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Energie & Klima

Standpunkt

Vom Ideenbooster zum Politikbooster für den Wärmemarkt

Andreas Kuhlmann, Vorsitzender der Dena-Geschäftsführung
Andreas Kuhlmann, Vorsitzender der Dena-Geschäftsführung

Aufbruch in den grünen Wärmemarkt: Dena-Chef Andreas Kuhlmann stimmt Martin Pehnt vom Ifeu zu, dass es losgehen muss. In seinem Standpunkt ergänzt er, weist auf Schwierigkeiten hin und stellt fest: Es brauche dringend neue Politikkonzepte. Große Herausforderung bleibe die Ambivalenz zwischen Eilbedürftigkeit und Sorgfältigkeit.

von Andreas Kuhlmann

veröffentlicht am 24.02.2022

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Martin Pehnt hat Recht. Der umfassende Innovationskatalog, den der Ifeu-Geschäftsführer in einem Standpunkt an gleicher Stelle vorstellte, muss angegangen werden, wenn das Ziel des Koalitionsvertrages, ab 2025 nur noch Heizungen zuzulassen, die 65 Prozent erneuerbare Energien verwenden, eine Chance auf Realisierung haben soll.

Aber der von Martin Pehnt angeregte Ideenbooster ist noch nicht vollständig. Das etwas schmal in einem Halbsatz des Koalitionsvertrags daherkommende Ziel hat immense Auswirkungen. Vollumfänglich umgesetzt könnte es durchaus vergleichbar sein mit dem vorzeitigen Ausstieg aus der Kohleverstromung bis zum Jahr 2030. Die Defossilisierung des Gebäudesektors ist möglicherweise die komplizierteste Aufgabe auf dem Weg zur Klimaneutralität.

Die Änderungen sollen bereits 2025 greifen. Die entsprechenden Regelungen des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) stehen möglicherweise bald schon an. Der Ideenbooster kann aber nur zünden, wenn es gelingt, ihn in konkrete Politikkonzepte umzusetzen. Denn wenn die alternativen Varianten nicht funktionieren und die systemischen Auswirkungen auf das Gesamtsystem nicht ausreichend bedacht werden, drohen Chaos im Wärmemarkt und erneuter Vertrauensverlust.

Streit um die Bioenergie-Potenziale

Einige systemische Betrachtungen zu den möglichen Auswirkungen: Die angedachte Neuregelung für den Heizungsaustausch schließt die zukünftige Verwendung von Molekülen im Gebäudebereich quasi aus. Pehnt schreibt zu Recht, dass die Verfügbarkeit von Bioenergie begrenzt ist. Weil die erforderliche (und erfreulicherweise nun angekündigte) Strategie für Bioenergie fehlt, streiten sich schon jetzt die unterschiedlichen Sektoren über die verfügbaren Mengen.

Wasserstoff ist noch nicht vorhanden und von vielen im Wärmemarkt auch nicht erwünscht. Mit einer quasi gesetzlich verankerten Verabschiedung von der Idee grüner Moleküle im Gebäudesektor steht zudem eine unmittelbare Neubewertung der Rolle der Verteilnetze an. Nicht nur die politische Bewertung. Wirtschaftsprüfer werden den Wert der Assets von Stadtwerken und Netzbetreiber ganz genau betrachten, baldige Abschreibungen werden erforderlich, die Netzentgelte müssen sich darauf ausrichten und die Netzentwicklungspläne auch.

Industrieunternehmen, die am Verteilnetz hängen, werden ihre Planungen ebenfalls neu ausrichten müssen. Alles zusammen eine Multi-Milliarden-Euro-Frage, die unter anderem der Beratungsdienstleister BBH im Auftrag der Stiftung Klimaneutralität  („Fehlinvestitionen vermeiden“) vor der Bundestagswahl einmal detaillierter untersucht hat. Der Prozess dieser Neubewertung wird dann akut und muss im Grunde parallel angegangen werden.

Konsequenzen stehen übrigens auch für die Stromnetze an. Wegen des massiven Anstiegs der installierten Wärmepumpen und des exponentiellen Aufwuchses der Elektromobilität müssen die Verteilnetzbetreiber ihre Netze verstärken. Umspannwerke müssen geplant und gebaut werden. Grundlage dafür müsste die ebenfalls eingeforderte kommunale Wärmeplanung sein. Nur liegen noch nicht ausreichend viele kommunale Wärmekonzepte vor.

Hinzu kommt: Die Defossilisierung der Wärme und der gleichzeitige Ausbau der Netze benötigen erhebliche Ressourcen: Geld und Personal. Diese Gleichzeitigkeit wird Zeit brauchen. Alles das steht in jedem Fall auf der Agenda. In welchem Ausmaß und wann genau, darüber entscheidet in erheblichen Maße auch der kleine Halbsatz aus dem Koalitionsvertrag.

Orientierende Debatte über Wärmemarkt als Ganzes fehlt

Bei vielen kommunalen Akteuren laufen gegenwärtig Überlegungen und Studien, ob und wie eine Umstellung auf grüne Gase eine Option für die kommunale Wärmeplanung sein kann. Die Heizungsindustrie hat an H2-ready-Lösungen gearbeitet – übrigens ganz ohne Förderung. Auch der Nationale Wasserstoffrat arbeitet gegenwärtig an einer von der Bundesregierung finanzierten Studie, die die Einsatzmöglichkeiten grüner Gase untersucht, auch den Einsatz von Wasserstoff im Verteilnetz. All dies wäre quasi obsolet, sollte das Ziel aus dem Koalitionsvertrag unmittelbar und vollständig umgesetzt werden.

Grundlage der anstehenden Entscheidungen sollte deshalb die Frage sein, welche Energieträger im Wärmemarkt insgesamt eigentlich noch erwünscht und zulässig sind. Die kritische Diskussion zum Thema Bioenenergie habe ich bereits angesprochen. Holz wird von vielen abgelehnt, darunter vom Umweltbundesamt. Umstritten auch die Frage, wie stark in Zukunft noch Abfall einen Beitrag zur Wärmeversorgung leisten soll. Grüner Wasserstoff ist noch nicht so weit und auch dessen Anwendung im Wärmebereich wird von vielen abgelehnt Es gibt also umfassende Diskussionen darüber, was nicht erwünscht ist. Dagegen fehlt heute noch die wirklich orientierende Debatte über das System Wärmemarkt als Ganzes, die die Potenzialräume klar benennt.

Andere Fragen sind noch viel unmittelbarer: Wie und in welchem Zeitrahmen kann es gelingen, den Ideenbooster zu zünden, also in konkrete Politikkonzepte umzusetzen?

Stichwort Fachkräfte: Allein für die Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz bedarf es eines erheblichen Zuwachses von Fachkräften. Heute werden pro Jahr rund 400.000 Wohnungseinheiten renoviert. In Zukunft müssen es doppelt so viele sein. Martin Pehnt weist zurecht darauf hin, dass Fachkräfte für den Einbau einer Wärmepumpe doppelt so viel Zeit benötigen wie bei einem bloßen Kesselaustausch. Anbieter von Wärmepumpen müssen hier bessere Komplettkonzepte in den Markt bringen und auch der Weiterbildungs- und Informationsbedarf wird nicht durch Postulierung gelöst. Alles das braucht Zeit.

Stichwort Kosten: Wärmepumpen sollen – so Martin Pehnt – deutlich günstiger werden. Aktuell sehen wir eine umgekehrte Entwicklung. Die Preise für den Einbau einer Wärmepumpe haben sich in den letzten Jahren stark erhöht. Das wird allein durch Skalierung bei der Produktion nicht zu ändern sein. Immerhin, durch die bereits seit langem von der Dena geforderte Absenkung der EEG-Umlage auf null wird der Betrieb von Wärmepumpen deutlich günstiger.

Auch Pop-up-Heizungen brauchen Markthochlauf

Stichwort Pop-up-Heizungen: Damit adressiert Martin Pehnt ein Kernproblem mit einer spannenden Idee. Rund ein Drittel aller Heizungen wird ausgetauscht, weil eine Heizungsanlage ausfällt. Ein Systemwechsel ist da aufgrund des Zeitdrucks in der Regel ausgeschlossen. Ein ärgerliches Dilemma. Ablaufdaten für alte Heizungen, wie es sie seit der Energieeinsparverordnung (EnEV) 2002 gibt, helfen hier zumindest ein wenig. Und die Pop-up-Idee, also das „schnell-mal-was-für-fünf-Jahre-hinstellen-bis-was-wirklich-Neues-und-Gutes-kommt“ hat einen gewissen Charme. Aber wie realistisch ist es, sie innerhalb von zwei Jahren massentauglich im Markt zu etablieren und dabei die Akzeptanz der Verbraucher zu gewinnen?

Stichwort Fernwärme und Nahwärmenetze: Sie sind unabdingbare Voraussetzung für das Gelingen im Wärmemarkt insgesamt und auch für die Optionen beim Heizungsaustausch. Die neue Bundesregierung will hier erfreulicherweise die Programme ausbauen und für Beschleunigung sorgen. Damit verbunden sind aber auch viele kommunale Planungsprozesse, die ebenfalls Zeit und Geld erfordern. So lange es aber nicht ausreichend viele derartiger Nahwärmenetze und den erforderlichen Fernwärmeausbau gibt, sind sie keine Option für den Heizungswechsel ab 2025.

Und schließlich sind da noch über eine Million alte Nachtspeicher, vier Millionen Gasetagenheizungen und über fünf Millionen Ölheizungen. Low hanging fruits? Leider nein, wenn deren Austausch an zu komplizierten Bedingungen hängt. Aber da geht ganz sicher mehr, wenn die GEG-Novelle dafür den Rahmen setzen wird.

Fazit: Der lang erwartete Fortschritt beim Wärmemarkt ist kompliziert. Er berührt systemische, energiepolitische und auch soziale Fragen in ganz erheblicher Weise. Wie wir nun sehen, auch geopolitische Fragen. Die Herausforderung ist die Ambivalenz zwischen Eilbedürftigkeit und Sorgfältigkeit. Die anstehende Novelle des GEG kann diesbezüglich der Auftakt zu einem komplizierten und spannenden Diskurs werden. Dabei bedarf es Sorgfalt und kritischer Abwägung. Niemandem ist gedient, wenn kluge Ansätze am Ende nicht funktionieren.

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