Standpunkt Was Corona Unternehmen für die Klimawende lehrt

Nach Ansicht von Yvonne Zwick hat der Bund es in den Corona-Konjunkturpaketen versäumt, klare Zeichen für nachhaltiges Wirtschaften zu setzen. Die Vorsitzende des Unternehmensnetzwerks B.A.U.M. fordert, die gesellschaftliche „licence to operate“ an die Transparenzleistung von Unternehmen zu knüpfen.

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Momentan bestimmen die Coronapandemie und erhitzte Diskussionen die Politik. Die Geschichte lehrt, dass jede Krise eine gesellschaftliche Innovation hervorbringt. Vergangene Krisen haben die Renten- und die Krankenversicherung hervorgebracht. Welche wird unsere sein?

Die Coronapandemie hat die Spielregeln grundlegend verändert. Jetzt ist eine gute Zeit zu analysieren, welche Geschäftsmodelle Gewinner und welche Verlierer sind, welche Geschäftspraktiken auf gesellschaftliche Unterstützung stoßen und welche offensichtlich zur fundamentalökonomischen und kulturellen Grundversorgung gehören. Das pauschale Schließen ganzer Wirtschaftsklassen warf Gerechtigkeitsfragen auf. Gesellschaftliche Ungleichheiten nehmen zu. Sie bereiten den Nährboden für Polarisierung und Stereotypisierung, die wir in der offenen Gesellschaft für weitgehend geklärt hielten.

Das Land der Dichter und Denkerinnen wurde durch den erneuten Lockdown Ende des Jahres 2020 zum Land der Industriefreundinnen und des Konsums. Die Bereiche Kunst und Kultur, Freizeitparks, Hotels und Gastronomie, soziale und Bildungseinrichtungen mussten pauschal schließen. Der Lockdown nimmt hohe gesellschaftliche Kosten in Kauf und riskiert, dass unternehmerisches Denken zerstört wird. Start-ups, kleine und mittlere Unternehmen beklagen in der aktuellen Situation die Trägheit notwendiger Vergaben und damit mangelnde Investitionen in eine widerstandsfähige Wirtschaft, die Arbeitsplätze in zukunftsfähigen Branchen sichern. Nur ein Drittel der Konjunkturprogramme sind an die Ziele einer nachhaltigen Entwicklung geknüpft.

Transparenz als Voraussetzung für die Teilnahme am Markt

Welche Lehren ziehen wir also aus dieser Pandemie, um aus den Beobachtungen Chancen für die Weiterentwicklung hin zur klimaresilienten Wirtschaft zu machen?

Unsere freiheitliche, demokratische Grundordnung erhalten wir auch bei zukünftigen Zuspitzungen von Krisen, wenn wir sie mit Instrumenten des Ordnungsrechts kombinieren und von systemischen Belastungsgrenzen ableiten. Dafür müssen wir 

  1. individuell unterschiedliche Ausgangspunkte anerkennen,
  2. Parallelität unterschiedlicher Geschwindigkeiten aushalten und
  3. Differenzierungen zulassen.

Zur Differenzierung ist die Offenlegung aussagekräftiger Bewertungskriterien Voraussetzung. Sie macht Anstrengungen zu Anpassungen an neue Geschäftsbedingungen sichtbar und sollte mit dem Erhalt der Geschäftslizenz (licence to operate) belohnt werden. Es ist Zeit, Transparenz über relevante Steuerungsindikatoren aus dem innerbetrieblichen, zukunftsorientierten Management mit der Erlaubnis, am Markt tätig sein zu dürfen, zu verknüpfen.

Schaffen wir für den Umgang mit gesellschaftlichen und ökologischen Risiken klare Rahmenbedingungen und Anreizstrukturen, motivieren wir Unternehmen zur Transformation. Wer mit alten Geschäftsmodellen und Perspektiven auf Wirtschaftlichkeit zulasten von Gesellschaft und Umwelt Geld verdient, muss damit ins Licht der Öffentlichkeit. Die Zeit des business as usual ist spätestens mit dieser Pandemie vorbei.

Gemeinschaftsaufgaben Pandemiebewältigung und Klimaschutz

Es ist bedauerlich, dass die Bundesregierung mit den Konjunkturpaketen versäumt hat, eindeutige Zeichen für nachhaltiges Wirtschaften zu setzen. Respekt, Anerkennung und Aussicht auf Erfolg verdient, wer sich als konstruktiv mitdenkende Partnerinnen und Partner beim Bewältigen gesellschaftlicher Mammutaufgaben wie dieser Pandemie erweist.

Dieser Gedanke ist auch übertragbar auf andere Herausforderungen und Risiken, zum Beispiel auf globale ökologische und gesellschaftliche Krisen wie Klimawandel, Hunger und Ungleichheiten. Nachhaltig ist unsere Art zu wirtschaften, wenn sie auf alle wirtschaftlichen Bereiche, in jeden Kontext an jedem Ort dieser Erde, auf globale Liefernetzwerke und Geschäftsbeziehungen übertragbar ist. Nachhaltig ist, „die Bedürfnisse jetziger Generationen zu befriedigen ohne zu riskieren, dass zukünftige ihre Bedürfnisse befriedigen können“. Das wissen wir seit den 80ern und das spiegelt sich in den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen wider. Die offenen Fragen sind die nach den relevanten Steuerungsgrößen in Unternehmen, kohärenten Rahmenbedingungen und Anreizstrukturen, die das zum Ziel machen.

Wir stehen vor der zentralen Herausforderung, adäquat auf die neue Lage zu reagieren und die Anforderungen einer nachhaltigen Entwicklung in unsere Strukturen zu integrieren. Welche Unternehmen stellen sich aus Einsicht in Notwendigkeiten um und können positive Wirkungen belegen? Bislang braucht es dafür die Überzeugung seitens Unternehmerinnen und Unternehmern.

Die Innovationskraft von Start-ups nutzen

Eine hohe Innovationskraft haben Start-ups, wobei auch bei den Start-up-Programmen von Universitäten und der öffentlichen Hand Nachhaltigkeit bedauerlicher Weise eher selten inkrementeller Bestandteil ist. Auch hier hängt, wie so oft, alles an einzelnen Personen. Start-ups wie beispielsweise das Münchener Unternehmen Global Climate schaffen smarte Lösungen: Ein interdisziplinäres Team mit Expertinnen und Experten aus den Bereichen Steuerberatung, IT und Nachhaltigkeit hat eine Software zur Identifikation von CO2-Hotspots in Unternehmen entwickelt, die per Analyse der Finanzdaten von Unternehmen eine CO2- Berechnung mit Echtdaten ermöglicht.

Das Programm erfasst die gesamten Prozesse des Unternehmens bis in global verzweigte Liefernetzwerke hinein. Unternehmen lokalisieren so Emissionsverursacher, bestimmen Emissionen in Echtzeit und prozessintegriert und können sinnvolle Maßnahmen für den Klimaschutz einleiten. Die CO2-Datenbank der Software, die den komplexen Wertschöpfungsprozess einbindet, ist einfach anzuwenden und spielt die Informationen in verschiedene Berichtsformate aus. Die auf Basis von Finanzdaten ermittelten Klimabilanzen werden quasi „im Vorbeigehen“ erhoben und in der Unternehmensbilanz integriert.

Solche einfachen, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen aufbauenden Instrumente, sind geeignet im betrieblichen Alltag zu überzeugen und den Weg in die klimaresiliente Wirtschaft zu bereiten. Wir brauchen mehr davon!

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