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Energie & Klima

Standpunkt

Mit Geothermie in die Energie- und Rohstoffunabhängigkeit

Horst Kreuter, Geschäftsführer, Vulcan Energie Ressourcen
Horst Kreuter, Geschäftsführer, Vulcan Energie Ressourcen Foto: Vulcan Energie Ressourcen

Der Unternehmer Horst Kreuter fürchtet, dass trotz Aufbruchsstimmung in der Energie- und Klimapolitik die Geothermie links liegen gelassen wird. Sie biete große Potenziale, in Deutschland fehle aber die regulatorische Unterstützung. Beschleunigte Genehmigungsverfahren, Roadmap und Geothermie-Gipfel könnten den notwendigen Umschwung bringen, argumentiert er in seinem Standpunkt.

von Horst Kreuter

veröffentlicht am 22.04.2022

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Eine unabhängige, nachhaltige und dauerhaft bezahlbare Energieversorgung ist das Gebot der Stunde. Viel zu lange wurde der Ruf nach Veränderungen in diese Richtung von weiten Teilen der Politik und Wirtschaft ignoriert oder bestenfalls halbherzig umgesetzt. Die derzeitige Situation lässt jedoch keinen weiteren Aufschub zu. Die gute Nachricht ist: Die Technologien, die wir für diese Transformation benötigen, sind längst vorhanden – und schnell einsatzbereit.

Eine dieser Technologien ist die Geothermie. Eine kürzlich veröffentlichte Roadmap unter Federführung des Fraunhofer-Instituts für Energieinfrastrukturen und Geothermie (IEG) unterstreicht deren enormes Potenzial in Deutschland. Auf der Suche nach mittelfristigen erneuerbaren Alternativen für den Wärmemarkt kann diese Form der Erdwärmenutzung eine ganz entscheidende Rolle spielen.

Es ist klar, dass ein Umstieg auf Geothermie nicht von jetzt auf gleich volle Abhilfe schafft, sondern mittelfristig zum Erfolg führt. Doch angesichts der Komplexität von Planungs- und Genehmigungsverfahren muss der Geothermie (und im Übrigen auch den anderen erneuerbaren Energien) das starre bürokratische Korsett gelockert werden – und zwar lieber zu früh als zu spät.

Potenzial: Ein Fünftel des Wärmebedarfs

Laut Fraunhofer IEG kann die Geothermie bis zum Jahr 2030 rund ein Fünftel des deutschen Wärmebedarfs decken und damit einen erheblichen Teil der russischen Erdgasimporte ersetzen. Die Unabhängigkeit vom Wetter macht die Technologie zu einer sinnvollen Ergänzung von Wind- und Solarenergie. Zudem bietet sie vergleichsweise geringe Wärmegestehungskosten von aktuell 25 bis 30 Euro pro Megawattstunde. In Deutschland hat die Geothermie eine lange Tradition und weist im weltweiten Vergleich besonders günstige Rahmenbedingungen auf.

Darüber hinaus bietet die Geothermie noch einen weiteren Vorteil, dessen Bedeutung für den Erfolg von Energie- und Verkehrswende nicht zu unterschätzen ist. Tief unter dem 300 Kilometer langen und 40 Kilometer breiten Oberrheingraben im Südwesten Deutschlands befindet sich eines der weltweit größten Vorkommen an Lithium – einer der Schlüsselrohstoffe dieses Jahrhunderts. Mittels Geothermie kann das Lithium an die Oberfläche befördert und dort für die Produktion von Batterien, zum Beispiel für Elektroautos, aufbereitet werden. Dank der gleichzeitigen Erzeugung von erneuerbarer Wärme und Elektrizität sind das Verfahren und das damit gewonnene Lithium CO2-neutral. Das von mir geführte Unternehmen Vulcan Energie Ressourcen verfolgt das Ziel, dieses Potenzial zu heben, hat eine Pilotanlage in Betrieb genommen und Lizenzen erworben.

Das Zusammenspiel von Wärmeerzeugung und Lithiumgewinnung ermöglicht eine dauerhaft günstige Wärmeversorgung, was angesichts der momentanen Preisentwicklung bei konventionellen Energiequellen wie Öl, Gas und Kohle ein beruhigendes Signal aussendet, und hilft, die strategische Abhängigkeit von Rohstoffimporten deutlich zu verringern.

Indirekten Rückenwind für die Tiefengeothermie gibt es bereits – durch das Ziel der Bundesregierung, bis 2030 mindestens 50 Prozent der Wärme aus erneuerbaren Energien zu gewinnen. Diese Marke lässt sich ohne Geothermie kaum verwirklichen, erst recht nicht wirtschaftlich und unabhängig von Importen.

Verfahrensfristen von ein bis zwei Jahren zu lang

Bislang kann die Geothermie ihre Rolle als Schlüsseltechnologie allerdings aufgrund verschiedener regulativer Barrieren nicht ausspielen. Somit bleibt dieses, als auch die synergetischen Potenziale einer inländischen Lithiumproduktion ungenutzt.

Um diese Potenziale zu heben, eröffnen sich eine Reihe von Möglichkeiten, um den Marktzugang für Geothermieprojekte zu erleichtern und die Geothermie als festen Bestandteil im Wärmemarkt zu etablieren.

Einer der wichtigsten Ausgangspunkte stellt die Einberufung eines nationalen Geothermiegipfels unter Federführung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz da. Mithilfe eines nationalen Gipfeltreffens könnte mithilfe entsprechender Akteure aus Politik, kommunalen Spitzenverbänden, Zivilgesellschaft sowie Industrie und Wissenschaft ein breiter Konsens für diese Technologie geschaffen werden. Die gemeinsame Identifizierung derzeitiger Hürden und notwendiger Maßnahmen würden einen Ausbau der Tiefengeothermie in Deutschland bedeutend beschleunigen und eröffnet die Möglichkeit, in einer gemeinsamen Geothermie-Roadmap münden.

Wie auch bei anderen Erneuerbare-Energien-Technologien müssen Investitionsbarrieren für Geothermieprojekte reduziert werden, wie zum Beispiel lange Genehmigungsverfahren und unverhältnismäßig hohe administrative Hürden. Diese führen zu langen Planungshorizonten mit Vorlaufzeiten von mehreren Jahren und sind für Investoren eher abschreckend.

Fakt ist, die aktuell im Bundesberggesetz geltenden Verfahrensfristen sind mit einer Dauer von ein bis zwei Jahren zu lang und gelten auch nur für Anlagen, die Strom produzieren. Diese Fristen müssen nicht nur gekürzt, sondern auch umfassend für Wärme erzeugende Anlagen geltend gemacht und zudem an die immissionsschutzrechtlichen Fristen von drei beziehungsweise sechs Monaten angepasst werden. Ferner ist es unerlässlich, dass der Aufbau von Fernwärmenetzen finanziell unterstützt wird. Ein zusätzlicher Anreiz für Kommunen den Einsatz von Tiefengeothermie für sich zu erschließen, wäre demnach eine Erweiterung des bestehenden KfW-Förderprogramms.

Auch die Bundesländer müssen liefern

Flankierende Maßnahmen gilt es auch auf Länderebene anzustoßen. Besonders auf personeller wie technischer Ebene können die Aufgaben und die Ausstattung der Bergbehörden optimiert werden. Eine richtige Auslegung des geltenden Rechts, beispielsweise indem das Bergrecht nur auf tiefe, statt auch auf oberflächennahe Geothermie angewendet wird, kann hier für enorme Entlastung sorgen. Der zusätzliche Einsatz qualifizierten Personals in Kombination mit modernen IT-Lösungen würde diese Entlastungen unterstützen.

Um die Energie- und Verkehrswende also zuverlässig zu flankieren und die gesamte Bandbreite an erneuerbarer Energie zu nutzen, sind sowohl ein stabiler Rechtsrahmen, die Schaffung einer akteursübergreifenden, konsensfähigen Geothermie-Strategie als auch langfristige Planungssicherheiten für diese Technologien unverzichtbar.

Viel Zeit für erste Schritte bleibt nicht mehr, ansonsten droht die 2030-Marke außer Reichweite zu geraten.

Horst Kreuter ist Geschäftsführer der Vulcan Energie Ressourcen GmbH, er wurde in einem Background-Porträt vorgestellt. 

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