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Energie & Klima

Standpunkt

Warum es dringend einen neuen Anlauf für Smart Grids braucht

Frank Borchardt, Senior Project Manager, VDE FNN
Frank Borchardt, Senior Project Manager, VDE FNN Foto: VDE FNN

Mehr Intelligenz, mehr Steuerbarkeit für neue Verbraucher braucht es im Stromverteilnetz, damit es wirklich zu einem „Klimaneutralitätsnetz“ werden kann. Frank Borchardt vom Forum Netztechnik/Netzbetrieb (FNN) des Elektro-Verbandes VDE appelliert in seinem Standpunkt an die neue Bundesregierung, die abgebrochene Diskussion um verbindliche neue Regeln schleunigst wieder aufzunehmen – auch wenn unterschiedliche Interessen abgewogen werden müssen.

von Frank Borchardt, S, VDE FNN

veröffentlicht am 17.12.2021

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Unsere neue Bundesregierung hat sich mit ihrem Koalitionsvertrag das Ziel eines „Klimaneutralitätsnetzes“ gesetzt. Dazu sollen die Verteilnetze „unter anderem durch eine vorausschauende Planung und mehr Steuerbarkeit“ modernisiert und digitalisiert werden. Der „Rollout intelligenter Messsysteme als Voraussetzung für Smart Grids“ soll erheblich beschleunigt werden. Hinter diesen beiden wenig spektakulär klingenden Sätzen steht eine Menge Arbeit für alle Beteiligten.

Diese Arbeit wird zum überwiegenden Teil direkt in den Verteilnetzen, abseits der großen Stromautobahnen, und damit direkt vor unserer Haustür passieren. Die Expertinnen und Experten der Netzbetreiber arbeiten gemeinsam mit der Politik schon länger an Konzepten, damit diese Arbeit möglichst effizient und ressourcenschonend geschieht.

Die öffentliche Diskussion richtet ihren Fokus häufig nur auf die Erzeugungsanlagen regenerativer Energien oder die großen Übertragungsleitungen, die deren Strom einmal quer durch die Republik befördern. Das Unbehagen der Betroffenen über die Windkraftanlage oder den Hochspannungsmast in der Nachbarschaft ist verständlich, jedoch nur ein Teil der Wahrheit hinsichtlich des angestrebten „Klimaneutralitätsnetzes“.

Der größere Umbruch findet im Kleinen statt

Der andere Teil, der den vermutlich viel größeren Umbruch in unserer Stromversorgung darstellt, wird sich eher im Kleinen, dafür aber buchstäblich vor unser aller Haustür abspielen. Der erwartete und gewollte massive Zuwachs an Photovoltaik auf den Dächern einerseits sowie an völlig neuen großen Stromverbrauchern wie Wallboxen oder Wärmepumpen andererseits, stellt die lokalen Verteilnetze der Netzbetreiber vor komplett neue Herausforderungen. Durch diese Netze wird in Zukunft viel mehr Strom fließen als bisher. Aus der Verteilung des Stroms von großen Kraftwerken wird ein lebhafter Austausch unter Nachbarn. Für diese Aufgabe sind die heutigen Stromnetze langfristig nicht geeignet und müssten deshalb ausgebaut werden.

Als Gegenentwurf zu Netzausbau und deshalb aufgegrabenen Bürgersteigen sollen die Verteilnetze zu einem intelligenten System werden, sich zu Smart Grids wandeln. Gelingt es, durch Kommunikation der Systemeinheiten untereinander, große Stromverbraucher wie Wallboxen oder Wärmepumpen gegenüber grün erzeugtem Strom auszubalancieren, muss wesentlich weniger Strom durch die Netze fließen. Die Netze müssen weniger stark und auf jeden Fall erst später ausgebaut werden. Das spart Geld, Zeit und eine Menge Frustration wegen aufgegrabener Bürgersteige.

Hier kommen die intelligenten Messsysteme ins Spiel, deren Rollout, salopp gesagt, spät dran ist. Dieser ist erst im vergangenen Jahr reichlich holperig gestartet. Trotzdem sollen in den nächsten zehn Jahren etwa 15 Millionen dieser Messsysteme in Haushalten installiert werden und damit als ersten Schritt zur Intelligenz die Verteilnetze auf digitale Kommunikation umstellen.

Damit wird dann allen Besitzern eines intelligenten Messsystems erstmals eine aktive Teilnahme am Strommarkt ermöglicht. Dynamische Stromtarife, mit denen Kunden zum Beispiel in Zeiten reichlich vorhandenen grünen Stroms hoffentlich Geld sparen können, sind der Anfang. Durch Technik zur Steuerung von zum Beispiel Photovoltaik oder Wallboxen werden Angebot und Nachfrage besser aufeinander abgestimmt. Die Kunden würden noch mehr von entsprechenden Stromtarifen profitieren. „Happy Hour“ zum Laden von E-Mobilen wäre keine Fiktion mehr.

Der gesetzliche Rahmen für die neue Stromwelt fehlt

„Vorausschauende Planung und mehr Steuerbarkeit“ würden sich allerdings sicher nicht so prominent im Koalitionsvertrag wiederfinden, gäbe es nicht einen entscheidenden Haken an dieser Sache. Dieser Haken ist der fehlende gesetzliche Rahmen für diese neue und steuerbare Stromwelt. Im Energiewirtschaftsgesetz und in zahlreichen weiteren Rechtsvorschriften ist bereits eine Menge geregelt. Es fehlen bis heute jedoch die gesetzlichen Regelungen, nach denen Netzbetreiber steuernd in ihre Verteilnetze eingreifen dürfen.

In der bisherigen Diskussion prallten hier die berechtigten Interessen derer, die Strom verkaufen möchten und derer, die diesen Strom verbrauchen möchten, auf die, die diesen Strom von A nach B transportieren sollen. Die mit diesen Interessen verbundenen Sorgen vor Einschränkungen der Geschäfte einerseits oder Komforteinbußen, weil eventuell nicht genügend Strom aus der Steckdose kommen könnte, wogen stärker als die gemeinsame Erkenntnis, dass es dringend verbindliche Regeln für diesen Bereich der Smart Grids braucht. Unvorhersehbare Ereignisse und eine Bundestagswahl haben diese Diskussion leider zum Erliegen gebracht.

Die dringende Bitte an die neue Bundesregierung ist, diese Diskussion wieder aufzunehmen und den Ausgleich der unterschiedlichen Interessen unter der Prämisse des technisch Möglichen und zügig Umsetzbaren zu moderieren. Ein funktionierender Markt rund um das zukünftige Smart Grid lässt Kunden an dem Erfolg der neuen Technik teilhaben und animiert zum Mitmachen. Ein verlässliches, stabiles Stromnetz im Hintergrund schafft das Vertrauen der Menschen, dass das angestrebte Klimaneutralitätsnetz insgesamt kein Risikofaktor für unser Leben darstellen wird.

Die Parteien der neuen Bundesregierung haben gezeigt, dass Kompromisse zwischen scheinbar widersprüchlichen Positionen möglich sind, wenn man ein gemeinsames Ziel hat. Es wäre zu wünschen, wenn dieser Wille zum Kompromiss auch im Dialog mit den unterschiedlichen Interessen rund um unsere Stromnetze gewinnt.

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