Standpunkt Klimaneutralität durch die All-Electric-Society

Spätestens nach der Bundestagswahl werden in der deutschen Klima- und Energiepolitik die Weichen neu gestellt. Gunther Kegel, Präsident des Elektroindustrie-Verbands ZVEI, setzt in seinem Standpunkt vier Schwerpunkte, mit denen die Ökonomie in den Dienst der Ökologie gestellt werden könne. Beim zukünftigen Stromverbrauch fordert er, die Bundesregierung müsse sich ehrlich machen.

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Beim Klimaschutz ist keine Zeit mehr zu verlieren. Der CO2-Ausstoß muss jetzt kontinuierlich heruntergefahren werden, Jahr für Jahr, in Deutschland, Europa, letztlich weltweit. Wenn der politische Wille tatsächlich vorliegt, lassen sich die Klimaziele noch durch einen Kraftakt erreichen. Ein positives Signal ist hier der erneute Beitritt der USA zum Pariser Klimaschutzabkommen.

Darüber hinaus muss auch der Rahmen stimmen. Nötig ist, dass die Politik die passenden Anreize für Investitionen in Entwicklung, Bau und Betrieb emissionsmindernder Technologien setzt, die übrigens größtenteils bereits vorliegen. Die Wirtschaft braucht endlich Planungssicherheit für Investitionen in klimafreundliche Technologien. Im Zentrum muss dabei eine CO2-Bepreisung stehen, die für die Unternehmen langfristig kalkulierbar ist. Nur so wird Klimaschutz betriebswirtschaftlich machbar und auch volkswirtschaftlich sinnvoll.

Dieses klare Preissignal würde auch die Weiterentwicklung zur All-Electric-Society begünstigen, auf die wir uns schon mit großen Schritten zubewegen. Sie ist geprägt durch die intelligente Kopplung von klimarelevanten Sektoren wie Energie, Gebäude, Mobilität und Industrie – für die Wasserstoff und synthetische Brennstoffe als Speicher eine wichtige Rolle spielen werden. Strom aus erneuerbaren Quellen ist ihr verbindendes Element. Die All-Electric-Society ist zudem ein wichtiger Katalysator für eine Kreislaufwirtschaft, die jetzt ebenfalls angegangen werden muss. Auch hierfür muss ein politischer Rahmen her, der Innovationen fördert.

EEG-Umlage abschaffen, CO2-Preis erhöhen

Die Elektrifizierung ist damit – neben der Digitalisierung – einer der Haupttreiber für mehr Klimaschutz. Wichtig ist deshalb, dass der Strompreis deutlich gesenkt wird. Die zu Jahresbeginn eingeführte Deckelung der EEG-Umlage reicht bei Weitem nicht aus – der ZVEI fordert, dass sie schnellstmöglich ganz abgeschafft wird. Darüber hinaus sollte das gesamte Dickicht aus Abgaben, Umlagen und Steuern gelichtet werden. In Deutschland betragen die Staatskosten am Strompreis für private Verbraucher mehr als 50 Prozent. Das ist irrwitzig und muss reduziert werden. Gerade auch, um die Attraktivität von erneuerbarem Strom für die besonders klimarelevanten Sektoren Mobilität und Gebäude zu erhöhen.

Parallel zur Senkung des Strompreises muss der CO2-Preis steigen – er ist das richtige Steuerungsinstrument in Richtung Dekarbonisierung. Das sollte vor allem über eine Weiterentwicklung des Emissionshandels erfolgen. Die nationale CO2-Bepreisung von Heiz- und Kraftstoffen bei Verkehr und Gebäude gehört zunehmend in den bereits länger bestehenden europäischen Emissionshandel für die Sektoren Energie und Industrie integriert.

Solange ein ernsthafter CO2-Preis weitgehend nur in Europa erhoben wird, brauchen wir dabei sektorspezifische Gewichtungsfaktoren, um die zwischen den Sektoren deutlich unterschiedlichen CO2-Vermeidungskosten beziehungsweise die ebenfalls deutlich unterschiedlichen Risiken von Carbon Leakage zu berücksichtigen. Diese sollten aber zunehmend konvergieren, so dass wir zu einem einheitlichen CO2-Preis über alle Sektoren und möglichst viele Regionen kommen.

Zusätzlich zu einem klaren Preissignal müssen weitere Stellhebel betätigt werden. Mindestens vier Handlungsfelder sind zu nennen. Zum ersten muss die Energiewende einen neuen Schub erhalten. Der Ausbau regenerativer Energiequellen muss wieder mehr Fahrt aufnehmen. Auch wenn 2020 in der Europäischen Union erstmals mehr Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt wurde als aus fossilen, liegt noch eine weite Wegstrecke vor uns. Für Deutschland wird zurzeit davon ausgegangen, dass die derzeit installierte Leistung von 125 Gigawatt bis 2035 nochmals verdoppelt werden muss.

Die Wahrheit allerdings ist: Damit lässt sich der Energiebedarf einer hochindustrialisierten Volkwirtschaft, die alle relevanten Sektoren direkt oder indirekt elektrifizieren will, nicht decken. Es ist Zeit, dass die Politik sich ehrlich macht. Fakt ist: Der absolute Strombedarf wird enorm zunehmen. Bei den Klimavorgaben wird er im Wesentlichen nur durch den massiven Ausbau der Erneuerbaren zu decken sein.

Netzeffizienz erhöhen und Reform auf den Weg bringen

Zum zweiten muss es endlich gelingen, Effizienzpotenziale bei der Synchronisierung von Erzeugung und Verbrauch von Strom besser zu nutzen. Daher muss die Digitalisierung des Stromsystems, etwa durch die Nutzung von Smart-Meter-Gateways sowie eine weitreichende Ausstattung mit digitalen Sensoren bis in die Niederspannungsnetze, vorangebracht werden. Gerade diese Technologien ermöglichen es den Bürgern, unmittelbar am Energiemarkt teilzuhaben beispielsweise durch die Flexibilisierung ihres Energieverbrauchs ohne Einbußen im Komfort.

Ein weiterer Vorteil: Smart Meter helfen mit, die Gesamtkosten des Energiesystems durch effizientere Netzauslastung zu reduzieren. Daher ist wichtig, dass das Steuerbare-Verbrauchseinrichtungen-Gesetz (SteuVerG) bald auf den Weg gebracht wird. Sonst werden Investitionen aller Art zurückgestellt statt beschleunigt. Denn die Steuerung von neuen Verbrauchern wie E-Ladestationen, Wärmepumpen und Batteriespeichern ist essenziell – und auch machbar, ohne deren Versorgung zu gefährden. So wird das heutige Stromnetz vor Überlastung geschützt und Investitionen in eine volkswirtschaftlich sinnvolle Kombination von Digitalisierung, Ladepunkten und Netzausbau gelenkt.

Unmittelbar mit der Digitalisierung des Stromsystems verbunden ist, drittens, der Gebäudesektor. Dort treffen Energie- und Mobilitätswende unmittelbar aufeinander. Allerdings ist der Gebäudebestand in Deutschland noch weit davon entfernt, „strom-energiewende-fähig“ zu sein. Dazu gehören eine leistungsfähige Elektroinstallation – die aktuell größtenteils nicht vorliegt, um private E-Ladepunkte, Batterie- und Wärmespeicher oder Photovoltaikanlagen anzuschließen – und eine Anbindung ans Breitbandnetz. Auch beim letztgenannten klaffen immer noch große Lücken.

Schließlich, viertens, die Steigerung der Energieeffizienz im Verbrauch selbst. Die Binse, wonach jede Kilowattstunde, die nicht verbraucht wird, auch nicht erzeugt werden muss, ist unwiderlegt. Mehr Energieeffizienz ist der Schlüssel, ohne ihre Steigerung ist die Energiewende nicht zu schaffen. Wie nirgendwo anders schaffen energieeffiziente Technologien zudem riesige Einsparpotenziale entlang der gesamten energiewirtschaftlichen Wertschöpfungskette. Diese müssen stärker genutzt und von der Politik mit degressiv gestalteten Anreizmechanismen oder Standards gefördert werden.

Ökonomie in den Dienst der Ökologie stellen

Die Industrie ist heute ein wesentlicher Treiber der Dekarbonisierung. Die Erzeugung von grünem Wasserstoff als weitere Form von Elektrizität wird diese Entwicklung weiter beschleunigen. Es ist der technische Fortschritt, auf den es bei Klimaschutz und Kreislaufwirtschaft ankommt. Er entfaltet die höchste Wirkung und sichert nachhaltiges Wachstum. Diesen Trumpf müssen wir stärker spielen. Gefordert ist vor allem die Politik: Sie muss das Klima-Ass ziehen und damit die Kräfte der Ökonomie konsequent in den Dienst der Ökologie lenken.

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