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Energie & Klima

Standpunkte Wille trifft auf Wirklichkeit: Der grünen Transformation fehlen die Fachkräfte

Barbara Wittmann, Country Managerin bei LinkedIn DACH
Barbara Wittmann, Country Managerin bei LinkedIn DACH Foto: LinkedIn

Politik und Wirtschaft können sich vielen Klimazielen verpflichten, ohne qualifizierte Fachkräfte werden sie diese nicht erreichen. Der Bedarf übersteigt das Angebot deutlich und die Situation könnte sich in den kommenden Jahren noch weiter verschärfen. Damit gerät die grüne Transformation in Gefahr. Gefragt ist jetzt nicht nur die Politik – auch Arbeitgeber müssen aktiv werden, findet Barbara Wittmann, Country Managerin bei LinkedIn DACH.

von Barbara Wittmann

veröffentlicht am 08.12.2023

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Gerade kommen fast 100.000 Teilnehmer aus aller Welt bei der UN-Klimakonferenz in Dubai zusammen. Unabhängig von den konkreten Klimazielen, die besprochen werden, müssen Politik und Wirtschaft allerdings noch eine ganz andere Herausforderung lösen: In Deutschland, aber auch in vielen anderen Ländern fehlen der grünen Wirtschaft qualifizierte Fachkräfte, mit denen sich die auf dem Papier erarbeiteten Klimaziele praktisch erreichen lassen. Weltweit verfügte zuletzt nur einer von acht Arbeitnehmern über mindestens eine grüne Kompetenz, in der EU ist es sogar nur einer von neun.

Grüne Skills sind trotz Abkühlung des Arbeitsmarkts gefragt

Das Problem ist nicht, dass Unternehmen sich mehrheitlich weigern, den Klimawandel und seine Folgen oder ihre diesbezügliche Verantwortung anzuerkennen. So zeigt eine Auswertung von LinkedIn Daten, dass Firmen verstärktgrüneJobs schaffen – sprich Arbeitsplätze, die dazu beitragen, den Auswirkungen des Klimawandels langfristig entgegenzuwirken.

Dementsprechend haben grüne Fachkräfte – Arbeitnehmer, die grüne Fähigkeiten oder Berufserfahrung mitbringen – gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt: ihre Einstellungsrate übersteigt die Zahl der gesamten Neueinstellungen in den wichtigsten Arbeitsmärkten weltweit deutlich. So erreichte sie in diesem Jahr beispielsweise einen Höchstwert von 24 Prozent weltweit und von 19 Prozent in Deutschland über der allgemeinen Einstellungsrate.

Offenbar verstehen immer mehr Unternehmen, dass sie etwas ändern und in allen Belangen ökologischer handeln müssen. Woran dies im Einzelfall liegt – Verantwortungsbewusstsein, Druck durch Kunden und/oder Mitarbeiter, regulatorische Vorgaben – lässt sich anhand unserer Daten nicht erkennen. Für viele Unternehmen mag es aber eine Mischung aus alldem sein. Der Grund für dieses Umdenken ist auch eher zweitrangig, wichtig ist vor allem, dass es stattfindet und zu einem nachhaltigen Wandel führt. Doch dafür benötigt es weltweit mehr Arbeitnehmer mit grünen Skills.

Qualifizierte Fachkräfte sind Mangelware

Grundsätzlich ist Deutschland im Hinblick auf seine grünen Fachkräfte gut aufgestellt. Mit 16,8 Prozent aller Berufstätigen haben wir hierzulande einen der höchsten Anteile an grünen Talenten, nur Österreich schneidet im Vergleich besser ab (17,6 Prozent).

Unsere Daten zeigen aber auch, dass der Anteil an Fachkräften mit grünen Qualifikationen in anderen Ländern schneller steigt als in Deutschland. In den letzten fünf Jahren konnten wir hierzulande einen Anstieg an grünen Talenten um fünf Prozent pro Jahr verzeichnen. Zum Vergleich: In Frankreich lag dieser Wert im selben Zeitraum bei 7,4 Prozent und im Vereinigten Königreich immerhin auch noch bei 5,7 Prozent. Auch wenn der Anteil an grünen Talenten weltweit kontinuierlich wächst, passiert dieser Fortschritt nicht schnell genug, um der Nachfrage der grünen Wirtschaft und der grünen Transformation gerecht zu werden.

Das zeigt ein weiteres Beispiel: Allein von 2022 auf 2023 ist der Anteil der Fachkräfte mit grünen Fähigkeiten global durchschnittlich um 12,3 Prozent gestiegen – die Anzahl der Stellenausschreibungen, die mindestens eine grüne Qualifikation fordern, jedoch fast doppelt so schnell (22,4 Prozent). Es wird also deutlich: Schon heute besteht eine große Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage – wenn es so weitergeht wie bisher, drohen die Klimaziele nicht am Unwillen zur Veränderung, sondern am grünen Fachkräftemangel zu scheitern. Denn es gibt derzeit schlicht nicht genügend qualifizierte Fachkräfte, um alle offenen Stellen zu besetzen und unseren Bedarf der grünen Wirtschaft kurz- und langfristig zu decken.

Und wie kann es nun weitergehen?

Wir haben es verpasst, auch am Arbeitsmarkt und bei der Qualifizierung, frühzeitig die Weichen für die grüne Transformation zu stellen. Wir sind uns jedoch alle einig: Den Kopf in den Sand zu stecken und das Beste zu hoffen, ist der falsche Weg. Deshalb besteht dringender Handlungsbedarf – auf allen Seiten. So sollten bereits in Schulen Informationen zu grünen Berufen bereitgestellt, Anreize geschaffen sowie Möglichkeiten und Zugänge aufgezeigt werden, um junge Menschen für diese Bereiche zu begeistern. Gleichzeitig sollte die Politik gezielt Ausbildungen, Umschulungen und Weiterbildungen in diesem Bereich fördern.

Aber auch Unternehmen und Arbeitgeber müssen aktiv werden. Konkret geht es bei ihnen im ersten Schritt darum, zu evaluieren, welche grünen Fähigkeiten sie zur Erreichung ihrer Klimaziele benötigen. Darauf aufbauend müssen sie Wege finden, Qualifikationslücken zu schließen – auch, aber nicht nur, indem sie ihr Recruiting entsprechend ausrichten und neue Talente einstellen. Darüber hinaus braucht es gezielte Weiterbildungsangebote für die bestehende Belegschaft sowie die Möglichkeit für die Angestellten, neu erlernte Kenntnisse auch tatsächlich anzuwenden und sich intern weiterzuentwickeln.

Im Kampf gegen den Klimawandel dürfen wir keine Zeit mehr verlieren – wir müssen die grüne Transformation jetzt angehen. Und das bedeutet vor allem, dass wir Arbeitnehmer brauchen, die bereits profundes Wissen im Bereich grüner Tätigkeiten haben oder sich dieses aneignen wollen. Politik und Arbeitgeber müssen sie dabei unterstützen – nicht erst morgen, sondern heute. Nur so können wir dem Fachkräftemangel begegnen und zum Erreichen der Klimaziele beitragen.

Barbara Wittmann verantwortet als Country Managerin bei LinkedIn das Geschäft in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zusätzlich leitet sie seit 2016 den Geschäftsbereich Talent Solutions.

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