Porträt Bettina Hoffmann

Bettina Hoffmann
Bettina Hoffmann, Sprecherin für Umwelt und Umweltgesundheit der Grünen , Bündnis 90 / Die Grünen (Foto: Anja Dorny)

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Dass das Klima in der Gesellschaft rauer wird, musste Bettina Hoffmann Anfang des Jahres am eigenen Leib erfahren. Die gebürtige Hessin, die für die Grünen im Gesundheitsausschuss sitzt, erhielt als eine von sechs Politikern ein anonymes Schreiben. Ihm beigelegt war eine Patronenhülse  eine klare Morddrohung. Beschwerden und Beschimpfungen höre ich nicht selten als Politikerin, aber so etwas in der Form habe ich noch nicht erlebt, sagt Hoffmann. Davon einschüchtern lassen wolle sie sich jedoch nicht. Die Polizei ermittelt.  

Hoffmann ist Sprecherin für Umweltpolitik und Umweltgesundheit der Grünen. Gesundheit hängt von vielen Faktoren ab, die über die reine Medizin hinausgehen”, sagt sie. Denn Gesundheit, Umwelt und Wohlstand hängen eng zusammen, so die Grünen-Politikerin. „Gesundheitsbelastungen sind ungleich verteilt. Von Armut betroffene Menschen sind diesen häufiger ausgesetzt – beispielsweise, weil sie in Gebieten wohnen müssen, die stärker lärm- und schadstoffbelastet sind. Umweltgerechtigkeit ist das Schlagwort, unter dem Hoffmann einen fairen Zugang zu gesunder Umwelt für alle schaffen möchte.  

Chemikalien greifen in den Hormonhaushalt ein 

Grüne ist Hoffmann nach eigener Aussage von Berufs wegen. In Marburg studierte sie Biologie, es folgte die Promotion. In den Jahren nach dem Studium leitet Hoffmann ein mikrobiologisches Labor, in dem menschliche Gewebeproben auf Krankheitserreger untersucht werden. Als das Labor 1997 verkauft wird, wechselt sie in die Umweltagentur ihres Mannes. Parallel ist Hoffmann für die Grünen auf kommunaler Ebene aktiv, später als Landesvorstand der hessischen Grünen. 2017 wird sie als Abgeordnete in den Bundestag gewählt.  

Im Gesundheitsausschuss befasst sich Bettina Hoffmann mit Themen mit Umweltbezug. Darunter fallen etwa der Umgang mit Umwelthormonen, die in vielen Alltagsgegenständen enthalten sind, und mit den Folgen des Klimawandels. So stehen Umwelthormone, sogenannte Endokrine Disruptoren, im Verdacht, beim Menschen bestimmte Krankheiten auszulösen, da sie in den Hormonhaushalt des Menschen eingreifen können. Wissenschaftliche Untersuchungen legen einen Zusammenhang zwischen bestimmten Umwelthormonen und Erkrankungen wie beispielsweise Krebs, Diabetes und Alzheimer sowie sinkender Fruchtbarkeit nahe.  

Erderwärmung als Gesundheitsrisiko  

Viele dieser Chemikalien sind in der EU bereits reguliert  nicht immer aufgrund ihrer hormonverändernden Wirkung, teilweise auch wegen anderer Gefahren. Das reicht Hoffmann jedoch nicht: Wir brauchen in der EU-Chemikaliengesetzgebung schärfere Regelungen. Viele Stoffe können nicht in der Umwelt abgebaut werden und reichern sich dort und im menschlichen Körper mit nicht kalkulierbaren Folgen an. Die Industrie muss umfassende Daten zu diesen Stoffen bereitstellen bevor sie auf den Markt kommen oder, wenn neue Erkenntnisse vorliegen, diese auch vom Markt nehmen.  

Ein Risiko für die öffentliche Gesundheit sieht Bettina Hoffmann auch in den Folgen des Klimawandels. Die Menschen leiden unter den steigenden Temperaturen, die aus der Klimakrise folgen. Ein Problem dabei ist nicht nur die Hitze selbst, sondern auch die verlängerten Pollenflugzeiten. Wenn es wärmer wird, blühen Pflanzen länger und auch die Pollenmenge nimmt zu. Das heißt, es wird voraussichtlich mehr Allergien geben und Allergiker sind den Pollen stärker über einen längeren Zeitraum ausgesetzt. Hinzu kommen Pollen von Pflanzen, die es bisher in unseren Breiten nicht gab. Mehr als jeder dritte Deutsche ist im Laufe seines Lebens von einer Allergie betroffen  für Hoffmann eine bagatellisierte Volkskrankheit.  

Gesundheit in allen Politikbereichen 

Das alles sind für Bettina Hoffmann Beispiele dafür, dass es sinnvoll ist, Gesundheit als Ganzes zu denken. Health in All Policies, also Gesundheit in allen Politikbereichen, ist das politische Konzept hinter dieser Herangehensweise: Gesundheitspolitik muss ressortübergreifend und präventiv denken. Das hieße, etwa die Ursachen der Klimakrise zu bekämpfen und gesundheitliche Faktoren beim Städtebau und der Ernährungspolitik zu berücksichtigen. Im Gesundheitsausschuss wird dieser Ansatz bisher viel zu wenig thematisiert. 

Digitale Technologien können nach der Auffassung von Hoffmann einen solchen ganzheitlichen Ansatz unterstützen. So können Smartphone-Apps Allergiker über Pollenflugzeiten informieren und Patienten an die Einnahme von Medikamenten erinnern.  Die Einführung der elektronischen Patientenakte hält Hoffmann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht für sinnvoll. Beim Datenschutz und Selbstbestimmungsrecht über die Daten gibt es noch viel Klärungsbedarf. Der Patient muss selbst bestimmen dürfen, wer Einsicht in die Akte erhält, welche Daten in die Akte können und wie Inhalte gelöscht werden dürfen.   

Insgesamt warnt Hoffmann davor, in der Digitalisierung ein Allheilmittel für die Probleme im Gesundheitswesen zu sehen: Die Digitalisierung kann ein Instrument zur Lösung von Sachfragen sein. Als Werkzeug muss die Digitalisierung daher gut konfiguriert und organisiert sein. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass digitale Technologien sehr energieintensiv sein können. Den digitalen Wandel müssen wir daher möglichst datensparsam und auf der Basis erneuerbarer Energien gestalten. Friederike Moraht

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