Standpunkt Galileo Galilei, die katholische Kirche und die Solarenergie

Selbst die Internationale Energieagentur musste es jetzt einsehen: Die Erneuerbaren, insbesondere die Solarenergie, sind mittlerweile so günstig, dass auch ökonomisch alles für ihren Ausbau spricht. Darauf muss auch die deutsche Politik reagieren.

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Die katholische Kirche hat Galileo Galilei 350 Jahre nach seinem Tod für die Erkenntnis rehabilitiert, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Solange hat die Internationale Energieagentur (IEA) nicht gewartet. Die Nachricht in dieser Woche kam trotzdem einem Wunder nahe.


Von vielen kritisiert, maß die IEA bislang regelmäßig in ihren Szenarien den erneuerbaren Energien eine kleine Rolle zu. Das ist seit Mittwoch anders. Es scheint der IEA zu dämmern, dass sie die Photovoltaik deutlich unterschätzt hat. In ihrem Bericht über die erneuerbaren Energien rief sie jetzt eine neue Photovoltaik-Ära aus. Die Solarenergie werde bis 2022 das am schnellsten wachsende Segment im globalen Strommarkt sein und die lange Zeit dominierende Kohle dauerhaft verdrängen. Der Grund dafür ist keine Glaubensfrage, sondern schlicht wirtschaftlicher Natur: Die Solarstromerzeugung ist so günstig geworden! In Indien, in der Golfregion, Mexiko und Chile lässt sich Solarstrom schon für rund 3 Cent pro Kilowattstunde erzeugen. Selbst in Deutschland liegen wir bereits heute bei unter 6 Cent in der jüngsten Ausschreibungsrunde.


Die Solarenergie hat in den vergangenen Jahren ihre Kosten beispiellos reduziert. Doch mehr als das. Photovoltaik und Speicher sind in der Lage, einen substanziellen Beitrag zur Energiewende 2.0 zu leisten. Unser Energiesystem ist für eine deutliche Beschleunigung des Solarenergie-Ausbaus bereit.


Mit Hilfe der Digitalisierung wird es bei richtiger Rahmensetzung zunehmend gelingen, die Bereiche Erzeugung, Speicherung, Verteilung und Verbrauch sowie die Sektoren Strom, Wärme und Mobilität nahtlos und intelligent miteinander zu verknüpfen. In den nächsten vier Jahren werden sich die Standards für diese entscheidende Phase der weltweiten Energiewende herausbilden.


Chance auf industrielle Cluster


Deutschland und Europa haben jetzt die Chance, diese Standards zu setzen und industrielle Cluster mit ausgezeichneten Exportchancen herauszubilden, wenn die Energiewende jetzt kraftvoll belebt und gestaltet wird. Um diese einmalige Gelegenheit zu nutzen, brauchen wir die Stärkung der bestehenden Basis, einen deutlich dynamischeren Solarenergie- und Speicherzubau einerseits und mutige Innovation und Offenheit für rasche Weiterentwicklungen hin zu einem smarten Energiesystem andererseits.


Stark sinkende Kosten erlauben es, den Markt in den nächsten Jahren auf selbsttragende solare Geschäftsmodelle vorzubereiten. Dafür sind drei Voraussetzungen nötig: Erstens müssen diese Geschäftsmodelle durch den Abbau von Hemmnissen erleichtert und am Markt akzeptiert werden. Zweitens müssen faire Marktbedingungen durch eine angemessene CO2-Bepreisung geschaffen werden. Und drittens darf es auf dem Weg zu diesen selbsttragenden solaren Geschäftsmodellen keinen Fadenriss für die am Markt tätigen Unternehmen und andere Akteure geben. Mit anderen Worten: Eine Welt, in der Solarenergie auch außerhalb von staatlicher Förderung finanziert wird, ist möglich – es hängt aber von der Gestaltung des Übergangsprozesses ab, ob sie auch erreicht wird.


Versechsfachung des Ausbaukorridors


In jedem Fall ist es an der kommenden Bundesregierung, beim Solarausbau wieder Fahrt aufzunehmen. Wenn die vertraglich vereinbarten Pariser Klimaziele erreicht werden sollen, kommen wir mit den bisherigen Ausbaukorridoren nicht ans Ziel. Je nach angestrebtem Grad der Elektrifizierung des Mobilitäts- und Wärmesektors und erwarteter Erfolge im Bereich Energieeffizienz halten Wissenschaftler eine Verdrei- bis Versechsfachung des PV-Ausbaukorridors für erforderlich. So sieht das „Energiewendebarometer“ des Fraunhofer IWES für das Jahr 2050 eine installierte Photovoltaik-Leistung von 320 Gigawatt vor. Das Fraunhofer ISE sieht einen Zielwert von immerhin 290 GWp für 2050 vor. Angesichts dieser Zahlen wirkt der noch bestehende 52-Gigawatt-Photovoltaik-Deckel geradezu anachronistisch. Wer die stark gesunkenen Preise und die Anforderungen durch die Sektorkopplung anerkennt, wird diesen Deckel sofort streichen.


Dynamik gewinnen wir beim PV-Zubau, wenn der solare Eigenverbrauch und die solare Direktversorgung von Wohn- und Gewerbequartieren politisch gestärkt werden. Beides sind zentrale Bausteine für eine vom EEG unabhängige Finanzierung von Solaranlagen. In einem ersten Schritt müssen die Hemmnisse und Barrieren beseitigt werden. Dazu zählt besonders die Abschaffung der anteiligen EEG-Umlage, die ein erhebliches Investitionshindernis für die Nutzung von Photovoltaik- und Speichersystemen darstellt. Solarstrom, der nicht das öffentliche Netz nutzt, ist vollständig von der EEG-Umlage zu befreien.  Eine Einstufung der Speicher als Erzeuger und Letztverbraucher wird ihrer Rolle nicht gerecht. Die doppelte EEG-Umlage für zwischengespeicherten Strom verhindert schon ab mittlerer Größe ihren Einsatz. Das Verbot von gleichzeitigem Be- und Entladen vergibt die Chance eines multifunktionalen Betriebs der Speicher für die Energiewende.


Größeres Volumen bei Ausschreibungen


Schließlich ist das Ausschreibungsvolumen für Solaranlagen deutlich zu erhöhen und die Flächenbeschränkung aufzuheben. Wir können es uns nicht leisten, die Solarstromerzeugung im Kraftwerksmaßstab weiterhin so stark zu drosseln, wenn wir das Erreichen der Klimaziele mit preiswertem Solarstrom sicherstellen wollen. Im Kraftwerksmaßstab kann Solarstrom inzwischen bereits für rund 5 Cent je Kilowattstunde erzeugt werden. Bei einer Lockerung der Standortvorgaben für Photovoltaik-Freiflächenanlagen sowie der Öffnung für die Eigen- und Direktversorgung wären weitere Kostensenkungen möglich. Das jährliche Solarpark-Auktionsvolumen sollte daher von derzeit 600 Megawatt auf mindestens 2.500 MWp angehoben werden.


Fakt ist, dass Solarstrom weltweit als eine der günstigsten Energieerzeugungsformen anerkannt wird. Diese Erkenntnis teilt jetzt auch die Internationale Energieagentur. Es wird Zeit, dass sich diese Erkenntnis auch in Deutschland wieder in zukunftsorientierter Energiepolitik niederschlägt. Nur mit einer deutlichen Dynamisierung der Solartechnik-Nutzung in den Sektoren Strom, Wärme und Mobilität werden wir das Klimaproblem noch in den Griff bekommen. Es ist an der Zeit, bestehende Bremsen zu lösen!

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