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Energie & Klima

Standpunkte Haushaltskürzungen: Wie die Forschung für die Energiewende erodiert

Christine Kühnel und Kathrin Goldammer, Geschäftsführerinnen des Reiner Lemoine Instituts
Christine Kühnel und Kathrin Goldammer, Geschäftsführerinnen des Reiner Lemoine Instituts Foto: RLI / Stefan Klenke

Haushaltsurteil, radikale Kürzungen im Klima- und Transformationsfonds, reihenweise Absagen für Forschungsprojekte der Energiewende: Christine Kühnel und Kathrin Goldammer vom Reiner Lemoine Institut erleben Erschütterungen in der deutschen Energieforschung und fragen sich „Soll dieser Bereich dauerhaft schrumpfen?“. Sie meinen: Das wäre fatal für die Energiewende und die Forschungslandschaft.

von Christine Kühnel und Kathrin Goldammer

veröffentlicht am 01.03.2024

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Auf Veränderungen schnell reagieren ist ein Erfolgsmerkmal für unabhängige Forschungsinstitute. Ohne diese Eigenschaft hätten wir das Reiner Lemoine Institut (RLI) nicht zu einem erfolgreichen Institut für die Energiewende machen können. Aktuell erleben wir allerdings Erschütterungen im deutschen Forschungssystem, für die Agilität allein nicht mehr ausreicht. 

Die Bundesregierung kürzt strukturell finanzielle Mittel für die Energieforschung und uns stellt sich die Frage: Soll dieser Bereich dauerhaft schrumpfen? Das hätte schwerwiegende Konsequenzen für die Zukunftsfähigkeit des Forschungssystems und für den Erfolg der Energiewende insgesamt.

Kein Geld mehr für Innovation 

Als Forschungsinstitut mit einem extrem hohen Drittmittelanteil kennen wir Unsicherheiten und Herausforderungen der Wissenschaft. Was ist aktuell anders? Seit dem Haushaltsurteil des Bundesverfassungsgerichts Ende 2023 erhalten wir am RLI Absagen für bewilligungsreife Projektanträge in der Größenordnung eines Viertels unseres Jahresumsatzes. Das Urteil führte zu massiven Kürzungen beim Klima- und Transformationsfonds. 

Aufgrund üblicher Projektlaufzeiten sind davon die nächsten drei Jahre unserer Finanzierung betroffen. Es geht um anwendungsbezogene Projekte mit dem Ziel, die Energiewende in Deutschland zu beschleunigen und die Forschung und Wirtschaft in diesem Land und international zukunftsfähig zu machen.

Ein Beispiel veranschaulicht die Situation: Der Sektor Verkehr steht bei den Klimazielen besonders schlecht da. Daher sollen strombasierte Kraftstoffe zum Beispiel das Fliegen klimaverträglicher machen. In einem großen Projekt wollten wir die Erzeugung von synthetischem Kerosin erstmals in einem lokalen Gesamtsystem erproben. 

Das RLI war Teil des Konsortiums aus Forschung, Industrie und Wirtschaft, das den Antrag vorbereitete. Die ersten Skizzen wurden vor fast zwei Jahren eingereicht, der Vollantrag im März 2023 und für Oktober war der Start des Projekts zunächst in Aussicht gestellt. Ab November gab es dann Verzögerungen durch das Haushaltsurteil, im Dezember Signale, das Projekt könnte im folgenden Februar beginnen und im Januar 2024 kam schließlich die Absage

Das betrifft uns nicht allein, sondern das gesamte Konsortium und zusätzlich den Projektträger. Alle Beteiligten – wir reden nur bei diesem einen großen Projekt von circa 20 Personen in acht Organisationen, dazu weitere assoziierte Partner:innen – haben viel Arbeit umsonst investiert, ohne messbaren Erfolg für die Energiewende oder irgendein anderes Thema.  

Reihenweise Absagen für Projekte in allen Antragsphasen 

Heute erleben wir diese Verläufe bei Projektförderungen für alle unsere drei Forschungsbereiche Transformation von Energiesystemen, Mobilität mit Erneuerbaren Energien und Off-Grid Systems. Projekte in der Vollantragsphase bekommen plötzlich keinen Zuwendungsbescheid mehr. Es handelt sich um komplett ausformulierte Projekte und Anträge, die für eine Genehmigung fertiggestellt waren und schon alle inhaltlichen und administrativen Hürden genommen hatten. 

Begründungen für die Absagen sind vielfältig: Sie reichen von „es tut uns sehr leid, wir müssen kurzfristig sparen“, über „wir machen in diesem Forschungsprogramm erst mal keine Begutachtung und legen den Prozess auf unbestimmte Zeit auf Eis“ bis „dieses Förderprogramm beenden wir komplett. Reichen Sie bitte auf keinen Fall mehr etwas ein.“

Die Forschungslandschaft erodiert und verliert Vielfalt und Geschwindigkeit

Die aktuelle Situation trifft uns und den Teil des Forschungssystems besonders hart, der nicht zu den großen Forschungsgemeinschaften gehört. Letztere sind durch institutionelle Mittel aus dem Bundeshaushalt und von den Bundesländern abgesichert. 

Unabhängige Institute leisten aber einen wichtigen Beitrag zur Vielfalt im deutschen Forschungssystem: Sie sind agil, können Projekte kurzfristig annehmen und umsetzen und gut in Netzwerken arbeiten. Sie schließen sich dafür aufgabenbezogen in immer neuen Konsortien zusammen und zeichnen sich durch hohen Praxisbezug und eine gute Anbindung an Industrie und Wirtschaft aus. Die Ergebnisse werden schnell in der Praxis angewandt.

Innovation braucht Perspektiven für Fachkräfte

Wie andere unabhängige Institute sind wir am RLI besonders auf Drittmittel angewiesen. Sie machen über 90 Prozent unserer Finanzierung aus. Das heißt, wir müssen für quasi alle unsere Beschäftigten ständig neue Projekte entwickeln – jedes Jahr wieder. Die Unsicherheiten sind enorm. 

Aus fünf großen Förderanträgen können mal null und mal fünf konkrete Projekte (und jede Zahl dazwischen) herauskommen. Dann haben wir entweder keine Stellen für wissenschaftliche Mitarbeitende für die Folgejahre oder eine andere schwer planbare Zahl.  

Aktuell bekommen wir von Ministerien, Projektträgern, Konsortialpartnern oder Politiker:innen über die Medien sehr unterschiedliche Rückmeldungen und sind im Unklaren, wie es mit der Forschungsförderung im Energiebereich in Deutschland weitergeht. Für die Vielfalt und Agilität in der Forschungslandschaft ist das ein schlechtes Signal. Es kann zum strukturellen Problem werden. Wir haben mit unseren Mitarbeitenden Kompetenzen aufgebaut, die wir schnell und zielgerichtet für die Energiewende einsetzen können – immer unter großer Unsicherheit. 

Wenn wir keine Perspektive bieten können, haben wir das Nachsehen im Wettbewerb um Forscher:innen als Fachkräfte mit MINT-Profil. Sie werden auch in Industrie und Wirtschaft gesucht. Wollen wir sie und ihr Wissen in der Forschung halten, brauchen wir verlässliche Forschungsmittel.

Um auf die Veränderung äußerer Rahmenbedingungen reagieren zu können, müssen uns die Akteur:innen für Forschungsförderung, allen voran die Bundesministerien, endlich sagen, wie es in den nächsten Jahren weitergeht: Welche Budgets stehen für welche Programme zur Verfügung? Um wie viel Prozent werden sie verkleinert oder vergrößert? Wie sieht es 2025 oder 2026 aus? 

Ohne Forschungsförderung keine erfolgreiche Energiewende

Angesichts der angespannten Haushaltssituation zum Jahresbeginn 2024 und den langfristigen strukturellen Kürzungen für die Energieforschung kommen wir am RLI zu folgenden Schlussfolgerungen:

Erstens gibt es ohne geförderte Forschungsprojekte keine erfolgreiche Energiewende. Wissenschaftler:innen erarbeiten dort Daten, Konzepte, Infrastrukturen oder Technologien, mit denen die Energiewende praktisch umgesetzt werden kann. 

Zweitens brauchen Innovationstechnologien und neue Felder der Energiewirtschaft staatliche Investitionen und Förderung, bis ein Markt und Wettbewerb dafür entstanden sind. 

Drittens benötigen Forschungseinrichtungen Klarheit in der Finanzierung und Förderung. Nur so können wir qualifizierte Fachkräfte gewinnen und ihr Wissen für die Energiewende zielgerichtet nutzen.

Und nicht zuletzt muss der Bürokratieabbau in der Forschungsförderung gelingen. Die Architektur von Förderprogrammen mit vielen verschiedenen Linien und unterschiedlichen Anforderungen ist komplex und erfordert viel Zeit und Kapazitäten für bürokratische Anforderungen. Das ginge einfacher und dann hätten wir mehr Zeit für die tatsächliche Forschung.

Christine Kühnel und Kathrin Goldammer leiten als Geschäftsführerinnen zusammen das Reiner Lemoine Institut, ein unabhängiges, gemeinnütziges Forschungsinstitut in Berlin. Sie haben jahrelange Erfahrung im Management von technikwissenschaftlichen Forschungs- und Beratungsprojekten.

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