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Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Das Ziel ist richtig, der Weg ist es nicht

Anke Schlieker ist Projektleiterin Gesundheitsversorgung im Berliner Büro des Verbandes der Privaten Krankenversicherung (PKV)
Anke Schlieker ist Projektleiterin Gesundheitsversorgung im Berliner Büro des Verbandes der Privaten Krankenversicherung (PKV) Foto: PKV

Deutschland ist gut darin, für aufgekommene Probleme schnelle Lösungen zu präsentieren – die dann aber separat aufgesetzt, durch den Beitragszahler finanziert und deren Angebote aber häufig nicht bekannt sind und viel zu selten genutzt werden. Im Standpunkt spricht sich Anke Schlieker vom PKV-Verband unter anderem dafür aus, bestehende Angebote in kommunalen Strukturen vor Ort bei den Gesundheitsämtern zusammenzuführen.

von Anke Schlieker

veröffentlicht am 20.09.2022

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Eine Mischung aus Informationsbüro und Nachbarschaftstreff, mit einem starken Bezug zur Gesundheit, so könnte man den Gesundheitskiosk in Hamburg Billstedt beschreiben. Ein Quartier, das in den 70ern als Neubaugebiet entstanden ist, mit einem hohem Migrations- und Sozialhilfeanteil, der über dem Durchschnitt Hamburgs liegt. Die Beratung findet durch Krankenschwestern mit einem akademischen Abschluss, zum Beispiel einem Pflege-, Gesundheits- oder Sozialpädagogikstudium in mehreren Sprachen statt: Neben Deutsch auch Englisch, Türkisch, Persisch, Russisch oder Polnisch.

Am häufigsten wird zu Übergewicht, Diabetes oder Rückenschmerzen beraten. Die Nutzerinnen und Nutzer werden je zur Hälfte vom Arzt geschickt, die Beratung ist dann quasi „verschrieben“, was die Nutzung erhöht und den Arzt entlastet. Der Rest kommt einfach so durch die Tür, die fast immer offensteht. Sofern erforderlich, werden Arzttermine vereinbart, bei Ärzten, die ihre Praxis im Umfeld haben und mit den Kiosken kooperieren. Nicht nur ins Gesundheitssystem wird vermittelt, sondern weit darüber hinaus: Die Mitarbeiterinnen geben Tipps, wer bei welcher Frage hilft, welches Amt oder welche Institution zuständig ist, auch zu sozialen Fragen, wie etwa Arbeitslosengeld, Sozialhilfe, Familienhilfen oder Pflege.

Ein prima Projekt, mit guten Ergebnissen. Die Nutzerinnen und Nutzer bescheinigen dem Angebot eine hohe Zufriedenheit. Die Häufigkeit von Notfallaufnahmen ist zurückgegangen, weil Patienten rechtzeitig zum ambulanten Arzt geschickt oder vorbeugend beraten wurden. Ob sich die Kioske langfristig rechnen, kann noch nicht abschließend gesagt werden, führt der Evaluationsbericht aus. Im Moment noch sind die Ergebnisse widersprüchlich, der Interventionszeitraum zu kurz. Dennoch gibt es ein positives Votum des Gemeinsamen Bundesausschusses, das Projekt in die Regelversorgung zu überführen. Minister Lauterbauch macht sich dafür stark: Wir sollten davon lernen und es ausrollen: bundesweit, in allen Regionen und es möglichst vielen Menschen zugänglich machen. Der Bedarf ist schließlich enorm.

Viele, unbekannte Angebote

Deutschland ist gut darin, für aufgekommene Probleme schnelle Lösungen zu präsentieren. Am besten separat aufgesetzt, staatlich implementiert und durch den Beitragszahler finanziert. Ein neues Amt, neues Personal, neue Telefonnummern, Geschäftsstellen und Internetauftritte. So sind in den letzten Jahren zahlreiche Angebote entstanden, die aber häufig nicht bekannt sind und viel zu selten genutzt werden – darunter:

  • Die Unabhängige Patientenberatung bietet telefonisch und bundesweit in dreißig regionalen Beratungsstellen unabhängige und kostenfreie Beratung rund um das Thema Gesundheit und Patientenrechte – auch in den Sprachen Russisch, Türkisch und Arabisch.
  • Die Hotline 116117 hilft bei der Vermittlung eines Arzttermins, etwa beim Kardiologen oder Psychotherapeuten. Außerdem kann sie bei leichten Notfällen den Kassenärztlichen Bereitschaftsdienst vorbeischicken, falls ein Arzt gebraucht wird, aber kein Krankenhaus.
  • Psychologische Unterstützung bei einer Krebsdiagnose ist Mangelware, ambulante Therapieplätze rar. Und dennoch weiß kaum einer von den rund 160 ambulanten psychosozialen Beratungsstellen, die bundesweit betroffenen Patientinnen und Patienten bei psychologischen und sozialen Problemen weiterhelfen.
  • Sie wollen mit dem Rauchen aufhören? Da gibt es eine kostenlose Hotline der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).
  • Sie möchten abnehmen oder sich zum Thema Ernährung beraten lassen? Fragen Sie Ihre Krankenkasse. Die hat häufig eigene, kostenfreie Kurse oder Einzelberatungen für Sie oder vermittelt entsprechend weiter.
  • Sie wollen sich unkompliziert impfen lassen gegen Grippe, Masern, Mumps, Röteln, Kinderlähmung oder Tetanus? Fragen Sie Ihr Gesundheitsamt! Und lassen Sie sich nicht irritieren, wenn Sie dort zum Schulärztlichen Dienst geschickt werden. Die impfen auch Erwachsene gern.
  • Unterstützung für junge Mütter, bei Überforderung oder bei familienspezifischen Problemen: Fragen Sie bei den Sozialen Diensten Ihres Bezirksamtes. Häufig gibt es kostenfreie Mütter- und Familienberatungsstellen und Frühe Hilfen.

Die Lösung liegt im Weniger

Die Kosten pro Kiosk liegen bei 600.000 bis 700.000 Euro, teilweise ist die Rede von einer Million Euro. Für alle 1.000 geplanten Kioske kommen pro Jahr Gesamtkosten von circa einer halben bis eine Milliarde Euro zusammen. Bezahlen sollen es die Krankenversicherungen, gesetzlich und privat. Und damit die Beitragszahler. Denn der Staat hat ja kein Geld. Die Kassen eigentlich auch nicht, aber das scheint keine Rolle zu spielen. Dann erhöhen wir eben die Beitragssätze, angesichts der hohen Inflation, der massiven Energie- und Gaspreisexplosion ist das doch auch noch zu verkraften. Die Sozialabgaben in Deutschland sind zwar schon die zweithöchsten weltweit, aber das hält unsere Entscheider nicht ab. Wirklich?

Wenn das Verkehrsnetz so kompliziert geworden ist, dass keiner mehr den Weg nach Hause findet, schreiben wir doch auch nicht noch eine weitere Wegbeschreibung dazu. Sondern wir versuchen, das Leitsystem zu vereinfachen, um den Menschen die Heimkehr einfacher zu machen. Warum sind solch naheliegende Lösungen im Gesundheitswesen so fern? Wir brauchen doch nicht immer mehr Institutionen, die nebeneinanderher arbeiten und bei denen es inhaltlich viele Überschneidungen gibt. Und die sich in Zeiten des Fachkräftemangels obendrein die rar gewordenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gegenseitig abwerben. 

Die Lösung liegt nicht im Mehr, sondern im Weniger! Denn die Wahrheit ist, dass nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund unser historisch gewachsenes Sozialsystem mit den vielen Zuständigkeiten und Institutionen, Anträgen, Formularen und Fristen nicht verstehen. Hier Geborenen geht es häufig nicht besser.

Der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) soll doch reformiert werden, unter Führung eines neuen Public-Health-Instituts, das die BZgA ablösen soll. Gestärkt soll er werden, mehr Mitarbeiter erhalten, sich um kommunale Gesundheitsstrukturen kümmern, niedrigschwellige medizinische und gesundheitsbezogene Beratungsangebote bereitstellen. So steht es im Koalitionsvertrag. Der Pakt für Prävention sieht hierfür vier Milliarden Euro vor, die in den nächsten Jahren fließen sollen. Das Konzept wird von vielen Playern im Gesundheitswesen und der Public-Health-Branche unterstützt. Genau dort sind doch die Aufgaben der Gesundheitskioske inhaltlich gut aufgehoben.

Wäre es da nicht zielführender, in kommunalen Strukturen vor Ort bei den Gesundheitsämtern bestehende Angebote zusammenzuführen, einen Überblick und entsprechende Vermittlung anzubieten? Effizient, transparent und regional organisiert?

Hier sollten wir ansetzen, Energie und Kräfte bündeln, entbürokratisieren und endlich wirklich mal den Patienten, den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Das ist ein Weg, über den wir intensiv und konstruktiv diskutieren sollten, im Interesse unserer Bürgerinnen und Bürger, unserer Nachbarn, Freunde, Familien. Es geht uns alle an. Es geht um die Frage, wie wir verantwortungsvoll unsere Gesellschaft zukunftsfähig gestalten und finanzieren können.

Dr. Anke Schlieker ist Projektleiterin Gesundheitsversorgung im Berliner Büro des Verbandes der Privaten Krankenversicherung (PKV).

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