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Energie & Klima

Standpunkt

WindSeeG schreckt Investoren ab

Stefan Thimm, Geschäftsführer des Offshore-Betreiberverbandes BWO
Stefan Thimm, Geschäftsführer des Offshore-Betreiberverbandes BWO

Die Bundesregierung wählt mit dem Windenergie-auf-See-Gesetz ein rückwärtsgewandtes Fördermodell, welches SPD und Grüne vor zwei Jahren noch ablehnten, beklagt Stefan Thimm vom Betreiberverband BWO. Die zweite Gebotskomponente entziehe dem System Geld zugunsten des Haushalts, treibe die Kosten und verhindere überfällige Investitionen in die Flexibilisierung der Energieversorgung und die Wertschöpfungsketten.

von Stefan Thimm

veröffentlicht am 10.06.2022

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Jedes neue Windrad schafft Arbeitsplätze und stärkt insbesondere strukturschwache Küstenregionen an der Nord- und Ostsee. In den nächsten Jahren stehen der Offshore-Branche Investitionen von etwa 150 Milliarden Euro bevor. Der Ausbau der Windenergie auf See ist also nicht nur gut für unser Klima, sondern könnte auch noch zum Konjunkturbooster werden. 

Doch die aktuellen politischen Signale zur Umsetzung der neuen Ausbauziele sind enttäuschend. Dabei hat die neue Legislatur so vielversprechend begonnen: Hochgesteckte Ziele, vereinfachte Planungs- und Genehmigungsverfahren, Personalaufstockung in den Behörden. Der Wille ist spürbar. Aber ausgerechnet zwei der größten Herausforderungen werden nicht ausreichend mitgedacht: Die Integration des offshore produzierten Stroms in unser Stromnetz und die Versorgung der Industrie mit kostengünstigem Grünstrom. 

Milliardengrab Gebotskomponente

Nach aktuellem Plan wird Ende des Monats ein Gesetz durch den Bundestag bestätigt, das – ähnlich wie bei der Versteigerung der Mobilfunklizenzen – Unternehmen auffordert, Geld auf den Tisch zu legen, um überhaupt einen Offshore-Windpark (OWP) bauen zu dürfen. Auf der Strecke bleiben das Thema Netzstabilität und die Stromabnehmer. Wir brauchen Weitsicht und bekommen stattdessen ein rückwärtsgewandtes Modell, das nicht ohne Grund schon vor zwei Jahren in letzter Minute aus dem Gesetzesentwurf gestrichen wurde. Als die CDU 2020 den Vorschlag der Gebotskomponente auf den Tisch legte, haben die Grünen als stärkste Oppositionspartei mit den regierenden Sozialdemokraten, der Industrie, der Finanz- und der Energiewirtschaft in einem bemerkenswerten Vorgang ihre Stimme erhoben und erreicht, dass das Wirtschaftsministerium den Vorschlag zurückziehen musste.

Die im aktuellen Entwurf des WindSeeG vorgesehene Gebotskomponente droht nun erneut, die Strompreise zu erhöhen. Und das gleich doppelt: Zum einen muss die gebotene Summe zusätzlich zu den Investitionskosten für den OWP über den Strompreis zurück verdient werden. Zum anderen erhöht die Gebotskomponente die Investitionsrisiken und die Kapitalkosten für die Finanzierung von OWPs. Ein Gutachten von NERA Economic Consulting zeigt: Die Gebotskomponente würde die ohnehin schon hohen Energiekosten der Industrie um weitere 20 Euro pro Megawattstunde erhöhen und eine zusätzliche Schwächung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit nach sich ziehen. 

Die Wirkung auf den erhofften Konjunkturboom sind verheerend: Die Projektierer werden durch die Gebotskomponente gezwungen, die Mehrkosten auch als Kostendruck an die vorgelagerte Wertschöpfungskette weiterzugeben. Das betrifft sowohl kleine und mittelständische Unternehmen wie Kabelhersteller, Fundamenthersteller oder Rettungsdienstleister, als auch Hersteller von Großkomponenten wie Rotorblätter, Monopiles und Turbinen. Dieser Kostendruck wird sich hemmend auf die notwendigen Investitionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette auswirken und gefährdet damit auch das Erreichen der Ausbauziele.

Die Gebotskomponente entzieht dem System Geld, das – insbesondere vor dem Hintergrund der aktuellen weltpolitischen Geschehnisse – dringend für die Erhöhung der Versorgungssicherheit, die Diversifizierung von Versorgungsrisiken und für die Systemintegration gebraucht wird.

Gebotskomponente deckeln & Systemintegration mitdenken

Der BWO hat aufzeigt, wie den oben genannten Herausforderungen schon mit wenigen Anpassungen begegnet werden könnte.

Zur Vermeidung eines ruinösen Wettbewerbs, der den Strompreis in die Höhe treibt, sollte die Gebotskomponente gedeckelt werden. Vorstellbar wären etwa 50 Millionen Euro pro Gigawatt. Eine solche Deckelung erfolgt zum Beispiel auch in den Niederlanden. Die vom Bundeswirtschaftsministerium vorgeschlagene Verwendung der Einnahmen für Artenschutz und Fischerei halten wir für richtig. Ein Teil sollte allerdings zusätzlich für eine Qualifizierungsoffensive eingesetzt werden. Denn schon heute zeichnet sich ein extremer Fachkräftemangel in der Branche ab, dem dringend auch politisch begegnet werden muss. Auch für die staatliche Bereitstellung von Notschleppern und der notwendigen Rettungsinfrastruktur sollte ein Teil der Einnahmen eingeplant werden.

Daneben sollte eine Systemintegrationskomponente zum Einsatz kommen. Ziel ist hier der Bau zusätzlicher netz- und systemdienlich ausgelegter Anlagen, die Strom flexibel speichern oder in andere Energieträger umwandeln können. Das ist wichtig, um die erzeugten Strommengen durch die Übertragungsnetze zu den Verbrauchszentren zu transportieren. Kann der Netzausbau an Land nicht mithalten, ist in der aktuellen Netzsituation mit häufigen Redispatch-Maßnahmen zu rechnen. Das steht einer effizienten Nutzung der bereitgestellten Energie aus den Offshore-Windenergieanlagen entgegen und führt zu erhöhten Stromkosten für alle Verbraucher.

Die Systemintegrationskomponente löst Investitionen für die Flexibilisierung des Energieversorgungssystems aus. Wir erhöhen damit den Anteil des genutzten Stroms aus erneuerbaren Energien, reduzieren Netzengpasskosten und die Abhängigkeit von Importen fossiler Energieträger – ganz zu schweigen davon, dass auch diese Flexibilitäten für Wertschöpfung sorgen und Arbeitsplätze schaffen. 

Auch im zweiten Ausschreibungssegment, bei dem Differenzverträge zum Einsatz kommen sollen, drohen Schäden entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Hier ist aufgrund des zeitlichen Auseinanderfallens von Gebotsabgabe und Investitionsentscheidung ein Inflationsausgleich bei den anzulegenden Werten und den Höchstwerten notwendig. Andernfalls droht bei unvorhersehbaren Preisschwankungen an den Rohstoffmärkten – wie wir sie aufgrund der globalen Krise aktuell erleben – die Gefahr, dass die notwendigen Investitionen nicht ausgelöst werden können. Mit fatalen Folgen für die lokale Wertschöpfung. 

Wir schlagen hier eine einfache Indexierung oder Kopplung der Zuschläge und Höchstwerte an die Entwicklung der Rohstoffmärkte vor, wie sie bereits in Frankreich und Polen geübte Praxis ist. Eine solche Indexierung wirkt übrigens in beide Richtungen. Bei steigenden Rohstoffpreisen sichert die Indexierung die Realisierung der geplanten Projekte und damit die Zielerreichung ab. Bei fallenden Rohstoffpreisen führt die Indexierung zu einer Senkung des Zuschlagswerts und verhindert wirksam eine Überförderung.

Deutschland muss aufholen

Wir müssen uns bewusst machen, dass Deutschlands Zeiten als Vorreiter vorbei sind. Denn die Offshore-Windenergie boomt weltweit. Während andere Länder die letzten Jahre genutzt haben, um massiv auszubauen, wurden in der deutschen Offshore-Branche Arbeitsplätze abgebaut, Produktionskapazitäten heruntergefahren und Werften geschlossen. Wenn wir das Ruder rumreißen wollen, muss mehr passieren als Ziele im Gesetz zu ändern.

Extra-Tempo beim Offshore-Ausbau heißt auch Extra-Tempo beim Ausbilden von Fachkräften, extra-Tempo bei der Schaffung von Produktionskapazitäten und vor allem Extra-Tempo im internationalen Wettbewerb. Und dafür braucht es eine Stärkung der europäischen Wertschöpfungskette. Der viel diskutierte Vorschlag eines local-content-Kriteriums ist dennoch mit Vorsicht zu genießen: Wir sind eine internationale Branche. Eine Eingrenzung der Wertschöpfungskette würde die Stromproduktion verteuern und sollte wohl durchdacht sein. 

Wir stehen vor großen Zielen. Insbesondere die 30 Gigawatt Offshore-Windenergie bis 2030 werden ein Kraftakt. Aber bei allem Zeitdruck gilt dennoch: Für einen kontinuierlichen und kosteneffizienten Ausbau der Windenergie auf See braucht es ein robustes Fundament. Nur wenn alle Beteiligten – Offshore-Branche, Politik und Industrie – an einem Strang ziehen, dann können wir es schaffen. Noch ist es nicht zu spät.

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