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Energie & Klima

Standpunkt

Weniger Bürokratie wagen – Prosuming jetzt entschlacken

Markus Meyer, Leiter Regulierung und Energiepolitik, Enpal
Markus Meyer, Leiter Regulierung und Energiepolitik, Enpal Foto: Enpal

Was muss die Politik unternehmen, um den Ausbau der erneuerbaren Energien wirklich zu beschleunigen? Nicht noch mehr investieren, sondern entschlacken, meint Markus Meyer, verantwortlich für Energiepolitik beim Berliner Solarunternehmen Enpal.

von Markus Meyer

veröffentlicht am 18.11.2021

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Dezentrale sektorübergreifende Ansätze werden im Energiesystem immer stärker nachgefragt. Diese positive Entwicklung geht jedoch nicht schnell genug. Der Grund: Über die Jahre haben sich viele Relikte angehäuft und Prozesse eingeschliffen, die Innovationen blockieren und das Erreichen der Klimaziele erschweren. Es sind die bürokratischen und überwiegend analogen Prozesse, die privates Engagement und Investment in erneuerbare Energien bremsen und unnötig in die Länge ziehen. 

Eine zentrale Herausforderung ist der Anschluss einer PV-Anlage an das Stromnetz. Dieser ist in der Regel mit einem erheblichen zeitlichen und administrativen Aufwand verbunden. Um Anlagen in Betrieb zu nehmen, müssen Betreiber ein „Netzanschlussbegehren“ beim zuständigen Verteilnetzbetreiber (VNB) einreichen. Das führt dazu, dass vor Abschluss des Verfahrens Anlagenbetreiber den selbst erzeugten Strom weder selbst nutzen noch ins Netz einspeisen dürfen.

Anlagenbetreiber entlasten

Hinzu kommt, dass jeder der rund 900 VNB über eigene technische Anschlussbedingungen verfügt. Uneinheitliche und undurchsichtige Anmeldeprozesse sowie seitenlange Papierformulare sind die Folge. Allein Enpal beschäftigt 30 Personen, die sich ausschließlich um die Netzanträge kümmern. Die unterschiedlichen Anforderungen und Verfahren werden so schnell zum Flaschenhals. Dies sollte vereinheitlicht, deutlich entschlackt und digitalisiert werden.

Mit der Inbetriebnahme folgt der Eintrag ins  Marktstammdatenregister (MaStR). Trotz angekündigter Erleichterungen durch die letzte EEG-Novelle fehlt bis heute eine praxistaugliche Umsetzung. Die jetzige Praxis bedeutet unverhältnismäßige Aufwände. Daten bezüglich Kund*in, Anlage, Standort etcetera werden zunächst im MaStR hinterlegt. Worauf folgend exakt die gleichen Daten erneut in gesonderten PDF-Formularen oder über ein separates  Online-Portal an den jeweils zuständigen Netzbetreiber übertragen werden. Eine Verpflichtung der Netzbetreiber, alle notwendigen Anmeldedaten direkt aus dem MaStR zu ziehen, fehlt. Dabei würde der Wegfall der doppelten Datenabfrage schnell und einfach zur Entlastung der Anlagenbetreiber beitragen. 

Weiteres Beispiel: Bei der Erstellung eines Marktakteurs mit PV-Anlage und Speicher muss dreimal dieselbe Adresse eingeben werden. Nutzerfreundlicher wäre, wenn die Adresse des Marktakteurs automatisch für PV-Anlage und Speicher übernommen werden könnte. Für Unternehmen wie Enpal, die 30 bis 40 Anlagen pro Tag registrieren möchten, wäre eine Import-Schnittstelle des MaStR hilfreich. So wäre es möglich, die benötigten Daten für eine Registrierung automatisch, schneller und vor allem fehlerfrei zu übermitteln. Das spart Zeit, Personal, Geld – und Nerven. Und zwar bei allen Beteiligten. 

Mehr Rechte und Beinfreiheit für Prosumer 

Um die dezentrale Sektorenkopplung zu beschleunigen, brauchen Betreiber von PV-Anlagen, Speichern, Wärmepumpen und Wallboxen künftig mehr Beinfreiheit. Vor allem aber brauchen sie spezifische Rechte, damit sie die Anlagen schnell und problemlos in Betrieb nehmen können. Ein Beispiel: Kunden haben normalerweise vom ersten Tag an eine technisch einwandfreie PV-Anlage auf dem Dach. Sie dürfen den Solarstrom nur leider mehrere Wochen nicht nutzen, weil die Prozesse beim Netzbetreiber unverhältnismäßig lange dauern. Das ist im Sommer besonders ärgerlich, kostet Geld und schadet dem Klima.

Netzbetreiber und andere Stellen sollten verpflichtet werden, den Weg  zur Inbetriebnahme binnen einer Frist von vier Wochen freizumachen und die Potenziale der Digitalisierung in diesem Bereich zu nutzen. Vorbild kann hier das seit Jahren gut funktionierende Recht auf einen papierlosen Wechsel des Stromlieferanten innerhalb von 21 Tagen sein.  

Digitale Netzanmeldung nach einheitlichem Standard  

Seitenlange Anmeldeformulare auf Papier, individuelle Anmeldeprozesse und eigene technische Anschlussbedingungen sollten der Vergangenheit angehören. Jeder neue Anlagenbetreiber sollte ein Recht auf digitale Netzanmeldung haben. Alle dafür notwendigen Informationen sollten nach einem bundesweit einheitlichen Standard digital eingereicht werden können. Dieser kann von der Bundesnetzagentur als verbindlich festgelegt werden. Spätestens nach vier Wochen müssen die Anlagen in Betrieb genommen werden können.  

Recht auf praxistaugliche und digitale Messtechnik 

Aktuell müssen zum flexiblen Einsatz der Schlüsseltechnologien oft komplexe Messkonzepte mit vielen unterschiedlichen Messgeräten umgesetzt werden, mit jedem der 900 VNB muss einzeln verhandelt werden. Stattdessen brauchen wir das in der EU geltende Prinzip der gegenseitigen Anerkennung: Wäre zukünftig ein Messkonzept erstmals von einem Verteilnetzbetreiber akzeptiert, so hätte jede*r Kund*in das Recht, dass dieses Messkonzept auch von seinem/ihrem Verteilnetzbetreiber innerhalb von vier Wochen umgesetzt werden müsste und er/sie die entsprechende Messtechnik erhielte.  

Einfache Vermarktung und eigene Herkunftsnachweise  

Die Vermarktung von Kleinanlagen ist mit nicht vertretbarem Aufwand und unnötigen Kosten verbunden. Ein großes Problem stellen unverhältnismäßige Anforderungen an die Anlagensteuerung dar. Eine messtechnische Sichtbarkeit wäre hier ausreichend. Eine weitere Hürde ist die fehlende Bündelung bei der VNB-Anmeldung. Jede Anlage muss heute einzeln angemeldet und prognostiziert werden. Das heißt: Jede Anlage muss einzeln prozessual bearbeitet werden. Für den Zugang zu den unterschiedlichen Vermarktungsmöglichkeiten braucht es daher vereinfachte Regeln.  

Jeder, der seinen Strom als grünen Strom verkaufen möchte, muss ein eigenes Konto beim Herkunftsnachweisregister des Umweltbundesamts führen. Problem: Gerade für Kleinkunden übersteigen die Kontoführungskosten den Wert der Herkunftsnachweise um ein Vielfaches. Ungeachtet dessen ist die Verwaltung vollkommen unzureichend digitalisiert. Dazu kommt: Ein Herkunftsnachweis wird heute auf eine Megawattstunde festgelegt – eine viel zu große Menge für Kleinproduzenten. Neben einer kleinteiligeren Bemessungsgrundlage braucht es ein Recht auf einen einfachen, digitalen und günstigen Zugang zu den eigenen Herkunftsnachweisen, die dann durch geeignete Schnittstellen von einem Dienstleister vermarktet werden können.  

Die Politik ist am Zug  

Nie war die Schnittmenge zwischen FDP und Grünen größer, wenn es darum geht, die Energiewende zu digitalisieren und zu entbürokratisieren. Wir brauchen jetzt eine konkrete Unterstützung für alle, die die Energiewende selbst in die Hand nehmen wollen. Die kommende Bundesregierung sollte Akteuren das Recht einräumen, eine Anlage unmittelbar nach Ablauf einer bindenden Frist für alle in vollem Umfang einsetzen zu können. Vor allem sollte sie aber bei der Energiewende weniger Bürokratie wagen. 

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