Standpunkt Nachhaltigkeitsstrategie wird Teil der Finanzstrategie

Johannes Merck verantwortet bei der Otto Group die Corporate Responsibility. Moritz Nill ist Direktor bei Systain, einer Management-Beratung. In ihrem Standpunkt plädieren sie für eine enge Zusammenarbeit von Finanz- und Nachhaltigkeitsabteilung in Unternehmen. Wenn Nachhaltigkeit Teil der Finanzstrategie wird, rücke sie ins Zentrum des Unternehmens. Dabei entstehe nicht einmal zwingend Mehraufwand.

Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen

Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.

Jetzt kostenfrei testen
Sie sind bereits Background-Kunde? hier einloggen

Green Bonds unterscheiden sich von traditionellen Anleihen dadurch, dass sie speziell für die Finanzierung von Projekten begeben werden, die sich positiv auf Klimaschutz und Umwelt auswirken. Haben die finanzierten Projekte primär einen sozialen Mehrwert, handelt es sich um Social Bonds. Sustainable Bonds sind eine Mischform und berücksichtigen sowohl Umwelt- als auch Sozialaspekte. Im Folgenden wird einheitlich der Begriff „nachhaltige Anleihe“ verwendet, der jedoch alle drei Formen von Anleihen umfasst.

Das Emissionsvolumen nachhaltiger Anleihen betrug 2018 weltweit rund 226 Milliarden US-Dollar, was einem Wachstum von 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht. In Deutschland gehörten zu den Emittenten bisher vor allem Bund, Länder und Kommunen sowie Banken und Finanzinstitutionen. Seit einiger Zeit werden nachhaltige Anleihen auch für Unternehmen interessant (zum Beispiel EnBW und Innogy). Die Otto Group ist das erste deutsche Handelsunternehmen, dass sich ins Feld der Sustainable Bonds gewagt hat. Wichtig war für die Otto Group, dass die Anleihe in Einklang mit dem Geschäftsmodell und der Nachhaltigkeitsstrategie steht, die der Konzern bereits seit 2012 verfolgt.

Auf den wachsenden Markt reagiert zunehmend auch die Politik. Der von der Europäischen Kommission im März 2018 verabschiedete Aktionsplan für ein nachhaltiges Finanzwesen verfolgt unter anderem das Ziel, Kapitalflüsse auf nachhaltige Investitionen auszurichten und den nachhaltigen Finanzmarkt dadurch zu stärken. Zur Unterstützung in der Umsetzung des Aktionsplans hat die Europäische Kommission eine Technische Expertengruppe (TEG) eingesetzt.

Einheitliche Standards für Europa sollen kommen

Da nachhaltige Anleihen ein wichtiger und wachsender Markt sind, wurde die TEG damit beauftragt, Empfehlungen über die Ausgestaltung eines einheitlichen Standards für nachhaltige Anleihen zu entwickeln. Unternehmen, die eine nachhaltige Anleihe ausgeben, müssen zunächst ein Rahmenwerk für sie schaffen. Darin wird zum Beispiel festgelegt, welche Projekte finanziert werden sollen. Dieses Rahmenwerk wird dann von einer Nachhaltigkeitsratingagentur geprüft, um sicherzustellen, dass die Anleihe die Anforderungen der International Capital Market Association (ICMA) erfüllt.

Die ICMA hat die Anforderungen in freiwilligen Richtlinien definiert, die der Unterstützung der Emittenten dienen sollen: die Green Bond Principles, Social Bond Principles und Sustainability Bond Guidelines. Da die Mittel aus nachhaltigen Anleihen nur zweckgebunden eingesetzt werden können, sollten Unternehmen darauf achten, dass die Projekte ein entsprechendes Volumen haben, das mindestens der Summe der Anleihe entspricht.

Für das spätere Reporting ist es wichtig, dass für die Projekte klare Prozesse implementiert sind, um eindeutig aufzeigen zu können, wie das Geld eingesetzt und welche Wirkung für Umwelt und Gesellschaft erzielt wurde. Es ist zudem empfehlenswert, einen Wirtschaftsprüfer einzusetzen, der die Allokation der Mittel verifiziert.

Hierfür ist die Erhebung von Kennzahlen wichtig, die dem Investoren Auskunft über die Wirkung seiner eingesetzten Mittel geben. Bei der Otto Group wurde das Kapital des Sustainable Bonds zur Refinanzierung des Wareneinkaufsvolumens von Textilien mit dem „Cotton made in Africa“-Label und FSC-zertifizierten Möbeln eingesetzt.

Der Kritik an der Glaubwürdigkeit effektiv begegnen

Durch die enge Zusammenarbeit von Finanz- und Nachhaltigkeitsabteilung entstehen generell positive Effekte auf die Nachhaltigkeit im Unternehmen. Die Nachhaltigkeitsstrategie wird ein integraler Teil der Finanzstrategie, wodurch das Thema insgesamt im Unternehmen und bei Investoren deutlich an Relevanz und Nachdruck gewinnt.

Kritisiert werden nachhaltige Anleihen zum Teil aufgrund mangelnder Glaubwürdigkeit und Transparenz. Emittenten berichten teilweise nur oberflächlich über die finanzierten Projekte. Ein Grund dafür ist, dass der Markt bisher stark auf Selbstregulierungen setzt – so auch bei den Berichterstattungsanforderungen für nachhaltige Anleihen. Die TEG schlägt daher vor, dass die Kommission einen freiwilligen, nichtlegislativen EU-Green-Bond-Standard schafft, um die Effektivität, Transparenz, Vergleichbarkeit und Glaubwürdigkeit des Green Bond Marktes zu verbessern. So soll der Standard auch eine verpflichtende Berichterstattung und externe Prüfung definieren. Wie genau der Green Bond Standard der EU jedoch ausgestaltet wird, ist bisher offen, da die genaue Ausarbeitung der neuen EU-Kommission obliegt.

Um der Kritik der Stakeholder zuvorzukommen, müssen Unternehmen transparent über die Auswirkungen aller finanzierten Projekte auf Umwelt und Gesellschaft berichten. Je besser die Impacts der Projekte quantifiziert werden, desto glaubwürdiger und transparenter kann darüber berichtet werden. Mit der entsprechenden Methodik können die positiven Auswirkungen der Projekte in Zahlen ausgedrückt werden, die für den Finanzmarkt greifbar und nachvollziehbar sind.

Es muss dadurch aber nicht zwingend Mehraufwand entstehen, wenn bereits ein gutes Monitoring der Nachhaltigkeitsmaßnahmen implementiert ist. Die Praxis zeigt also, dass nachhaltige Anleihen ein wichtiges Instrument sind, um die Nachhaltigkeitsdiskussion auf dem Finanzmarkt weiter voranzutreiben. Von einer engeren Verknüpfung der Finanz- und Nachhaltigkeitsperspektive profitieren nämlich alle Seiten – Unternehmen, Investoren, Umwelt und Gesellschaft.

Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen

Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.

Jetzt kostenfrei testen
Sie sind bereits Background-Kunde? hier einloggen