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Energie & Klima

Standpunkte „Mehr Wasserstoff wagen“ muss die Zukunftsformel sein

Gerald Linke, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches
Gerald Linke, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches Foto: DVGW

Dass es die Kraftwerksstrategie endlich gibt, erkennt Gerald Linke lobend an. Aber sie habe noch viele Lücken und lasse Sprinter- und Hybridkraftwerke außer Acht, kritisiert der Vorstandschef des DVGW. Die vorgesehenen Kapazitätsausschreibungen werden nicht reichen, warnt er in seinem Standpunkt.

von Gerald Linke

veröffentlicht am 07.03.2024

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Seit über zwei Jahren regiert die Ampel-Koalition. Ende 2021 startete die Bundesregierung mit dem Anspruch „Mehr Fortschritt wagen“ und hat sich auch für die Transformation der Energieversorgung einiges vorgenommen. Dabei können sich SPD, Grüne und FDP auf die Fahnen schreiben, die Grundlagen für den Einsatz klimaneutraler Gase gelegt zu haben. Das ist aber nur ein Startschuss, jetzt muss insbesondere der gesetzliche Rahmen vervollständigt werden. Wichtige Themen sind hier, den Transformationsprozess der Gasverteilnetze zu gestalten und insgesamt das Klimaschutzpotenzial von Wasserstoff zeitnah zu nutzen. 

Ein wichtiger, aber auch lange überfälliger Schritt, ist die kürzlich erzielte Einigung über die Kraftwerksstrategie. Diese ist ein Baustein, endlich verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Denn die Energiewirtschaft benötigt dringend klare Signale für den Zubau von Erzeugungskapazitäten, damit verbundene Investitionen setzen Planungssicherheit voraus. 

Auch hier gilt: Das kann erst der Anfang sein. Die vorgesehenen Ausschreibungen über eine Kapazität von viermal 2,5 Gigawatt werden nicht ausreichen, um einerseits die anvisierte Erzeugungskapazität für den Wasserstoffhochlauf sicherzustellen und andererseits den auf 2030 vorgezogenen Kohleausstieg zu bewältigen. Allein für letzteres müssen 28 Gigawatt an gesicherter, allzeit verfügbarer Leistung kompensiert werden. 

Mangel an Kraftwerksleistung droht 

Im Hinblick auf diese Ziele empfiehlt es sich, die in der Kraftwerksstrategie genannten Maßnahmen näher zu beleuchten. Dort sind ausschließlich H2-ready Gaskraftwerke aufgeführt. Sprinter- und Hybridkraftwerke, die laut dem Entwurf vom Sommer 2023 je 4,4 Gigawatt umfassen sollten, werden nicht genannt und sind eventuell nicht länger Teil der Strategie. Damit würden in der Rechnung 8,8 Gigawatt an gasgefeuerter Kraftwerksleistung fehlen. 

Zudem scheint die Gesamtkapazität der bis zum Herbst geplanten Ausschreibungen lediglich einen Höchstwert darzustellen. Denn im Strategiepapier ist den zehn Gigawatt ein „bis zu“ vorangestellt. Auch dies könnte also im ungünstigen Fall eine Reduktion an geplanter H2-Kraftwerksleistung bedeuten. Und auch die aufgeführten Zeithorizonte sind wenig konkret und anspruchsvoll. Eine Entscheidung für den Umstieg der H2-ready Gaskraftwerke von Erdgas auf Wasserstoff soll erst im Jahr 2032 getroffen werden. Das klang im Sommer 2023 noch ambitionierter, als das BMWK das Jahr 2035 als Umstiegsdatum genannt hatte. 

Die Kraftwerke sollen nach dem Plan der Bundesregierung zudem systemdienlich sein. Damit dürften entsprechende Kapazitäten vor allem in Süddeutschland beziehungsweise südlich von Netzengpässen aufgebaut werden. Auch dies greift zu kurz. Schließlich verteilen sich die bestehenden, auf Wasserstoff umzurüstenden Gaskraftwerke und KWK-Anlagen dezentral über ganz Deutschland. Hier sollten wir neben der Strom- nicht die Wärmewende aus dem Blick verlieren und insbesondere auch diese Kraftwerke „H2-ready“ und damit zukunftsfähig machen. 

Durch Ordnungsrahmen mehr Initiative anreizen 

Trotzdem enthält die Kraftwerksstrategie neben der grundsätzlichen wichtigen Signalwirkung an die Energiewirtschaft weitere positive Aspekte. So sollen die Planungs- und Genehmigungsverfahren für die neu zu errichtenden Anlagen beschleunigt werden und auch die Hemmnisse bei Bau und Betrieb von Elektrolyseuren sollen abgebaut werden. 

Die Bundesregierung ist bei Wasserstoff also grundsätzlich auf dem richtigen Weg, muss allerdings noch einige Hausaufgaben machen und Fragen beantworten, unter anderem die nach der Herkunft des Wasserstoffs. Auch hier ist es wichtig, Investitionssicherheit durch einen definierten und verlässlichen Ordnungsrahmen zu garantieren, um weitere Initiativen und Projekte für den Ausbau der Wasserstofferzeugung sowie der Import- und Export-Infrastrukturen voranzutreiben. 

Beim Bestreben der Politik, Deutschland als Leitmarkt für Wasserstofftechnologien zu etablieren, müssen entsprechende Förderungen langfristig gewährleistet und mit ausreichenden Ressourcen versehen werden. Beim Wasserstoffimport stehen hier unter anderem die Themen der Synthese von Derivaten und die Rückgewinnung von Wasserstoff im Fokus. Dabei wird es auch für eine Akzeptanz wichtig sein, alternative klimafreundliche Wasserstoffarten (wie blauen Wasserstoff) als Brückentechnologie zu fördern und internationale Wasserstoffkooperationen inklusive mittel- bis langfristigen Lieferabkommen auszuweiten und zu konkretisieren. 

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