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Energie & Klima

Standpunkt

Photovoltaik ist die neue Königin, aber kommt sie auch nach Europa?

Nadine Bethge, Stellvertretende Leiterin Energie und Klimaschutz, DUH
Nadine Bethge, Stellvertretende Leiterin Energie und Klimaschutz, DUH Foto: DUH

Fast überall wird nun konstatiert, wie wichtig der Ausbau der Solarenergie sei. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hält diese Erkenntnis für überfällig und setzt sich ein für den Ausbau der Photovoltaikkapazitäten in Europa entlang von sauberen Lieferketten, wie Nadine Bethge in ihrem Standpunkt deutlich macht.

von Nadine Bethge

veröffentlicht am 30.11.2022

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Von derzeit rund 60 Gigawatt (GW) wollen wir allein in Deutschland die Photovoltaik (PV) bis 2030 auf 215 GW ausbauen. Das ist ein hervorragendes Ziel, der Weg zur Einhaltung der Pariser Klimaziele wird damit geebnet. Auch Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), sieht inzwischen einen „enormen Appetit auf saubere Energien“.

Doch wie erreichen wir unsere ambitionierten Ziele, wenn fast alle Module aus Übersee kommen? Die Volksrepublik China kontrolliert gegenwärtig über 80 Prozent der PV-Lieferketten, ihr werden erhebliche Menschenrechtsverletzungen im Produktionsprozess vorgeworfen. Schaffen Deutschland und die EU nicht schnellstmöglich bessere Rahmenbedingungen für eine nachhaltige und hier ansässige PV-Produktion, droht Europa im internationalen Wettlauf um PV abgehängt und stärker denn je abhängig von Importen zu werden.

Wirtschaftsräume mit großem Energiehunger ohne eigene PV-Produktion werden im Nachteil sein. Schon heute sorgen Verzögerungen in den Lieferketten für Ausfälle und Verzögerungen im Ausbau erneuerbarer Energien. Die derzeitige PV-Versorgung vor allem aus Asien reicht nicht im Ansatz aus. Es braucht jeden Beitrag, um die Klimakrise auch nur annähernd in den Griff zu bekommen.

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine zeigt, wie gefährlich große, von einzelnen Ländern dominierte Importabhängigkeiten sein können und das Energie als geopolitische Waffe eingesetzt wird. Als Reaktion darauf haben deshalb viele Nationen mit dem Aufbau eigener und damit resilienterer Produktionskapazitäten begonnen. Bei PV, der Königin der Energiewende, sind dies vor allem Indien und die USA mit ihren milliardenschweren Subventionsprogrammen. Diese und weitere Länder haben erkannt, dass sie die zwingend notwendige Dekarbonisierung ihrer fossilen Energiesysteme nur dann langfristig absichern können, wenn sie eigene großangelegte Wertschöpfungsketten aufbauen.

Wo bleiben europäische PV-Produktionskapazitäten?

Europa mit seinen ambitionierten PV-Ausbauzielen tut gut daran, schleunigst ebenfalls bessere Rahmenbedingungen für europäische PV-Produktionskapazitäten im dreistelligen Gigawattbereich zu schaffen. Auch, um zu verhindern, dass die Abwanderungswelle hier ansässiger Erneuerbare-Energien-Unternehmen ihren Lauf nimmt. Dafür müssen schleunigst bestehende Hürden, wie etwa EU-beihilferechtliche Genehmigungen und hohe Energiekosten für PV-Hersteller, abgebaut werden.

Zusätzlich sollten jedoch auch schnell wirksame Maßnahmen verabschiedet werden, wie etwa Förderprogramme bei geringem Eigenkapital, eine Sonderabschreibung auf PV-Produktionsanlagen sowie ein befristeter Betriebskostenausgleich. Deutschland mit seinem Solar Valley muss hier mutig vorangehen und ein Vorreiter dieser neuangelegten Erneuerbaren-Industriepolitik auf EU-Ebene sein. Äußerungen von Wirtschaftsminister Robert Habeck im Rahmen des zweiten Produktionsgipfels geben Anlass zur Hoffnung, müssen jedoch tunlichst mit detaillierten Maßnahmen untermauert und weiterentwickelt werden.

Eine hier angesiedelte PV-Wertschöpfungskette von der Herstellung von Polysilizium bis hin zum fertigen PV-Modul bietet die große Chance, hohe Menschenrechts- und Umweltstandards entlang der gesamten PV-Lieferkette konsequent durchzusetzen. Diese Gelegenheit müssen wir nutzen, wollen wir unsere Energiewende nicht auf chinesischen Modulen fußen, an denen das Blut von Zwangsarbeitern klebt. Dafür müssen auf europäischer und deutscher Ebene dringend die Lieferkettengesetze weiter verschärft und hohe Sorgfaltspflichten für Menschenrechte, Umweltschutz und Klimaschutz durch effektive Maßnahmen kontrolliert und Sanktionsmechanismen garantiert werden.

Die Einhaltung dieser Vorschriften muss unbedingt auch den Import von etwaigen Vorprodukten und Dienstleistungen umfassen – nur so machen wir verantwortungsvolle Wertschöpfung zum absoluten Standortvorteil und fördern ein nachhaltiges Wirtschaften innerhalb und außerhalb Europas. Dies ist industriepolitisch bedeutsam wie auch im Sinne der Nachhaltigkeit sinnvoll, denn es stärkt die Position europäischer Hersteller im Wettbewerb mit anderen, die solche Kriterien nicht erfüllen.

Als letzter Punkt sollten wir tunlichst auch das Lebensende von PV-Modulen von Anfang an mitdenken. Zukünftig werden enormen Mengen an gebrauchten PV-Module anfallen, für die verbrauchergerechte und funktionsfähige Sammelstrukturen benötigt werden. Im Sinne einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft gilt es, dies von Beginn an mitzudenken, damit die verarbeiteten Rohstoffe, allen voran kritische Rohstoffe wie Metalle und Silizium, dauerhaft erhalten und nicht verschwendet werden.

Gemeinsam eine nachhaltige PV-Produktion in Europa forcieren

Hierfür braucht es ein kohärentes europäisches Vorgehen bei der Instandhaltung, Wiederverwendung und dem Recycling von PV-Modulen. Langlebige und reparable Produkte, die wiederverwendet werden können und am Lebensende eine vollständige und kostengünstige Rohstoffrückführung ermöglichen, vervollständigen eine verantwortungsvolle und wirtschaftliche PV-Wertschöpfungskette in Europa.

Eine gerechte und mit den Klimazielen kompatible Energiewende kann nur mit dem Aufbau einer nachhaltigen PV-Produktion in Europa gelingen. Deshalb ist es wichtig, über Verbände und Sektoren hinweg den Weg dafür in Deutschland und Europa zu ebnen. Mit der Workshopreihe „Solar for a Better Future“ hat die DUH einen ersten Impuls gesetzt und gemeinsam mit Vertreter:innen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft Lösungsansätze für eine nachhaltige und sozial gerechte Energiewende für die Photovoltaik diskutiert und erarbeitet. Die daraus resultierenden Handlungsempfehlungen hat die DUH heute vorgelegt und ruft weitere Akteure zur Mitunterzeichnung auf.

Nadine Bethge ist Stellvertretende Leiterin Energie und Klimaschutz bei der Deutschen Umwelthilfe (DUH).

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