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Energie & Klima

Standpunkt

Was eine starke Windkraft wirklich braucht

Jochen Eickholt, CEO von Siemens Gamesa Renewable Energy
Jochen Eickholt, CEO von Siemens Gamesa Renewable Energy Foto: Siemens Gamesa

Die Windkraft ist in Europa ein entscheidender Faktor, um Energiesicherheit zu erreichen und Klimaschutz zu ermöglichen. In seinem Standpunkt legt der Vorstandsvorsitzende von Siemens Gamesa dar, welche konkreten Schritte notwendig sind, um den Ausbau in Deutschland und in der EU zu beschleunigen und die in Schwierigkeiten geratene Windindustrie zu stabilisieren.

von Jochen Eickholt

veröffentlicht am 26.08.2022

aktualisiert am 29.08.2022

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Die russische Invasion der Ukraine hat uns schmerzhaft vor Augen geführt, wie sehr unsere Volkswirtschaft in Europa am Tropf von Öl und Gas hängt. Viele Betriebe von der Glas- bis hin zur Stahlindustrie sind auf fossile Energieträger angewiesen, um ihre Hochtemperaturprozesse am Laufen zu halten. Die Sorge vor weiteren volkswirtschaftlichen Schäden durch die Verknappung von fossilen Energieträgern ist groß, gleichzeitig sind die kurzfristigen Handlungsspielräume der Politik begrenzt.

Die gute Nachricht ist: Die Lösung dieses Dilemmas liegt auf der Hand. Man muss im Grunde nur vor die Tür treten, um zu spüren, welche Ressource in Europa nahezu unendlich zur Verfügung steht: Wind. Seine Energie können wir an Land und auf See kostenlos nutzen, um Strom oder grünen Wasserstoff zu erzeugen – mit Technologien „Made in Europe“.

Siemens Gamesa hat in dem Whitepaper „Unlocking European Energy Security“ die Schritte zusammengefasst, die wir jetzt gehen müssen, um mithilfe der erneuerbaren Energien die Versorgung zu sichern, Preise für Verbraucher:innen und Industrie zu stabilisieren, gleichzeitig das Klima zu schützen und nicht zuletzt Wertschöpfung und Arbeitsplätze in Europa zu generieren.

Die fünf wichtigsten Handlungsfelder in der Windindustrie

Die Grundlage für die Energiesouveränität Europas muss erstens eine massive Beschleunigung des Ausbaus der Erneuerbaren sein. Das lässt sich am einfachsten erreichen, indem Genehmigungsprozesse beschleunigt werden. Durch einen verstärkten Zubau werden wir kurzfristig die Klimaziele bis 2030 erreichen und darüber hinaus langfristig die Dekarbonisierung über die Produktion grünen Wasserstoffs in Sektoren ermöglichen, die nicht zu elektrifizieren sind.

Leider hinken wir in puncto Ausbautempo den Zielen deutlich hinterher. In der Europäischen Union müssten jährlich 39 Gigawatt an zusätzlicher Leistung installiert werden, wenn die neuen Vorschläge für 510 Gigawatt installierter Leistung im Rahmen von REPowerEU beschlossen werden. Im Jahr 2021 wurden allerdings nur elf Gigawatt neuer Leistung ans Netz angeschlossen.

Auch die ehrgeizigen Ziele in Deutschland erfordern nicht weniger als eine Verdoppelung der bereits installierten Kapazität bis zum Ende des Jahrzehnts. Eine Mammutaufgabe für Politik und Industrie, die wir angesichts der russischen Invasion der Ukraine umso dringender angehen müssen. Als Herstellerin von Windkraftanlagen nimmt Siemens Gamesa diese Herausforderung an. Jetzt ist es jedoch entscheidend, den hohen Zielvorgaben ebenso ambitionierte Ausschreibungen und Auktionen folgen zu lassen. Denn wirtschaftlich planen können wir nur mit Aufträgen, nicht mit Ankündigungen.

Wir müssen zweitens schon heute durch eine verbesserte Infrastruktur den Grundstein für eine grüne Wasserstoffindustrie legen. Hierzu gehören Pipelines und Häfen für den Import von grünem Wasserstoff – und auch die Stromleitungen dürfen nicht zu einem Nadelöhr im System werden.

Je höher der Anteil der Erneuerbaren im System wird, desto wichtiger werden drittens innovative Speichertechnologien. Dies ist im Hinblick auf den grünen Wasserstoff insbesondere für die Gewährleistung einer kontinuierlichen Versorgung wichtig. Dass die Bundesregierung die Speicherkapazitäten für erneuerbare Energien in Deutschland bis 2030 verdoppeln will, ist löblich und zugleich zwingend erforderlich.

Viertens muss der Markt für emissionsfreien Wasserstoff in Europa durch die richtigen gesetzlichen Rahmenbedingungen so unterstützt werden, dass Chancengleichheit mit Wasserstoff aus fossiler Produktion gewährleistet werden kann. Gleichzeitig muss die Nachfrage nach grünem Wasserstoff angeschoben werden.

Schließlich bedarf es, fünftens, einer verstärkten Kooperation über alle Industriebereiche und Forschungseinrichtungen hinweg, um die Produktion von Elektrolyseuren hochzufahren und ihre Zuverlässigkeit, Leistung und Verfügbarkeit zu erhöhen.

Die Windkraftanlagenbauer aus der Krise holen

Bedauerlicherweise gesellt sich zu Klimakrise, Krieg und Pandemie eine wirtschaftliche Krise der Anlagenhersteller. Unterbrochene Lieferketten und hohe Rohstoff- und Produktionskosten treffen auf Überkapazitäten und mangelnden Auftragseingang. Statt aus einer Position der Stärke den Wandel voranzutreiben, schreibt die Windindustrie rote Zahlen. Um die Klimaschutzziele und die Energieunabhängigkeit in Europa voranzutreiben, ist jedoch eine gesunde Industrie erforderlich, die in die Zukunft investieren kann – in technologische Innovationen und in die erforderlichen Produktionskapazitäten. Aus diesem Grund müssen wir die Rahmenbedingungen verbessern.

Zuschlagswerte in Ausschreibungen sollten an einen dynamischen Inflationsausgleich gekoppelt werden, wie es zum Beispiel bereits in Frankreich, Großbritannien und Polen der Fall ist. Negativgebote, also Zahlungen der Bieter, um eine Fläche entwickeln zu können oder sich den Zuschlag zu sichern, wie derzeit im Windenergie-auf-See-Gesetz vorgesehen, erhöhen den Preisdruck und sollten vermieden oder zumindest gedeckelt werden, wie bereits in den Niederlanden der Fall. Zusätzlich sollten bei den Versteigerungen qualitative Kriterien einfließen, die die Innovationsleistung europäischer Hersteller, wie beispielsweise recycelbare Rotorblätter oder bessere Systemintegration, belohnen.

Bei der Förderung strategisch wichtiger Industrien durch die EU sollte auch unsere Industrie nicht fehlen, damit Windturbinenhersteller weiterhin in Innovationen investieren können, um den technologischen Vorsprung zu halten oder neue Technologien zu entwickeln. Ergänzend brauchen wir dringend faire Ausgangsbedingungen, das sogenannte „Level Playing Field“. Dies ist derzeit allerdings nicht gegeben – vor allem nicht, wenn man nach China blickt.

Wir sehen leider erste Anzeichen dafür, dass auch europäische Staaten die Ansiedlung chinesischer Wettbewerber in der EU unterstützen. Die Stärkung der Konkurrenz aus China, die nach anderen Geschäftsprinzipien zu günstigen Angeboten gelangt, wird unserer Ansicht nach nicht nur zu einer deutlichen Schwächung der europäischen Windindustrie führen. Im Falle eines zunehmenden Preisdrucks ist darüber hinaus mit einer weiteren Reduzierung von Know-how und insbesondere von Arbeitsplätzen in Deutschland und in der Europäischen Union zu rechnen.

Selbst die teuersten Onshore-Windverträge sind günstig

Die Anstrengungen werden sich lohnen. Trotz des derzeitigen Kostenanstiegs in der Windindustrie und der rekordverdächtigen Preise auf vielen Stromgroßhandelsmärkten bieten Onshore- und Offshore-Windkraftanlagen weiterhin saubere Energie zu stabilen und erschwinglichen Preisen. Denn im Gegensatz zu fossilen Brennstoffen verzeichnet die Energiequelle Wind selbst keinen Preisanstieg. Selbst die teuersten Onshore-Windverträge der letzten fünf Jahre sind nach Angaben der International Energy Agency immer noch nur halb so teuer wie die durchschnittlichen Großhandelspreise, die wir heute in Europa sehen.

Wettbewerbsfähigkeit und Volumenwachstum sind letztendlich die Grundlagen, um mithilfe der Windenergie grünen Wasserstoff in industriellem Maßstab zu erzeugen und die ehrgeizigen Ziele im Stromsektor durch die Dekarbonisierung weiterer Sektoren zu ergänzen. Jede weitere Verzögerung beim Ausbau der erneuerbaren Energien und der Infrastruktur für grünen Wasserstoff blockiert die notwendige Transformation unserer Wirtschaft und den Weg zu einer echten Energiesouveränität mit starkem Klimaschutz.

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