Standpunkt Geringer Preiseffekt des Kohleausstiegs

Die FDP und andere warnen: Der Kohleausstieg gefährdet die Versorgungssicherheit und sorgt für stark steigende Industrie-Strompreise. Beides ist falsch.

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Wer die deutschen Klimaziele nüchtern analysiert, erkennt schnell: Um sie zu erreichen, ist eine Reduktion der CO2-Emissionen aus der Kohlestromerzeugung, insbesondere der Braunkohle, unerlässlich. Denn die Braunkohlenstromerzeugung in Deutschland ist ein wesentlicher Treiber für die CO2-Emissionen des Landes. Knapp 170 Mio. Tonnen CO2 wurden im Jahr 2015 von deutschen Braunkohlenkraftwerken emittiert – so viel wie im gesamten Verkehrssektor. Alle Szenarien zeigen: Bis zum Jahr 2030 muss die Kohleverstromung um mehr als die Hälfte gegenüber heute verringert werden, will man die Klimaziele erreichen. Der Grund ist Marktversagen: Der EU-Emissionshandel ist von großen Überschüssen gekennzeichnet und sendet mit seinem Dauer-Tiefpreis von 5 bis 6 Euro pro Tonne CO2 nicht die Knappheitssignale aus, die das Kohlendioxid in der Atmosphäre tatsächlich hat und wie es den langfristigen Klimaschutzzielen Europas entspricht.


Grundsätzlich gibt es für die Verringerung der Kohle-Emissionen zwei Wege: Entweder der CO2-Preis im Emissionshandel steigt deutlich an oder andere Instrumente wie etwa ein Kohlekonsens, der analog zum Atomausstieg orientierter Kohlekonsens-Pfad sorgen dafür, die Auslastung oder die Leistung der Kohlekraftwerke im Markt reduzieren. Weil der EU-Emissionshandel aber auch nach der aktuell in Brüssel verhandelten Reform mittelfristig bei niedrigen Preisen verharren wird, rücken nationale Instrumente ins Zentrum der Diskussion.


Im Zusammenhang mit einem Kohleausstieg werden oft zwei berechtigte Fragen gestellt, wie jetzt auch von der FDP: Wie steht es dann um die Versorgungssicherheit? Und: Was sind die Folgen für den Strompreis, wie steht es dann um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie?


Die kurze Antwort auf alle Sorgen rund um den Ausstieg aus der Braunkohle lautet: Wenn man es richtig macht, dann sind Klimaschutz im Stromsektor, Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie gut vereinbar. Alle Untersuchungen, die von unterschiedlichsten energiewirtschaftlichen Forschungsinstituten gemacht wurden, kommen zu einem ähnlichen Ergebnis: Die Versorgungssicherheit ist auch bei einem Kohleausstieg gewährleistet, und die Effekte eines Kohleausstiegs auf den Industrie-Strompreis liegen in einer Größenordnung von etwa 2 bis 5, im Mittel bei 3 Euro je Megawattstunde.


Für eine etwas ausführlichere Antwort ist es notwendig, die Situation am Strommarkt kurz zu analysieren. Hierfür ist es wichtig, zwischen dem allgemeinen produzierenden Gewerbe und der energieintensiven Industrie zu differenzieren. Für erstere spielen nicht so sehr die Börsenstrompreise, sondern vielmehr die Netzentgelte, Abgaben, Umlagen für EEG und KWK sowie Steuern die zentrale Rolle für die Preisentwicklung. Mögliche Börsenstrompreiseffekte aufgrund eines Kohleausstiegs werden aufgrund der EEG-Konstruktion zudem abgepuffert durch den gegenläufigen Effekt, dass bei steigenden Börsenstrompreisen die EEG-Umlage sinkt. In Summe ist der Strompreis für die nicht-energieintensive Industrie in den vergangenen Jahren konstant geblieben. Nach einem Kohleausstieg wären für diese Unternehmen auch keine nachteiligen Entwicklungen zu erwarten. Zudem ist zu beachten, dass für diese Unternehmen der Strompreis nur einen Anteil von unter 3 Prozent an den Produktionskosten hat und insofern die Auswirkungen jeglicher Strompreisänderungen ohnehin äußerst begrenzt sind.


Anders verhält es sich bei der stromintensiven Industrie. Für sie sind die Strompreise an der Börse der maßgebliche Treiber für die Stromkostenentwicklung. Bei allen anderen Strompreisbestandteilen erhalten diese Unternehmen umfangreiche Privilegien, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Hier lohnt es sich also, tiefer einzusteigen und die Mechanik des Strommarkts zu verstehen, die in den Modellen der Forschungsinstitute dafür sorgt, dass ein Kohleausstieg den Börsenstrompreis nur um etwa 3 Euro je Megawattstunde erhöht. Dabei erkennt man, dass die Entwicklung der Kraftwerkskapazitäten nur ein Parameter unter vielen ist, die für die Entwicklung der Börsenstrompreise maßgeblich sind.


Die wichtigste Bestimmungsgröße für den Börsenstrompreis ist der Weltmarkt für fossile Brennstoffe. Erdgas und Steinkohle sind hier wesentlich für den deutschen Strommarkt. Denn Gas- und Steinkohlekraftwerke setzen schon heute zu mehr als 90 Prozent der Zeit den Preis im Großhandel, das ändert sich mit und ohne Braunkohleausstieg nicht grundlegend. Wenn aber, wie aktuell zu beobachten, die Preise für Steinkohle leicht steigen und für Gas leicht sinken und sich insofern die Produktionskosten von Steinkohle- und Gaskraftwerken annähern, dann hat auch ein Braunkohleausstieg nur sehr geringe Effekte.


Zweiter wesentlicher Parameter für die Großhandelsstrompreise ist der Preis für CO2-Zertifikate. Wenn der CO2-Preis steigt, steigt auch der Börsenstrompreis. Durch einen Kohleausstieg wird es jedoch nicht zu einem Anstieg der CO2-Preise kommen – im Gegenteil werden ja dann CO2-Zertifikate nicht benötigt und insofern wird der Überschuss im EU-Emissionshandelsmarkt sogar noch erhöht. Durch das neue Instrument der Marktstabilitätsreserve, die ab 2018 wirken wird, werden diese Überschusszertifikate jedoch nach und nach in der Reserve verschwinden, sodass ein Kohleausstieg auch über diesen Mechanismus keine Preiseffekte auslöst.


Dritter wichtiger Faktor ist die Entwicklung des Angebots am Strommarkt an regelbaren Erzeugungskapazitäten. Die aktuell niedrigen Preise im Großhandel reichen kaum, um die fixen Betriebskosten von Großkraftwerken zu decken. Entsprechend hoch ist der Druck, unwirtschaftliche Kraftwerke stillzulegen. Die Folge wäre eine Marktbereinigung, mit der Folge von hohen Börsenstrompreisen in Zeiten von Knappheit. Wenn das so kommt – und in der Tat erwarten dies etliche Marktakteure, vollkommen ohne einen möglichen Kohleausstieg –  hätte dies jedoch überhaupt nichts mit dem Stilllegen von Braunkohlekraftwerken zu tun, sondern mit der generellen Marktlage. Würden in einer solchen Situation mehr Braunkohlenkraftwerke als bisher erwartet aus dem Markt genommen, werden die Betreiber anderer Kraftwerke dann wiederum ihre eigenen Stilllegungsentscheidungen überprüfen. Absehbar ist, dass bei Kenntnis weiterer Stilllegungen im Segment der Braunkohle andere geplante Stilllegungen im Bereich Gas und Steinkohle zurückgestellt werden und es insofern an der Strombörse zu weniger Knappheitssituationen kommt.


Als vierter wesentlicher Treiber beeinflusst der Ausbau der erneuerbaren Energien das Angebot am Strommarkt. Hier ist zu erwarten, dass insbesondere Wind- und Solarenergie in Deutschland und Europa weiter kräftig ausgebaut werden. Entsprechend steigt die Stromproduktion in Zeiten mit viel Wind oder Sonne, was einen senkenden Effekt auf die Strompreise hat. Damit einher geht die Entwicklung, dass die Strompreise volatiler werden, denn je nach Wettersituation schwanken die Preise. Für industrielle Verbraucher wird es in Zukunft darauf ankommen, die absoluten Spitzen der volatilen Strompreise zu vermeiden und die Zeiten mit Börsenpreisen von (nahe) Null zu maximieren. Dadurch können Industrieunternehmen selbst die Strombezugskosten erheblich beeinflussen. Technische Lösungen wie Kurzfristspeicher und die intelligente Nachfragesteuerung sind anwendungsreif.


Fünftens bestimmt die Wahl des Instrumentes, das zu einer Reduktion der CO2-Emissionen aus der Kohlestromerzeugung beitragen soll, die Auswirkungen auf den Strompreis. Steigende europäische CO2-Preise führen in jeder Stunde, in der ein konventionelles Kraftwerk den Preis setzt, zu höheren Kosten der Stromerzeugung und damit zu höheren Strompreisen. Kraftwerksstilllegungen, wie in der Sicherheitsbereitschaft angelegt, wirken auch zu jeder Zeit auf Stromangebot, aber haben keinen zusätzlichen CO2-Preis-Effekt. Der im Jahr 2015 diskutierte Klimabeitrag, der selektiv nur in Zeiten hoher Einspeisung Erneuerbarer Energien bei Kohlekraftwerken einen Aufpreis zur Folge hat, hätte den geringsten zusätzlichen Einfluss auf die Preise im Stromgroßhandel.


Fazit: Die Strompreise im Großhandel in Deutschland hängen von vielen Faktoren ab, wobei die wichtigsten die künftigen Weltmarktpreise von Steinkohle und Erdgas sowie die CO2-Preise im europäischen Emissionshandel sind. Würde in Deutschland ein schrittweiser Ausstieg aus der Braunkohle beschlossen, bestimmt zudem die Wahl des Instruments die Strompreiswirkung. Die Effekte bleiben jedoch, egal bei welchem Instrument, eher gering, zumal ja der parallel stattfindende kontinuierliche Ausbau der erneuerbaren Energien dämpfende Effekte auf den Preis im Großhandel hat. Energiewirtschaftliche Strommarktmodelle sagen daher einen Strompreiseffekt von etwa 2 bis 5 Euro pro Megawattstunde voraus. Unabhängig vom Kohleausstieg gilt: Für die Industrie wird es in Zukunft vermehrt darauf ankommen, möglichst effizient mit der Ressource Strom umzugehen und möglichst flexibel auf die immer volatiler werdenden Strompreise reagieren zu können – denn je flexibler sie ist, desto öfter kann sie die niedrigen Börsenstrompreise bei viel Wind und Sonne nutzen und so ihre Kosten senken.

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