Standpunkt Zeit für den Wiederaufbau der PV-Industrie

Die Produktion von Solarstrom nimmt weltweit rasant zu. Deutschland hat jetzt Gelegenheit, sich mit neuer Photovoltaik-Technologie einen Platz auf diesem Markt zu sichern und Fehler der Vergangenheit wettzumachen. Dazu bedarf es einer Strategie und aktiver Unterstützung des Staates, argumentiert Eicke Weber, der Vorsitzende des European Solar Manufacturing Council.

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In den vergangenen Jahrzehnten hat die Ernte von Solarenergie durch direkte Konversion in Strom basierend auf dem photovoltaischen (PV) Effekt einen ungeahnten Aufschwung genommen. Rückblickend betrachtet finden wir eine durchschnittliche jährliche Steigerungsrate des globalen Bestands von PV-Modulen von 33 Prozent, und dies seit 26 Jahren: von 100 Megawatt 1992 auf 500 Gigawatt (GW) im Jahr 2018. Diese erstaunliche Entwicklung war getrieben durch die Lernkurve in der Photovoltaik: Für jede Verdoppelung des globalen Bestands an PV-Modulen reduzierten sich die PV-Preise um mehr als 20 Prozent, getrieben durch technologischen Fortschritt und das rasche Marktwachstum.

Eine wichtige Rolle spielte dabei das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das Investoren einen für 20 Jahre garantierten, lukrativen Einspeisepreis bot. Leider kümmerte man sich in Deutschland und der EU aber nicht um den Aufbau einer großen Solarindustrie: Während China den Investoren attraktive Kreditgarantien auch für Gigawatt-skalige Investitionen in die PV-Produktion bot, sahen sich Deutschland und die EU nicht zu derartiger bewusster Industriepolitik veranlasst. So kam das rasante, weltweite Wachstum der Solarbranche besonders chinesischen Herstellern zugute. Diese kauften aber einen großen Teil ihrer Produktionsanlagen in Deutschland und Europa, so dass sich der Kreis schloß: deutsches EEG, chinesische Hersteller, deutsche Ausrüster. Dabei ist es wichtig festzustellen, dass die meisten der chinesischen Kreditgarantien nie benötigt wurden, da die PV-Hersteller in den ersten Jahren durchweg hoch profitabel waren.

Heute erleben wir einen weltweiten Markt von 100 GW jährlichem Zubau, der in den kommenden Jahren rasch auf 200 bis 300 GW pro Jahr wachsen wird. Die Kräfte dahinter sind die niedrigen Kosten solar erzeugten Stroms (1,5 Cent pro Kilowattstunde in den sonnenreichsten Gegenden) und die Erfordernisse einer raschen Transformation des globalen Energiesystems hin zu schließlich 100 Prozent CO2-freiem Strom. Die sich global ausweitende Bewegung Fridays for Future hat erkannt, dass die Erde rasch auf eine Klimakatastrophe zusteuert. Diese intelligenten und durchweg gut informierten jungen Menschen verstehen, dass es um ihre Zukunft geht. Unsere Reaktion auf die sich klar abzeichnenden Klimagefahren ist einfach zu langsam!

Photovoltaik wird weiterentwickelt

Realistische Projektionen, die von einem rasch wachsenden Anteil von Strom aus erneuerbaren Quellen, besonders aus Wind und Sonne, ausgehen, zeigen, dass wir in Deutschland bis zu 700 GW und global bis 2030 wahrscheinlich zwischen drei und fünf Terawatt (TW) PV-Leistung installiert haben werden. Ein Jahrzehnt später werden es 30 bis 50, später sogar 70 Terwawatt sein. Mit anderen Worten: Dieser Wachstumsmarkt steht immer noch ganz am Anfang der weltweiten Ausbreitung von heute 0,5 TW auf 50 TW um einen weiteren Faktor 100. Der Markt ist also in einer ähnlichen Situation wie der weltweite Automobilmarkt etwa um das Jahr 1915.

Dabei ist es wichtig zu wissen, dass die Solarzellen-Technologie noch immer weiterentwickelt wird: Von der Standard-Technologie, mit heute 18 bis 20 Prozent Effizienz, die noch vor wenigen Jahren den Weltmarkt beherrschte, ging es zur zweite Generation der sogenannten PERC-Zellen mit passivierter Rückseite und 20 bis 24 Prozent Effizienz. Jetzt rollt die dritte Zellgeneration mit der sogenannten HJT-Technologie aus den Forschungslabors, die Effizienzen bis hin zum augenblicklichen Weltrekord bei 27 Prozent erreicht – und dass bei immer weiter sinkenden Kosten.

Solarzellen spielen auch eine wichtige Rolle als eine Säule der künftigen dekarbonisierten Wasserstoffwirtschaft. Dies betrifft besonders Wasserstoff aus Elektrolyse mittels Strom, der bei uns oder in Südeuropa aus Wind und Sonne gewonnen wird. Der Wasserstoff wird genutzt werden als Energie-Speichermedium in der Elektromobilität sowie in der Dekarbonisierung der Industrie, besonders der Stahl- und Baustoffproduktion. Da ergibt sich die wichtige Frage: Wenn wir vermeiden möchten, dass unsere Automobilindustrie vom Import von Batteriezellen abhängig bleibt und wir willens sind, dafür Milliardenbeträge bereitzustellen – warum ist es nicht ebenso wichtig, dass die rasch wachsende Wasserstoffindustrie unabhängig von importierten Solarzellen wird?

Es ist noch nicht zu spät

Aus dieser Situation ergibt sich für uns in den kommenden ein bis zwei Jahren ein einmaliges „window of opportunity“, eine Gelegenheit, selbst so spät noch auf diesen rasch beschleunigenden Zug aufzuspringen: Dazu müssen wir die neue Technologie durch PV-Produktion der dritten Generation in Gigawatt-Größenordnung mit hochautomatisierter und kontrollierter Produktion nach Industrie 4.0-Maßstäben weltweit in den Markt einführen. Wir würden uns vom rasch wachsenden Kuchen noch eine sehr interessantes Stück sichern.

Um dies zu erreichen, benötigen wir ein Paket aus Spitzentechnologie, Investitionsmitteln – gern auch durch Kreditgarantien, die den Steuerzahler wenig belasten – und Abnahmeverträgen. Kein Investor wird darauf vertrauen, dass wir in drei Jahren PV-Module kostengünstiger als die asiatische Konkurrenz anbieten werden. Aber Abnehmer mit einer wesentlichen Pipeline von Projekten sind bereit, heute Abnahmeverträge für Modullieferungen in beispielsweise zwei Jahren zu schließen und so das Risiko der Investoren zu mindern.

Dazu ist politische Unterstützung unerlässlich, an der es leider bislang mangelte. Wir müssen in Brüssel die Möglichkeit erhalten, ähnlich der Flugzeugindustrie (Airbus), der Mikroelektronik und der Batterieindustrie staatliche Unterstützung beim (Wieder-) Aufbau dieser Branche zu erhalten. Das wird nur mit entschiedener Unterstützung der interessierten Länder möglich sein. Außer Deutschland sind dies sicher Frankreich, Italien, die Niederlande und Portugal. Herr Minister Altmaier, wir brauchen hier eine entschiedene Aufstellung Deutschlands.

Sonst wird sich das Fenster in wenigen Jahren schließen. Dann wird Europa wie der Rest der nicht-asiatischen Welt auf unabsehbare Zeit von asiatischen Importen abhängig bleiben.

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