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Acht Wünsche aus der Industrie

Niklas Kouparanis ist Co-Founder und CEO der Frankfurter Bloomwell Group
Niklas Kouparanis ist Co-Founder und CEO der Frankfurter Bloomwell Group Foto: privat

Die Cannabis-Legalisierung will Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) zeitnah umsetzen. Niklas Kouparanis, Co-Founder und CEO von Deutschlands größtem Cannabis-Unternehmen, hat acht zentrale Forderungen für ein erfolgreiches Cannabis-Gesetz.

von Niklas Kouparanis

veröffentlicht am 25.05.2022

aktualisiert am 26.05.2022

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Karl Lauterbach verspricht, dass die Bundesregierung das Gesetz für die Legalisierung von Cannabis als Genussmittel noch in diesem Jahr vorlegt und dass Burkhard Blienert, seines Zeichens Drogenbeauftragter der Regierung, dafür Fachgespräche mit Experten führen wird. Vollkommen richtig, denn die Legalisierung gelingt nur, wenn Industrie und Politik an einem Strang ziehen. Schlussendlich – das sind die Lehren aus den Cannabis-Märkten in Übersee sowie aus dem holprigen Start in den medizinischen Markt im März 2017 – steht und fällt die Akzeptanz des legalen Genussmittelmarktes mit der zuverlässigen flächendeckenden Versorgung zu Preisen, die sich am illegalen Markt orientieren. Dies kann die Industrie aber nur gewährleisten, wenn die regulatorischen Rahmenbedingungen im Vorfeld realistisch definiert werden.

Acht zentrale Forderungen aus Sicht der Industrie auf dem Weg zum erfolgreichen Cannabis-Gesetz:

1. Zeit gewinnen: Die Bundesregierung muss das Rad nicht gänzlich neu erfinden. Sie kann sich am aktuellen Entwurf des Cannabis-Kontrollgesetzes der Grünen (2015/2018) sowie am Gesetz „Cannabis als Medizin“ orientieren, um den Aufwand zu verringern. Anpassungen sind allerdings dringend erforderlich.

2. Online-Handel: Um die flächendeckende Versorgungssicherheit zu gewährleisten, ist der Online-Versandhandel unentbehrlich, der im Gesetzesentwurf der Grünen nicht zugelassen wird. Andernfalls droht der illegale Markt in die Peripherie abzuwandern; stationäre Fachgeschäfte tragen sich wirtschaftlich dort kaum. Ein mahnendes Beispiel: Aufgrund der lückenhaften Verkaufsinfrastruktur dauerte es in Kanada zwei Jahre, bevor der legale Markt den illegalen eingeholt hatte. Was wiederum online möglich ist, zeigen hierzulande Erfahrungen aus der Telemedizin mit medizinischem Cannabis.

3. Importe zulassen: Die Engpässe aus der Anfangszeit im medizinischen Cannabismarkt sind Brancheninsidern nur allzu gut in Erinnerung. Die Industrie wird Versorgungssicherheit nur gewährleisten können, wenn Importe möglich sind und die regulatorischen Abläufe dafür mit ausreichend Vorlauf bekannt gegeben werden. Immerhin prognostiziert der Ökonom Justus Haucap einen Bedarf von 400 Tonnen Cannabis jährlich. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr wurden etwa 20 Tonnen medizinisches Cannabis nach Deutschland eingeführt.

4. Rechtzeitige Bekanntgabe aller Lizenzierungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette: Welche Schulungen müssen die Fachverkäufer in den Shops durchlaufen? Unter welchen Bedingungen dürfen Unternehmen hierzulande Cannabis kultivieren und nach welchen Standards? Welche Voraussetzungen gelten für das Eröffnen eines Fachgeschäfts: Die Industrie benötigt Vorlauf, um die Versorgung gleich zum Startschuss stemmen zu können.

5. Vorhandene Daten nutzen: Wenn Fachverkäufer „aufklären“ sollen, beruht diese vor allem auf „Wissen“. Nun sind Fachverkäufer zwar keine Mediziner:innen, aber: Die Behandlung von Patient:innen in den letzten fünf Jahren hat in Deutschland viele Erkenntnisse über Cannabis, Dosierungen und Nebenwirkungen geliefert. Diesen empirischen Datenschatz muss die Politik für die Schulung der Fachverkäufer nutzen.

6. Steuern: In Kanada und Nordamerika konnte sich der illegale Markt lange Zeit auch behaupten, weil die Preise im legalen Markt höher waren. Solange der illegale Markt nicht austrocknet, können Jugendliche dort aber ohne vorherige Alterskontrolle Cannabis erhalten. Ziel sollte daher analog zum illegalen Markt ein Abgabepreis von zehn Euro sein. Um diesen zu erreichen, erscheint eine steuerliche Belastung von vier Euro je Gramm als realistisch, damit die Industrie die Wertschöpfungskette unternehmerisch abbilden kann.

7. Gründlichkeit: Formfehler hatten den ersten Anlauf der Lizenzvergabe für den Anbau von medizinischem Cannabis scheitern lassen. Umso wichtiger, diesmal auf jedes Detail zu achten. Unentbehrlich dafür: Kompetente rechtliche Expertise für die Mammutaufgaben auf europäischer und internationaler Ebene. Ein vollumfänglich legalisierter Cannabis-Markt innerhalb der Europäischen Union ist Neuland. Deutschland hat die historische Chance einen Paradigmenwechsel der weltweiten Cannabis-Regulierung anzustoßen.

8. So viel Bürokratie wie erforderlich, aber so wenig wie möglich: Schließlich wird – ganz im Gegenteil zu den Niederlanden, Luxemburg oder Malta – die gesamte Wertschöpfungskette legalisiert; der einzige Weg, um Sicherheit der Produkte, Aufklärung und Jugendschutz zu gewährleisten und Verbraucher aufzuklären. Eine Faustformel, um diese Ziele zu erreichen: Bürokratie so gestalten, dass sie maximal zum Erreichen dieser Ziele beiträgt, zugleich die für das Einhalten erforderlichen Ressourcen minimiert. Auf dem Weg zum legalen Cannabis-Genussmittelmarkt ist die große Kunst, Pragmatismus mit Gründlichkeit und Nachhaltigkeit zu vereinen.

Niklas Kouparanis ist Co-Founder und CEO der Frankfurter Bloomwell Group, die mit 250 Mitarbeiter:innen Deutschlands größtes Cannabis-Unternehmen ist.

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