„Es reicht bei weitem nicht, Technologien voranzutreiben“

Deutschland muss in der Forschung mehr tun, um bei der Energiewende konkurrenzfähig zu bleiben. Das war der Tenor einer Podiumsdiskussion am Dienstag im Bundeswirtschaftsministerium. Es beteiligten sich Vertreter von Innogy, Siemens, der Universität Hohenheim, dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und dem Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (ISE).

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Mit einem eigenen Konsultationsprozess lässt die Bundesregierung ermitteln, welche Schwerpunkte ihr nächstes Energieforschungsprogramm haben soll. Erste Ergebnisse wurden am Dienstag bei einer Veranstaltung in Berlin vorgestellt.


„Der Ausbau der Erneuerbaren ging schneller und der Ausbau der Netze langsamer, als man es bei der Aufstellung des laufenden Forschungsprogramms eingeschätzt hat“, sagte Ulrich Wagner von der Technischen Universität München. Er arbeitet zusammen mit Verbundpartnern an dem Teilprojekt „Handlungsempfehlungen für die Energieforschungspolitik – Technik und Gesellschaft“. Als wichtige Themen für das nächste Forschungsprogramm sieht Wagner Effizienzsteigerungen und Versorgungssicherheit.


Manfred Fischedick vom Wuppertal Institut für Klima Umwelt Energie stellte den zweiten Strang des Forschungsvorhabens vor, nämlich „Technologien für die Energiewende – Forschungsbedarf und Marktpotential“. Wissenschaftler und Unternehmen können in die Steckbriefe auf der Website des Forschungsvorhabens hineinschauen, um sich mit den ermittelten Bedarfen vertraut zu machen.


Das kann sich finanziell lohnen, denn im laufenden Energieforschungsprogramm sind 863 Millionen Euro enthalten. Das nächste Energieforschungsprogramm wird das siebte sein und wieder über sieben Jahre laufen. Es soll 2018 verabscheidet werden. Experten fordern eine Erhöhung der Mittel, um die deutsche Energieforschung konkurrenzfähig zu halten.


„Beim sechsten Energieforschungsprogramm waren wir fast noch Vorreiter. Jetzt machen es alle. Das muss das siebte Energieforschungsprogramm dynamisch aufnehmen. Denn auch bei der Forschung befinden wir uns im Wettbewerb mit den Schwellenländern„, sagte Marianne Haug von der Universität Hohenheim, die auch Mitglied der Adivisory Group für das EU-Forschungsprogramm Horizon 2020 ist. „Um mit China, Korea und Japan konkurrieren zu können, müssen wir mehr Geld in die Hand nehmen“, sagte Haug – auch um Unternehmen durch das „Tal des Todes“ zwischen Forschung und Markteinführung zu helfen.


Bei der Photovoltaik habe die Überförderung durch das EEG dafür gesorgt, dass ein Markt für die Technologie geschaffen wurde. „Das hat viel Geld gekostet, aber es hat sich gelohnt“, sagt Haug. Eine ähnliche Subventionierung würde für Wärme- und die Verkehrswende gebraucht. „Hier haben wir ein Marktversagen par exzellence. Eine Umstellung rechnet sich für die Verbraucher nicht. Eine Akzeptanz für die Bepreisung der externen Kosten ist zwar da. Aber das muss von der Politik kommen. Auch die Entscheidung, ob man es subventioniert.“


Bei der Energieforschung dürfe sich Deutschland nicht nur auf die erneuerbaren Energien beschränken. „Sonst landen wir in der Sackgasse wie bei der Atomforschung.“ Die Forschungsleistungen der kleinen und mittleren Unternehmen jedenfalls seien etwas, „um das uns anderen Länder beneiden“, sagte Haug. Die oft genannten Exportchancen der deutschen Industrie relativierte sie: „Bei den Ländern mit mittleren Einkommen wird 80 Prozent der Wertschöpfung aus den Ländern selbst kommen.“ So wolle Saudi-Arabien stark im Anlagenbau werden.


„Es reicht bei weitem nicht, Technologien voranzutreiben“, sagte Hans-Martin Henning vom ISE. „Es muss uns gelingen, einen frühen Markt aufzubauen. Das brauchen wir für den Transfer. Denn die Energiewende ist noch lange kein ökonomischer Selbstläufer.“


Ohne Forschungsförderung, weil das Unternehmen schnell sein wollte, hat Innogy sein Projekt „Green fuel“ mit synthetischen Kraftstoffen vorangetrieben. „Wir brauchten das Erfahrungswissen, wenn man ein Projekt tatsächlich macht“, sagte Frank-Detlef Drake, Leiter Strategie & Technologie bei der RWE-Tochter Innogy.


Grundsätzlich sieht Drake einen Widerstreit zwischen gesellschaftlicher Planung und Garagenrevolution. „Man muss schauen, wie weit wir mit steuern kommen und wie weit es sich ergibt“, sagte er zu technologischen Fortschritten. „Das Problem, wenn man zu lange wartet, dauert es zu lange“, sagte Drake.


„Ohne Ziel geht es nicht“, meinte Armin Schettler, Leiter New Technology & Innovation Fields bei Siemens. Die grobe Richtung ist für ihn klar: „Die Zukunft ist erneuerbar und elektrisch. Photovoltaik wird das neue Öl. Aber es wird auch Platz für Gaskraftwerke geben, die dann aber mit einem ganz anderen Gas laufen.“ Schettler findet es beeindruckend, wie in China mal eben eine Versuchsanlage für Gleichstrom mit einer Leistung von einem Gigawatt hingestellt wurde.


„Wir müssen die institutionelle Forschung mit den Bedarfen der Wirtschaft koppeln“, sagte Holger Hanselka vom KIT. Bisher sei Deutschland schlecht darin, mit den Ergebnissen der Forschung in den Markt zu kommen. Für das siebte Energieforschungsprogramm, das Ende 2018 verabschiedet werden soll, wünscht sich Hanselka noch mehr Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Technologien. „Die Bereitschaft der Energiewirtschaft zur Veränderung ist riesengroß und es stehen finanziell starke Investoren dahinter.“


Für ein Gelingen der Energiewende müsse sich aber auch grundsätzlich etwas verändern. „Dafür müssen wir die gesellschaftliche Akzeptanz mit erforschen“, forderte Hanselka. Auch er plädierte für Technologieoffenheit in der Hinsicht, dass die Fusionsforschung „unermüdlich“ weitergehen müsse.

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