Standpunkt Mehr Raum für Innovationen in der Netzplanung

Die Bundesnetzagentur hat zahlreichen neuen Stromnetzprojekten jüngst eine Absage erteilt, zum Beispiel Netzboostern und Power-to-Gas. Dena-Chef Andreas Kuhlmann analysiert die Entscheidung und vertritt in seinem Standpunkt die Ansicht, dass die derzeitigen Planungsprozesse an ihre Grenzen gestoßen sind. Es brauche neue Verfahren.

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Vor wenigen Tagen hat die Bundesnetzagentur (BNetzA) ihre vorläufigen Prüfergebnisse zum aktuellen Netzentwicklungsplan bekannt gegeben. Die Berichterstattung konzentrierte sich zunächst auf die Bestätigung einer zusätzlichen Leitung zur Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung von Schleswig-Holstein nach Nordrhein-Westfalen – eine wichtige Entscheidung, denn: Energiewende braucht Netzausbau, man kann es nicht oft genug sagen!

Interessanter ist aber etwas anderes: Insgesamt hat die BNetzA 68 der 164 Maßnahmen, die die Übertragungsnetzbetreiber im ersten Entwurf des Netzentwicklungsplans vorgeschlagen hatten, als nicht bestätigungsfähig eingestuft. Gerade die Ablehnung neuer, innovativer Ansätze hat in der Branche für Irritationen gesorgt und bedarf einer Einordnung.

Unter den abgelehnten Maßnahmen befinden sich unter anderem drei geplante Netzbooster-Vorhaben zur Erhöhung der Transportkapazität und eine Power-to-Gas-Anlage (PtG), die netzdienlich genutzt werden sollte. Daraus abzuleiten, dass die Herausforderungen der Energiewende in den Stromnetzen ohne Innovation und neue Technologien erreicht werden können, wäre ein fataler Trugschluss. Vielmehr zeigen die Ergebnisse der BNetzA: Der Netzentwicklungsplan ist als Prozess und mit seinen Vorgaben zwar ein geeignetes Instrument, um den Bedarf an zusätzlicher Transportkapazität zu bestimmen. Beim Umgang mit Innovationen wird es aber offenbar schwierig. Mit Blick auf die kommenden Herausforderungen der integrierten Energiewende bedarf es hier einer Weiterentwicklung.

Innovationen für mehr Netzkapazität und Flexibilität

In Zukunft wird es besonders darauf ankommen, Innovationen und systemübergreifende Ansätze, die langfristig benötigt werden, frühzeitig in die Erprobung und Umsetzung zu bekommen. In seinem Aktionsplan Stromnetz spricht das Bundeswirtschaftsministerium zurecht von einer Doppelstrategie: Die Umsetzung und Realisierung beschlossener Maßnahmen soll beschleunigt und gleichzeitig sollen neue Technologien, Prozesse und andere innovative Lösungen entwickelt und eingesetzt werden.

Die gesuchten Innovationen lassen sich in zwei Handlungsbereiche unterteilen: Zum einen geht es darum, die Auslastung der Stromnetze zu erhöhen, ohne Abstriche bei der Versorgungssicherheit machen zu müssen. Ein Ansatz ist dabei die sogenannte reaktive Netzbetriebsführung. Darunter versteht man, dass Transportkapazitäten nicht präventiv eingeschränkt werden, um auf einen möglichen, aber selten eintretenden Fehler reagieren zu können, sondern dass der Stromnetzbetrieb in der Lage ist, schnell stabilisierend zu reagieren. Dafür können die sogenannten Netzbooster nützlich sein. Das sind zum Beispiel große Batterien, die sehr kurzfristig Stromlast aufnehmen oder abgeben und so bei einem Fehler die Überhitzung von Netzbetriebsmitteln verhindern können. Das soll dazu beitragen, dass die Betreiber ihre Leitungen stärker auslasten können.

Der zweite Handlungsbereich ist besonders spannend und für eine integrierte Energiewende insgesamt von großer Bedeutung. Er zielt darauf ab, den Transportbedarf zu vermeiden oder so zu verstetigen, dass Belastungsspitzen im Netz geglättet werden können. Dafür ist es erforderlich, Optimierungs- und Flexibilisierungsmöglichkeiten zwischen den Sektoren oder aber auch zwischen Markt und Netz zu erschließen. Das dient auch der Integration erneuerbarer Energien. Anlagen zur Erzeugung von synthetischen Energieträgern mit Hilfe von erneuerbarem Strom, zum Beispiel Power-to-Gas, können dazu beitragen, wenn sie dort gebaut werden, wo sie am ehesten Lastspitzen ausgleichen und zur Reduzierung von Engpässen beitragen können.

Die Ergebnisse der Dena-Leitstudie Integrierte Energiewende zeigen, dass synthetische erneuerbare Energieträger zukünftig in erheblichen Ausmaß benötigt werden, unter anderem um die Klimaziele im Wärme- und Verkehrsbereich zu erreichen. Auch wenn der Großteil dieser grünen Energieträger sicherlich importiert werden muss, wird es auch PtG-Anlagen in Deutschland geben müssen. Um diese Anlagen für das Energiesystem optimal einsetzen zu können, braucht es eine mehr und mehr abgestimmte Planung von Strom- und Gasinfrastruktur.

Planen – mit weitem Blick nach vorn

Angesichts der Diskussion über den Netzentwicklungsplan ist es deshalb wichtig, den Blick zu weiten. Es geht darum, neue Prozesse zu identifizieren, die mehr Raum für Innovation und Systemoptimierung lassen und die verschiedensten energiewirtschaftlichen Herausforderungen klug miteinander kombinieren. Ziel könnte sein, über den Netzentwicklungsplan hinaus zu einem Systementwicklungsplan zu kommen. So ist es im Koalitionsvertrag übrigens auch bereits angelegt. Klingt gut, ist aber kompliziert.

Die Deutsche Energie-Agentur untersucht gerade im Rahmen der Dena-Netzstudie III ein von der Bundesregierung gefördertes Projekt, die Notwendigkeit und den Mehrwert eines solchen Systementwicklungsplans. Das Projekt geht bis Ende 2021 und wird in dieser Zeit noch eine Vielzahl unterschiedlicher Aspekte diskutieren und analysieren. Dabei geht es nicht darum, den einen Meta-Prozess zu entwickeln, der in einem Schwung gleich alle Planungen in den energierelevanten Sektoren vereinen soll. So ein Ansatz würde wohl an der übergroßen Komplexität scheitern. Vielmehr prüft die Dena im Austausch mit Unternehmen, Politik und Wissenschaft, wie ein Prozess aussehen müsste, der langfristige Weichenstellungen und Innovationen abgestimmt zwischen den Sektoren ermöglicht und Synergien hebt.

Der Entscheidungsprozess für den aktuellen Netzentwicklungsplan ist noch nicht abgeschlossen. Aber das vorläufige Ergebnis der BNetzA, Innovationen aufgrund von Ungewissheiten und offener Fragen aktuell nicht bestätigen zu können, ist ein Indiz dafür, dass der bestehende Prozess an seine Grenzen stößt und es neue oder zusätzliche Verfahren braucht.

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