Standpunkt Das Geschäft mit Produkt-Fälschungen

Verbraucher bestellen in der Pandemie immer mehr online – ein Trend, der bleiben wird, meint Anna-Kristine Wipper von der KPMG Law Rechtsanwaltsgesellschaft. Fälscher von Gesundheitsprodukten nutzen dies, bereichern sich und gefährden dadurch auch Menschenleben. Verbraucher sollten auf entsprechende Warnzeichen achten.

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Gefälschte Arzneimittel und Medizinprodukte können die Gesundheit und sogar das Leben von Verbrauchern gefährden. Schätzungen zufolge führt der Gebrauch von gefälschten Medikamenten jährlich weltweit zum Tod von einer Million Menschen.

Im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie spielt den skrupellosen Fälschern die plötzliche Nachfrage nach bestimmten Artikeln in die Karten. Hinzu kommt die Angst der Verbraucher, nicht ausreichend versorgt zu werden. Diese Erkenntnis hat wohl jeden ereilt, der einmal vor leergekauften Regalen im örtlichen Supermarkt gestanden hat. Medizinische Schutzmasken waren tagelang in Apotheken und Drogerien ausverkauft, während die Lieferzeiten auf Online-Handelsplätzen abenteuerlich lang erschienen. Später kam der Kampf um die wenigen erhältlichen Schnelltests hinzu. Ganz preiswert sind die FFP2-Masken und Schnelltest für den einmaligen Gebrauch zudem nicht. 

Produktpiraterie stellt eine wachsende globale Herausforderung für alle Marktteilnehmer dar. Der Onlinehandel eröffnet dabei immer neue und grenzüberschreitende Vertriebswege. Gefälschte Produkte werden häufig (aber bei weitem nicht immer!) im Ausland hergestellt und von dort versandt. Oft sind die Täter technisch sehr gut ausgerüstet, schnell und geübt in der Verschleierung ihrer Identität

Aufwändige Nachahmungen

Kein Aufwand ist den Fälschern zu hoch. Um sich und ihren Produkten einen seriösen Anschein zu geben, werden Zertifikate und andere Angaben mit viel Mühe und Geschick gefälscht. Selbst Fachleute fallen auf die Täuschung herein. Für den Verbraucher ist es zum Teil unmöglich, eine Fälschung vom Original zu unterscheiden. Und so floriert der Handel mit den illegalen Produkten. Schon im zweiten Quartal 2020 konnte die Staatsanwaltschaft Koblenz 11.000 gefälschten FFP2-Masken beschlagnahmen und zum Glück die dahinterstehenden Täter gleich mit festnehmen. Dies blieb bei weitem nicht der einzige Fall. Inzwischen mehren sich zweifelhafte Angebote von angeblichen Corona-Impfstoffen, wie zuletzt der Tagesschau zu entnehmen war. 

2019 haben Zollbehörden an den Außengrenzen der Europäischen Union rund 90.000 gefälschte Waren beschlagnahmt. Dies entspricht Umsatzverlusten in Höhe von circa 83 Milliarden Euro für die betroffenen Unternehmen. Produkte des täglichen Bedarfs und Produkte, die Gefahren für die Gesundheit und Sicherheit von Verbrauchern bergen (neben Arzneimitteln auch Lebensmittel und andere Produkte) machten dabei über ein Drittel der Gesamtmenge aus.

Schutz vor Fälschungen

Für verschreibungspflichtige Medikamente greifen deshalb seit Februar 2019 in der Europäischen Union besondere Schutzmaßnahmen. Aufgrund der europäischen Fälschungsschutzrichtlinie wurde ein IT-basiertes Schutzsystem erschaffen. Dieses besteht aus zwei Komponenten, nämlich zum einen einer einmalig vergebenen Identifikationsnummer für jede abgegebene Medikamentenpackung und zum anderen aus einem Erstöffnungsschutz, der wie ein Siegel verhindern soll, dass Packungen unbemerkt geöffnet und mit einem dafür nicht vorgesehenen Produkt befüllt werden. Vor Abgabe des Medikaments an den Patienten wird die Identifikationsnummer eingescannt und mit einer zentralen Datenbank abgeglichen. So wird sichergestellt, dass es sich um ein Original handelt, das auf dem vorgesehenen Vertriebsweg bis zum Patienten gelangt.

In Deutschland wird dieses System von der Organisation securPharm betrieben. Große Verbände der Pharmaindustrie, der Pharmagroßhändler und der Apotheker tragen diese Organisation, denn die europäische Richtlinie sieht vor, dass die Hersteller gemeinsam mit allen anderen Akteuren der Lieferkette die Vorgaben umsetzen müssen. Diese Akteure tragen auch den Aufwand und die Kosten für die Umsetzung. 

Mit wenigen Ausnahmen besteht dieser besondere Schutz für alle verschreibungspflichtigen Medikamente. Verbraucher sollten sich also darüber im Klaren sein, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht, wenn verschreibungspflichtige Medikamente ohne Vorlage eines Rezepts abgegeben werden sollen – womit manche Produktfälscher online nämlich werben. 

Online-Apotheken, die in Deutschland tätig sind, müssen als Internetapotheke zugelassen sein. Als solche werden sie im öffentlich zugänglichen Versandapothekenregister aufgeführt. Zugelassene Internetapotheken müssen das hierfür vorgesehenen EU-Sicherheitslogo abbilden. Aber auch hier gilt es, vorsichtig zu sein! Denn illegale Apotheken nutzen nicht selten das kopierte Icon des Sicherheitslogos. Nur wenn der Klick auf das EU-Sicherheitslogo zu den Angaben des Webshop-Betreibers im Versandapothekenregister führt, ist gesichert, dass es sich um einen zugelassenen Händler handelt.

Corona-Turbo

Die Digitalisierung schreitet weltweit voran. Während in Deutschland 1999 lediglich 1,6 Milliarden Euro Umsatz über E-Commerce gemacht wurden, stieg dieser Umsatz 2019 bereits auf 59,2 Milliarden Euro.  Dieser Trend erfährt durch die anhaltende Pandemie einen zusätzlichen Turbo.

Der Online-Handel bietet verlockende Möglichkeiten sowohl für Käufer wie für Verkäufer. Verbraucher gewöhnen sich an die Bequemlichkeit des Online-Shoppings – und Fälscher können ihre Produkte unabhängig vom Standort und der Sprache der Verbraucher anbieten, ohne ihre wahre Identität erkennen zu geben. Neue Vertriebskanäle entstehen durch immer weitere Plattformen, Social Media und App Stores.

Der fortdauernde Lockdown führte selbstverständlich dazu, dass Verbraucher mehr online bestellen. Dieser Trend wird sich auch nach der Pandemie nicht umkehren. Verbraucher sind belastet durch Jobverluste und Lohneinbußen. Das macht sie empfänglicher für günstigere Angebote und lässt sie so gegebenenfalls auch bewusst Fälschungen kaufen. Hier ist gezielte Aufklärung dringend erforderlich, um Gesundheitsgefahren rechtzeitig zu begegnen. 

Dr. Anna-Kristine Wipper ist Partnerin bei der KPMG Law Rechtsanwaltsgesellschaft mbH.

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