Standpunkt Klimaneutral 2035: Fünf Reformen für eine Vision

Die Umstellung auf eine klimaneutrale Lebensweise ist zügig möglich – auch in unserer modernen Industriegesellschaft, schreibt Ralf Schmidt-Pleschka vom Ökostromversorger Lichtblick. Es brauche dafür allerdings eine ganze Reihe politischer Reformen. Der Standpunkt stellt die aus Sicht des Autors fünf drängendsten Aufgaben vor.

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Vor einigen Wochen hat Lichtblick den Report Klimaneutral leben 2035 veröffentlicht. Er beschreibt das Leben zweier Haushalte, die im Jahr 2035 ihren gesamten Energieverbrauch einfach und ohne zusätzliche Kosten klimaneutral gestalten. Der Report wirft einen Blick in die Zukunft, blickt aber gleichzeitig von dort zurück und erläutert, welche Maßnahmen die Politik ab den 2020er Jahren beschlossen hat, damit die Vision eines klimaneutralen Lebens zum neuen Normal werden konnte.

Die Resonanz auf den Report war äußerst positiv. Die Medien haben den Stoff gerne aufgegriffen. Der Spiegel sprach von einer „relativen Utopie“, die nur vorwegnehme, auf was wir zusteuern, wenn die Energiewende gelingt. Auch Kolleginnen und Kollegen in der Energiewirtschaft zeigten sich von dem Werk angetan. Und die Politik? Allgemeines Schweigen. Hier gilt wohl auch Jahrzehnte nach der Kanzlerschaft von Helmut Schmidt noch sein Satz: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“

Warten auf die Politik

Die Abneigung gegen Visionäres verwundert nicht. Denn gerade eben konnten wir zum wiederholten Male Zeuge werden, welche Kraft es die noch regierende schwarz-rote Koalition kostet, ein paar Schräubchen im rostigen Energiewendegetriebe neu zu stellen. In diesem Fall kamen Zusatzausschreibungen für Wind- und Solarenergie und das noch einzulösende Versprechen, die EEG-Umlage bis 2024 auf unter fünf Cent pro Kilowattstunde zu senken, heraus. Kleines Karo statt großer Wurf.

Fast alle Akteure in der Wirtschaft und eine satte Mehrheit in der Bevölkerung wartet auf eine ambitionierte Klimapolitik und einen schnelleren Ausbau erneuerbarer Energien. Denn ansonsten werden wir bald in einem Land wohnen, in dem es angesichts der wachsenden Nachfrage zu wenig Ökostrom gibt. Neben Idealisten und Überzeugungstätern möchten auch immer mehr Großunternehmen auf Ökostrom umsteigen, weil klimaneutral erzeugter Strom eine unverzichtbare Zutat ist, um Industrieprodukte im internationalen Markt auch künftig noch sicher absetzen zu können.

Wer auch immer bei der Bundestagswahl im September das Rennen macht: In Puncto Energiewende darf sich der Sieger über großen Gestaltungsspielraum freuen. In kaum einem Politikfeld dürfte es derartigen Rückenwind geben. Klar ist aber auch, ein „weiter so“ ist keine Option.

Seien wir also einmal optimistisch und gehen davon aus, dass nach der Wahl tatsächlich das Schlusskapitel der Energiewende beginnt. Was wären dann die großen Stellschrauben für den Aufbruch in die Klimaneutralität? Wir haben diese Frage bei Lichtblick breit diskutiert und fünf zentrale Klimareformen identifiziert, mit denen die eingangs beschriebene Vision einer klimaneutralen Energieversorgung 2035 nicht nur möglich, sondern auch realistisch wird.

1.    Ausbautempo bei Wind und Solar mindestens verdoppeln

Wir müssen die Erneuerbaren Energien so schnell ausbauen wie noch nie. Dafür braucht es einen Paradigmenwechsel: So viel Markt wie möglich, so viel Förderung wie nötig. Denn neben dem EEG kann inzwischen auch der Markt den Bau neuer Ökostromanlagen antreiben. Große Solaranlagen sind nur der Anfang, Offshore-Anlagen könnten folgen. EEG-Förderung und Markt sollten als kommunizierende Röhren verstanden werden, die gemeinsam den Ausbau von Solar- und Windenergie vorantreiben.

2.    EEG-Strom aus Neuanlagen an Haushalte und Unternehmen vermarkten

Förderung und Markt ließen sich verzahnen, indem künftig die Direktvermarktung von Strom aus neuen EEG-Anlagen zugelassen würde. Die Nachfrage nach Ökostrom mit Herkunftsnachweis wächst enorm. Doch in Deutschland ist er ein sehr knappes Gut, denn hier kann EEG-Strom nicht direkt an Endkunden geliefert werden. Dadurch geraten wir in eine wachsende Ökostromlücke, die mit EEG-Strom ausgefüllt werden könnte. Außerdem brauchen wir in Deutschland mehr förderfreie Solar- und Windparks, die sich über langfristige Lieferverträge (PPA) refinanzieren. Staatliche Bürgschaften könnten in der Startphase dafür sorgen, dass dieser Markt endlich auch in Deutschland Fahrt aufnimmt.

3.    EEG-Umlage abschaffen, CO2-Preis erhöhen

Dreckige Energie muss teuer, saubere Energie preiswert werden. Es braucht eine Preisreform. Der CO2-Preis für Strom, Brenn- und Treibstoffe aus klimaschädlichem Erdgas und Erdöl sollte erhöht, die EEG-Umlage abgeschafft werden. Damit würde Strom für alle um 6,5 Cent pro Kilowattstunde günstiger und wäre auch im Verkehrs- und Wärmesektor eine günstige Alternative zu klimaschädlichen fossilen Brennstoffen. Einkommensschwache Haushalte sollten zusätzlich ein „Bürger:innen-Geld“ zur Kompensation der Mehrkosten erhalten.

4.    Einführung Solarpflicht für alle Neubauten

Nur etwa jedes zehnte Dach in Deutschland trägt eine Solaranlage. Das ist erschreckend wenig nach über 20 Jahren EEG-Förderung. Deshalb gehen zum Beispiel Hamburg, Berlin oder Baden-Württemberg mit einer Solarnutzungspflicht für Neubauten voran. Die neue Bundesregierung sollte eine solche Regelung bundesweit einführen. Kombiniert mit einem Solarkataster, in dem Hausbesitzende ihre Dachfläche für den Bau und Betrieb einer PV-Anlage anbieten würde diese Pflicht nicht nur der Bau neuer Solaranlagen auf Dächern anreizen, sondern auch einen Dienstleistungsmarkt rund die preisgünstige Versorgung mit Solarstrom vom eigenen Dach.

5.    Wettbewerb und Ökostrom an der Ladesäule

Strom tanken ist in Deutschland immer noch ein Abenteuer. Probleme bei der Nutzung und dem Bezahlvorgang sowie intransparente und überhöhte Preise erweisen sich als ernstes Hindernis für den Hochlauf der Elektromobilität. Die Krux: Bislang bestimmt der Ladesäulenbetreiber, welcher Strom zu welchem Preis aus der Ladesäule kommt. Drittanbieter zahlen meist deutlich höhere Preise an den Ladesäulenbetreiber als dieser den eigenen Kunden in Rechnung stellt.

Würde die Durchleitung für alle Stromversorger geöffnet, könnten Kunden an öffentlichen Ladesäulen den Strom vom Anbieter ihrer Wahl tanken – in der gewünschten (grünen) Qualität und zu einem transparenten, fairen Preis. Als Gegenleistung sollte eine Durchleitungsgebühr an den Ladesäulenbetreiber gezahlt werden. Damit würde sich der Ladesäulenbetrieb auf Dauer lohnen und die Förderung durch Steuergelder könnte verringert werden. Der weitere Ausbau der öffentlichen Ladeinfrastruktur wäre damit gesichert.

Fazit

In der nächsten Wahlperiode entscheidet sich, ob wir die Klima- und Energieziele 2030 erreichen können. Es geht also um viel. Da kann ein Wettbewerb um die besten Ideen für eine Beschleunigung der Energiewende nicht schaden. Die hier formulierten Thesen sind von Lichtblick als Stein des Anstoßes gedacht. Lassen Sie uns darüber gerne in den Austausch treten.

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