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Energie & Klima

Standpunkt

Wasserstoff allein ist noch kein Speicher

Sebastian Bleschke, Geschäftsführer der Initiative Erdgasspeicher (INES)
Sebastian Bleschke, Geschäftsführer der Initiative Erdgasspeicher (INES)

Die Bundesregierung übersieht einen wichtigen Baustein für die Energiewende in der Wasserstoffstrategie – die Gasspeicher. Für ihre Transformation ist ein klarer regulatorischer Rahmen erforderlich. Darüber hinaus müssen sie umgerüstet und ausgebaut werden, wenn die Politik bei treibhausgasneutralen Gasen den Schwerpunkt auf Wasserstoff legt, argumentiert Sebastian Bleschke, Geschäftsführer der Initiative Erdgasspeicher (INES), in seinem Standpunkt.

von Sebastian Bleschke

veröffentlicht am 24.04.2020

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Mit der Energiewende steuern wir auf eine treibhausgasneutrale Energieversorgung zu. Die Gasspeicherbranche macht sich fit dafür und möchte insbesondere durch die Speicherung erneuerbarer Energien in Form von zum Beispiel Wasserstoff oder synthetischem Methan einen zentralen Beitrag für die Energieversorgung der Zukunft leisten.

Obwohl die Regierung Wasserstoff als eine wichtige Option für die Speicherung erneuerbarer Energien betrachtet, übersieht sie die dafür notwendigen Gasspeicher bisher in der Nationalen Wasserstoffstrategie. Während immer wieder die Netze bei der Betrachtung der Infrastrukturen im Vordergrund stehen, finden Gasspeicher kaum Erwähnung in den politischen Überlegungen.

Deutschland verfügt über die größten Gasspeicherkapazitäten in der EU und liegt damit auf Rang vier der weltweiten Speicherkapazitäten. Doch die bevorstehende Transformation der Energiewirtschaft stellt auch die Betreiber deutscher Gasspeicher vor große Herausforderungen. Die Politik scheint die leistungsfähige Gasspeicherinfrastruktur hierzulande allerdings als Selbstverständlichkeit zu verstehen.

Die Bundesregierung hält Energiespeicher und -träger nicht auseinander

Dabei kommt es beim Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft vor allem auf die Gasspeicher an. Denn ein Warenverkehr ist nur mit Zwischenlager funktionsfähig. Das ist unter Logistikern kein neues Fachwissen. Ein aktueller Bericht von Bloomberg New Energy Finance verdeutlicht dies aber für eine Wasserstoffwirtschaft nochmal sehr eindrucksvoll. Mittlere und große Mengen von Wasserstoff könnten in vorhandenen Kavernen- und Porenspeichern gelagert werden. Die im Vergleich zu Erdgas niedrigere Energiedichte von Wasserstoff führt aber zu einem steigenden Bedarf an Gasspeicherkapazitäten. Wenn Wasserstoff Erdgas in der globalen Wirtschaft ersetzen soll, werden daher drei- bis viermal so große Speicherkapazitäten benötigt wie heute. Vor diesem Hintergrund  hält der Bericht fest: „Die Speicherung großer Mengen von Wasserstoff wird eine der größten Herausforderungen für eine zukünftige Wasserstoffwirtschaft.

Die Bundesregierung verliert diesen Zusammenhang bereits am Anfang der Wasserstoffstrategie aus dem Blick. Wasserstoff sei ein Energiespeicher, der angebotsorientiert und flexibel erneuerbare Energien speichern könne, schreibt sie auf Seite eins des Entwurfs vom 27. Februar 2020. Sie vergisst dabei jedoch, dass Wasserstoff selbst kein Energiespeicher ist, sondern ein Energieträger. Für die Speicherung bedarf es eben eines Zwischenlagers.

Häufig fällt der Satz, die Gasnetze könnten Wasserstoff speichern. Diese Aussage lenkt aber vom Wesentlichen ab: Die in Deutschland installierten Gasspeicher verfügen über eine Kapazität von über 270 Terawattstunden Erdgas, die Gasfernleitungen können hingegen nur etwa acht Terawattstunden speichern. Stünde das heutige Gasspeichervolumen vollständig für Wasserstoff zur Verfügung, entspräche dies einem Fassungsvermögen von rund 90 Terawattstunden. In welchem Verhältnis zukünftig Wasserstoff zu beispielsweise synthetischem Methan oder Biomethan steht, ist noch nicht abzusehen. Davon abhängen werden aber mögliche Transformationspfade, die die Verwandlung der heutigen Erdgasspeicher hin zu Speichern treibhausgasneutraler Gase beschreiben. Mit diesen Transformationspfaden der Gasspeicher wird sich INES auch in den nächsten Monaten weiterhin intensiv beschäftigen.

Die aktuellen Diskussionspunkte lenken von zentralen Herausforderungen ab

Die derzeitige politische Debatte ist vor allem auf die Einsatzbereiche von Wasserstoff und seine zulässige Herkunft gerichtet. Das Bundesumweltministerium möchte Wasserstoff am liebsten nur außerhalb des Wärmemarktes und nur aus erneuerbaren Energien (grüner Wasserstoff) einplanen. Das Bundeswirtschaftsministerium setzt im Gegensatz dazu auf deutlich marktwirtschaftlichere Ansätze.

Es ist nachvollziehbar, dass die Ressorts sich zu diesen Fragen beraten, damit am Ende eine gesamtgesellschaftlich tragfähige Strategie von der Bundesregierung verabschiedet werden kann. Dass die Wasserstoff-Speicherung aber kaum in die strategischen Überlegungen einfließt, bereitet der INES dann doch Sorge. Damit der Speicherung auch Zeit in der Debatte eingeräumt werden kann, schlagen wir Kompromisslinien vor: Die Bundesregierung sollte sich darauf konzentrieren, marktwirtschaftliche Grundlagen zu legen, damit Wasserstoff auf Basis von effizienten betrieblichen Entscheidungen dort eingesetzt wird, wo es am meisten Sinn macht. Diesem Ansatz widerspricht es auch nicht, Förderungen für Bereiche zu definieren, die nur durch Wasserstoff erfolgreich ihre Klimaziele erreichen können. Welcher Wasserstoff eingesetzt werden darf, sollte ausschließlich davon abhängen, ob der Wasserstoff treibhausgasneutral ist. Eine Diskriminierung aufgrund seiner Farbe ist weder effektiv für den Klimaschutz noch ökonomisch effizient.

Mit Blick auf die Speicherung von Wasserstoff kann sich die Gasspeicherbranche um die Technik und den Betrieb von Anlagen kümmern. Die rechtlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen müssen aber von der Politik gesetzt werden. Die Flexibilitätsmärkte des Strom- und Gassektors werden mit der Zunahme erneuerbarer Energien zusammenwachsen. Vor diesem Hintergrund müssen konkret im Bereich der Umlagen, Abgaben und Netzentgelte Voraussetzungen für einen unverzerrten Wettbewerb dieser beiden Sektoren geschaffen werden. Dies gilt nicht nur für die nationale Ebene.

Auch auf europäischer Ebene sollte die Politik die Gasspeicher als eine strategische Chance betrachten. Deutschland könnte durch den Einsatz erneuerbarer Gase zum Energiespeicher Europas werden. Das umfangreiche Fassungsvermögen der deutschen Gasspeicher legt hierfür die Grundlage, denn kein Land in der EU verfügt über größere Gasspeicherkapazitäten. Auch weltweit gibt es nur in den USA, der Ukraine und Russland größere Kapazitäten für die Speicherung von Gas.

Ob Deutschland auch in einer treibhausgasneutralen Energiewelt mit seinen Gasspeichern Europas Spitzenreiter der Energiespeicherung wird, bleibt abzuwarten. Mit der Wasserstoffstrategie hat die Bundesregierung zumindest die Möglichkeit die offenen Diskussionspunkte abzuräumen und damit den Blick auf weitere wichtige Themen wie die Speicherung treibhausgasneutraler Gase zu richten.

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