrei testen
Sie sind bereits Background-Kunde? Hier einloggen

Die Staats- und Regierungschefs Frankreichs, Spaniens und Portugals haben sich am 9. Dezember am Rande des Europa-Mittelmeer-Gipfels getroffen, um über die Zukunft der H2MED-Pipeline zu beraten. H2MED, vormals unter dem Namen BarMar bekannt und ein Ersatz für das gescheiterte MidCat-Projekt, ist das Herzstück eines so genannten „Grünen Energiekorridors“, der Europa helfen soll, die Energiekrise zu überwinden.

H2MED ist als Wasserstofftransitroute im Mittelmeerraum vorgesehen, an der Frankreich, Spanien und Portugal als Vorreiter beteiligt sind, wobei die Tür für eine Teilhabe Italiens offenbleibt. Ursprünglich war das Projekt als Gaspipeline konzipiert, die die Iberische Halbinsel mit Mitteleuropa verbinden sollte. Dem ursprünglichen Plan zufolge sollte H2MED erst zu einem späteren Zeitpunkt für den Transport von grünem Wasserstoff umgerüstet werden. Doch unsere Analyse führt zu der Annahme, dass die Pipeline unabhängig davon, ob es sich um ein Projekt für grünen Wasserstoff oder ein Gasprojekt handelt, einer ungewissen Zukunft entgegensieht.

H2MED mit paralleler Erdgas-Pipeline?

In einer Kehrtwende haben die Staats- und Regierungschefs Frankreichs, Spaniens und Portugals letzte Woche angekündigt, dass H2MED doch nur für den Transport von grünem Wasserstoff gebaut werden soll – und zwar aus finanziellen Gründen.

Denn der Bau von H2MED als Wasserstoffpipeline erhöht die Chancen, in die Liste der Vorhaben von gemeinsamem Interesse (Projects of Common Interest, kurz IPCEI) der Europäischen Kommission aufgenommen zu werden und so europäische Fördergelder zu erhalten.

Eine spanische Regierungsquelle wurde von Reuters mit den Worten zitiert, dass „in Zukunft Verbesserungen vorgenommen werden könnten, um auch Gas zu transportieren“. Dies ist vermutlich ein Hinweis auf die Planung einer separaten, oberirdischen Pipeline, die gebaut werden soll, um Portugal mit Barcelona zu verbinden. Nach Recherchen der Financial Times soll sie in der Lage sein, Erdgas zu transportieren. Es ist allerdings unklar, ob der Abschnitt der Pipeline, der nach Portugal führt, zunächst für den Transport von Erdgas gebaut und dann für den Transport von Wasserstoff nachgerüstet werden soll, was kostspielig und komplex ist.

Klar ist zumindest, dass jede Kapazitätserweiterung der umfangreichen europäischen Gasinfrastruktur ein riskantes Unterfangen ist, da neue Projekte angesichts der weiter sinkenden Gasnachfrage Gefahr laufen, zu einem Investitionsgrab zu werden.

Finanzierung von H2MED noch unklar

Im Gegensatz zu MidCat kommt H2MED für die Finanzierung durch öffentliche EU-Gelder infrage, sofern es die einschlägigen EU-Verordnungen zur Verbesserung der Energiespeicherung, zur Förderung der Integration von erneuerbaren Energien und intelligenteren Energienetzen erfüllt. Dann könnte es als IPCEI eine Finanzierung durch die Europäische Union von bis zu 50 Prozent der Projektkosten erhalten. Doch angesichts der hohen Gesamtkosten von 2,5 bis drei Milliarden Euro könnten die Entwickler selbst dann noch auf einer Rechnung von bis zu 1,5 Milliarden Euro sitzen bleiben.

Der Bau von H2MED erfordert daher die Unterstützung von Käufern, um eine finanzielle Investitionsentscheidung (FIE) zu erreichen. Große Infrastrukturprojekte sind von Natur aus teure, langfristige Investitionen. Die Sicherung von Verträgen mit Käufern, die die Finanzierung des Projekts garantieren können, ist entscheidend, um eine FIE zu erlangen.

Mangelndes Interesse für grüne Wasserstoffprojekte

Selbst als Pipeline für grünen Wasserstoff wird H2MED mit dem Problem einer unsicheren Nachfrage konfrontiert sein. Im Global Hydrogen Review 2022 der Internationalen Energieagentur wird hervorgehoben, dass sich zwar ein beträchtlicher Teil der grünen Wasserstoffprojekte in einem fortgeschrittenen Planungsstadium befindet, aber nur wenige (vier Prozent) im Bau sind oder die finale Investitionsentscheidung erreicht haben. Zu den Hauptgründen gehören Unsicherheiten in Bezug auf die Nachfrage, fehlende rechtliche Rahmenbedingungen und Lücken in der verfügbaren Infrastruktur zur Lieferung von Wasserstoff an die Endverbraucher. Eine Analyse von Bloomberg zeigt, dass die meisten geplanten Wasserstoffexportprojekte noch immer auf Käufer warten.

Wenn H2MED ein reguliertes Projekt unter der Leitung von Netzbetreibern wird, besteht das Risiko, dass die Energieverbraucher wieder einmal die Rechnung zahlen müssen, während die Unternehmen Gewinne einstreichen. So war es in den letzten Jahren in Spanien der Fall: Das Land hat in der Vergangenheit kostspielige Fehler gemacht, indem es den Gasbedarf zu hoch angesetzt hatte. Die Rechnung für eine unnötige, nicht ausgelastete Infrastruktur zahlen nun die Verbraucher. Es besteht die große Gefahr, dass sich dies mit den Prognosen für die Nachfrage nach grünem Wasserstoff wiederholt, die möglicherweise nie eintreten werden.

Nicht zuletzt besteht auch die Gefahr, dass H2MED, selbst wenn es sich um eine Pipeline für grünen Wasserstoff handeln wird, bis zur Inbetriebnahme im Jahr 2030 keinen Markt hat. Die künftige Nachfrage nach grünem Wasserstoff und die Wirtschaftlichkeit sind nicht ausreichend absehbar, um die langfristige Rolle von H2MED als Wasserstoffpipeline zu gewährleisten.

Es gibt keine Garantie dafür, dass Spanien und Portugal über die notwendigen Überkapazitäten an erneuerbaren Energien verfügen werden, um grünen Wasserstoff zu produzieren und zu exportieren. Es ist ebenfalls nicht absehbar, ob Frankreich den nötigen Bedarf an grünem Wasserstoff hat, wenn H2MED für den Betrieb bereit ist. So könnte das Projekt zu einer teuren Lösung für ein fiktives Versorgungsproblem mit grünem Wasserstoff werden, das möglicherweise nie eintritt.

Ungewissheit über Wasserstoffnachfrage ist groß

H2MED ist das Jüngste in einer Reihe von Energieinfrastrukturprojekten, die Europa widerstandsfähiger gegen künftige Energieschocks machen und die Versorgungssicherheit des gesamten Kontinents und insbesondere Deutschlands gewährleisten sollen. Doch zumindest einige der beteiligten Regierungen scheinen sich einig zu sein, dass die Unterwasserpipeline angesichts der für den Bau von H2MED erforderlichen Zeitspanne nicht dazu beitragen wird, die derzeitige Energiekrise in Europa zu lösen.

Damit H2MED gerechtfertigt ist, muss die Pipeline auf den künftigen Bedarf Europas abgestimmt sein und vor allem der Industrie als Anreiz dienen, ihre Prozesse auf grünen Wasserstoff umzustellen. Andernfalls wäre die Bereitstellung von bis zu 1,5 Milliarden Euro für den Bau der Pipeline eine unnötige Verschwendung öffentlicher Gelder, die die derzeitige Gaskrise nicht lindern, sondern im Gegenteil die Kosten für private Endverbraucher noch weiter in die Höhe treiben wird.

Die Ungewissheit über die künftige Wasserstoffnachfrage ist zu groß, um dieses Projekt zu rechtfertigen. Die Staats- und Regierungschefs Frankreichs, Spaniens, Portugals und anderer beteiligter Länder müssen verhindern, dass H2MED zu einem weiteren gescheiterten Projekt wird, dessen fehlender Bedarf den Steuerzahlern zur Last fällt.

Ana Maria Jaller-Makarewicz ist Energieanalystin im Europa-Team desInstitute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA). Sie ist auf Gas, LNG und Wasserstoff spezialisiert und zudem Direktorin einer eigenen Beratungsgesellschaft.

Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen

Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.

Jetzt kostenfrei testen
Sie sind bereits Background-Kunde? Hier einloggen