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Energie & Klima

Standpunkt

Schließung von Materialkreisläufen als Erfolgsfaktor für Europas Industrienationen

Daniel Jürgenschellert, Geschäftsführer, Helbling Business Advisors
Daniel Jürgenschellert, Geschäftsführer, Helbling Business Advisors Foto: Helbling Business Advisors

Hohe Energie-, Rohstoff- und Materialpreise halten den Coronagebeutelten Wirtschaftsstandort Deutschland in Atem. Die kreislaufwirtschaftlichen Strukturen zu optimieren kann sowohl dieses Problem abschwächen als auch die CO2-Emissionen signifikant senken, meint Daniel Jürgenschellert von der Unternehmensberatung Helbling Business Advisors in seiner Analyse. Gesellschaft, Umwelt und Unternehmen gewinnen dabei gleichermaßen.

von Daniel Jürgenschellert

veröffentlicht am 20.12.2021

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Weil Europa geographisch vergleichsweise arm an sogenannten Primärrohstoffen ist, sind Industrienationen wie Deutschland auf Importe angewiesen. Darunter: Materialien zur Erzeugung metallischer Produkte wie zum Beispiel Kohle, Erze, seltene Erden, aber auch Öl für die chemische Industrie und Gas für die Energieversorgung. Viele dieser Rohstoffe werden unter hohem Energieaufwand, gepaart mit gravierenden Folgen für die Umwelt und unter schwierigen Arbeitsbedingungen gewonnen und anschließend unter anfallen weiterer CO2-Emissionen um die Welt verschifft.

Teile dieser oftmals weltumspannenden Lieferketten kamen durch die Covid-19 Pandemie zum Erliegen. Mit großem Aufwand und erheblichen Verwerfungen werden diese derzeit wieder hochgefahren. Ein komplexes Zusammenspiel, das in vielen Industriebereichen zu Versorgungsproblemen und dramatischen Preisanstiegen geführt hat.

Recycling könnte grüne Transformation vorantreiben und Versorgung stabilisieren

Der Knappheit an Primärrohstoffen steht in vielen europäischen Industrieländern ein Reichtum an Sekundärrohstoffen gegenüber. Schätzungsweise reden wir über insgesamt 2,3 Milliarden Tonnen Müll, die die EU-27-Länder Jahr für Jahr produzieren. Rund 38 Prozent davon werden aktuell recycelt. Der Rest wird verbrannt oder in andere Kontinente exportiert.

Der Export erfolgte in der Vergangenheit vornehmlich aus wirtschaftlichen Gründen. Der große Haken: Dadurch wandern wertvolle, mühsam wiedergewonnene Ressourcen wieder ins Ausland ab. Durch den Transport entstehen neue CO2-Emissionszyklen: wenn der Export etwa nach Asien erfolgt, wird das Material de facto zweimal über die Weltmeere verschifft. Mit Verweis auf die Versorgungsproblematik und brennende Fragen zu Nachhaltigkeit und Klimaschutz ist die Erkenntnis offenkundig, dass man Sekundärrohstoffe, die einmal durch sogenanntes Urban Mining gewonnen wurden, doch eigentlich in der gleichen Region wieder verwenden sollte. Dafür setzt sich die Recyclingindustrie bereits seit langem intensiv ein.

In allen Industriegesellschaften korreliert der Ausstoß von klimaschädlichen Gasen mit dem technologischen Entwicklungsstand der Energiewirtschaft, dem Energieverbrauch und -ausstoß von Gebäuden, der industriellen Produktion und der gesellschaftlichen Mobilität. Wieviel Stahl wird aus Kohle und Erz oder aus Schrott gewonnen? Wird er mit Wasserstoff oder Kohlenstoff hergestellt? Kommt der Strom für E-Autos aus Kohlekraftwerken oder aus Wind- und Solarenergie? Und vor allem: wie klimafreundlich lassen sich Produkte recyclen und die Sekundärrohstoffe effizient wieder einsetzen? Zweifelsohne sind mit der „grünen Transformation“ enorme Kosten und Investitionen verbunden. Gleichzeitig bietet sie aber große Chancen für neue Geschäftsmodelle.

Welches Potenzial gehoben werden kann, zeigt der flächendeckende Ausbau kreislaufwirtschaftlicher Strukturen, und das insbesondere im paneuropäischen Raum. Hier macht Deutschland vor, wie es geht: Noch vor 30 Jahren belastete die deutsche Siedlungsabfallwirtschaft das Klima jedes Jahr mit fast 38 Millionen Tonnen klimaschädlicher Gase.

Heute ist die Abfall- und Recyclingwirtschaft hierzulande die einzige Branche, die es geschafft hat, von einem CO2-Emittenten zu einem CO2-Senker zu werden: Sie entlastet das Klima jährlich aktiv von rund 18 Millionen Tonnen. Das entspricht dem jährlichen Ausstoß von 7,7 Millionen Fahrzeugen oder fast 20 Prozent der in Deutschland zugelassenen Pkw.

Zwar wird auch bei der Sammlung und Aufbereitung von Abfällen Energie verbraucht. Die für die Gewinnung dieser sogenannten Sekundärrohstoffe benötigte Energiemenge ist aber deutlich geringer, als die für die Erzeugung von Produkten   aus importierten Primärrohstoffen. Deshalb ist der globale Ausbau und die bestmögliche Schließung von Materialkreisläufen ein so wichtiger Baustein, um die Klimaziele zu erreichen: Investitionen in Recycling und Wiederaufbereitung, aber auch etwa in effizientere thermische Verwertung sind im Vergleich zur Umstellung der gesamten Energiewirtschaft relativ kostengünstig und schnell umsetzbar – wirken sich aber unmittelbar positiv auf die Reduktion von Klimagasen aus.

Technologisches Innovationspotenzial nutzen

Bei der Schließung von Materialkreisläufen ist gerade die jüngere Vergangenheit geprägt von vielen innovativen Ansätzen. Einerseits investieren Unternehmen, wie zum Beispiel die Schwarz Gruppe, in die Übernahme ganzer Entsorgungsunternehmen. Somit entstehen vermehrt gemeinsame Konzepte von Industrie- und Recyclingunternehmen, darunter etwa Thyssenkrupp Steel-TSR oder Aldi-Interseroh+.

Andererseits bauen Industrieunternehmen vermehrt eigene Recyclingkapazitäten auf, wie zum Beispiel die Pläne von VW und Northvolt für eigenes Batterierecycling zeigen. Somit haben Konzerne Recycling als Ausbaustufe ihrer Wertschöpfungskette erkannt. Auch alle anderen Unternehmen in Deutschland sind gut beraten, bereits in der Entwicklung die Recyclebarkeit der eigenen Produkte zu bedenken. Das bietet auch für Recycler die Chance, Verfahren und Know-how einfließen zu lassen und mit neuen Verfahren für diese Bauteile ihr Leistungsportfolio zu erweitern.

Fazit

Die positiven Effekte auf den CO2-Ausstoß, die hohe Anpassungsfähigkeit an sich durch Regulatorik ändernde Materialflüsse sowie die Entwicklung neuer Verfahren zur Sammlung und Aufbereitung von Sekundärrohstoffen zeigen die Flexibilität und Innovationskraft, die im Recyclingsektor stecken.

Es ist wichtig, kreislaufwirtschaftliche Strukturen auszubauen, zu schließen und gleichzeitig das Konsumentenverhalten für die Nutzung recycelter Produkte zu sensibilisieren. Durch eine entsprechende Nachfrage und Zahlungsbereitschaft wird der zunehmende Einsatz von Rezyklaten in der Herstellung wirtschaftlich attraktiver und gleichzeitig der Export unattraktiv.

So bleibt dann vielleicht das erste komplett aus Sekundärrohstoffen vorgestellte Auto, der BMW i Vision Circular, nicht nur eine Vision, sondern kann Realität werden. Unterstützung sollte die Entwicklung aber auch durch politisch gesetzte Anreize bekommen, da eine Reduktion der Abhängigkeit von politisch instabilen Ländern bei der Rohstoffversorgung eigentlich im Sinne aller Marktteilnehmer und politischer Akteure sein sollte.

Daniel Jürgenschellert ist Geschäftsführer von Helbling Business Advisors. Er berät mittelständische Unternehmen und Konzerndivisionen in den Bereichen Transformation & Turnaround, Mergers & Acquisitions sowie Ertragssteigerung und Unternehmenssteuerung.

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