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Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Der „amazonisierte“ Patient

Janine Peine, Steuer- und Fachberaterin im Gesundheitswesen
Janine Peine, Steuer- und Fachberaterin im Gesundheitswesen Foto: ETL ADVISION

Mit einer digitalisierten Praxis sind Ärzte attraktiver für Patienten, die längst E-Health-Lösungen fordern, und Nachfolger, die von modernen Strukturen profitieren. Das meint Janine Peine, Expertin für das Gesundheitswesen bei ETL ADVISION. Die Steuerberatung veröffentlicht heute eine Umfrage, die deutlich machen soll, dass die Digitalisierung in Praxen mehr ist als die Telematikinfrastruktur.

von Janine Peine

veröffentlicht am 28.01.2022

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Die Digitalisierung in Deutschlands Arztpraxen kommt nur langsam voran und stellt die Geduld aller Beteiligten auf die Probe. Besonders die Ärzteschaft fordert eine zügige Bestandsaufnahme sowie eine stärkere Involvierung in die Entwicklung der Gematik. Der Königsweg ist noch nicht gefunden. Und doch bringt die Digitalisierung den Medizinern auch Vorteile, die allerdings oft nicht ausreichend erkannt werden. Zu sehr wird in den Arztpraxen die Digitalisierung auf die Telematikinfrastruktur (TI) beschränkt und die tatsächliche Entwicklung der Digitalisierung mitsamt der Möglichkeiten unterschätzt.

Zu diesem Ergebnis kommen wir von ETL ADVISION, einer Steuerberatungsgruppe im Gesundheitswesen, aufgrund der Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage des Markt- und Meinungsforschungsinstituts Civey unter 200 niedergelassenen Ärzten in Deutschland. Die Auswertung der Umfrageergebnisse ist dem heute veröffentlichten ETL ADVISION-Meinungsbarometer „Der amazonisierte Patient“ zu entnehmen. Demnach hat längst ein digitaler Wandel im Gesundheitswesen begonnen, der von den Patienten auch nachdrücklich gefordert und sich langfristig unweigerlich durchsetzen wird. Ärzte können profitieren, wenn sie diesen Trend und die vollumfängliche Bedeutung für die Praxis rechtzeitig erkennen und ihr Handeln daran zukunftsorientiert ausrichten. Ein Blick auf den Veränderungsprozess zur Digitalisierung im Einzelhandel kann hierfür ein Impulsgeber sein.

Das Gesundheitswesen ist nicht die erste Branche, die sich durch veränderte Bedürfnisse der Bevölkerung neu erfindet. Den Weg in die Digitalisierung hat vor geraumer Zeit bereits der Einzelhandel sowohl durchschritten als auch durchlitten. Der Siegeszug des E-Commerce durch das veränderte Kundenverhalten hat längst begonnen. Regionale Einzelhändler mussten ihre Verkaufsprozesse anpassen, um konkurrenzfähig zu bleiben und um dem Kunden anzubieten, was er wünscht. Eine ähnliche Veränderung der Bedürfnisse ist auch bei Patienten erkennbar, die die Vorzüge von digitalen Angeboten im Gesundheitswesen immer mehr wahrnehmen und zu schätzen wissen. Denn zunehmend alle Lebensbereiche sollen flexibel und zeitsparend gestaltet werden können. Dieser Wunsch macht auch vor der Gesundheitsversorgung nicht Halt, nur macht sich unser Gesundheitswesen erst jetzt auf den Weg, den der Einzelhandel bereits gegangen ist. Das Ergebnis ist jedoch klar: Die E-Commerce-Kunden werden zu E-Health-Kunden – Tendenz steigend.

Eine Chance für die Niedergelassenen

Diese Entwicklung als niedergelassener Mediziner wahrzunehmen eröffnet die Möglichkeit, sich rechtzeitig an die veränderten Wünsche der Patienten anzupassen. Vorteilhaft ist ein anderer Blickwinkel auf digitale Angebote in der Praxis, unabhängig von den praktischen Umsetzungsschwierigkeiten der TI. Profitieren werden Mediziner mit einer modernen, digitalen Arztpraxis sogar mehrfach, wenn man bedenkt, dass die sogenannten „amazonisierten“ Patienten auch mögliche Mitarbeiter und Berufskollegen sind. Doch scheinen diese Vorteile oft unterschätzt oder gar nicht wahrgenommen. Die Wünsche der Patienten und die Veränderungsbereitschaft von Medizinern entwickeln sich zurzeit nicht in gleichem Maße. Dabei birgt die Digitalisierung viele Möglichkeiten, um sich als moderne und innovative Arztpraxis zu positionieren.

Digitale Angebote in Form von Videosprechstunden werden laut Einschätzung der befragten Ärzte bei 56,3 Prozent der IT-affinen Patienten genutzt. Die Entfernung zum Wohnort wird von 43 Prozent und Zeitmangel bei 39,9 Prozent der Patienten als Grund für die Nachfrage genannt. Die gesundheitliche Verfassung ist überraschenderweise kaum als Indikator genannt. Im Ergebnis sind die Wünsche der Patienten nach zeitsparenden und ortsungebundenen technischen Lösungen für ihre Gesundheitsversorgung vergleichbar mit den Wünschen der E-Commerce-Kunden. Und diese Wünsche werden zahlreicher und lauter.

Denn die Vorteile von alltagstauglichen digitalen Angeboten rund um die Gesundheit werden ja auch stetig interessanter, wodurch eine Rückkehr zu ausschließlich analogen Kommunikationswegen quasi unmöglich wird. Neben der Gewinnung neuer Patientengruppen wird durch eine innovative Praxisführung auch die Attraktivität als Arbeitgeber gesteigert. In Zeiten des Fachkräftemangels ist das ein starkes Argument, um sich die Möglichkeiten der Digitalisierung für die eigene Praxis in ihrer Bandbreite bewusst zu machen.

Eine attraktive Praxis lockt Nachfolger

Nur scheinen die Vorteile von E-Health-Lösungen für den Großteil der Mediziner noch nicht bis in alle Einzelheiten erkennbar, bringt doch die politisch getriebene Pflicht zur TI mit all ihren technischen Tücken zurzeit mehr Gram als Freude. Doch zumindest 37,7 Prozent der befragten Ärzte geben an, in digitalen Angeboten eine Möglichkeit zur Verbesserung der ärztlichen Versorgung zu sehen. Vorteile für die eigene Praxis durch Zeitgewinn sehen nur 15,6 Prozent der befragten Ärzte. Eine Steigerung der Praxisattraktivität (11,3 Prozent) oder Honorarsteigerungen (10,6 Prozent) werden ebenfalls kaum genannt.

Dabei kann eine moderne und digitale Praxis durchaus Auswirkungen auf die wirtschaftliche Situation haben, können doch nicht unerhebliche freie Zeitressourcen bei Mitarbeitern und Medizinern geschaffen werden. Zusätzlich darf die Steigerung der Praxisattraktivität bei der Suche nach Fachkräften oder Praxisnachfolgern nicht vernachlässigt werden. Haben Mitarbeiter erstmal IT-unterstützt gearbeitet, wird eine Rückkehr in die analoge Arbeitswelt nicht mehr erfolgen. Somit wird eine innovativ arbeitende Praxis bei Bewerbern stets die Nase vorn haben.

Medizinern sollte bewusst sein, dass der digitale Wandel unabwendbar ist. Es ist ratsam, aus der Pflicht eine Tugend zu machen und sich der Entwicklung nicht zu verschließen. Das ETL ADVISION-Meinungsbarometer versteht sich hierbei als eine Aufforderung zum Umdenken und Handeln.

Janine Peine ist Steuerberaterin bei ETL ADVISION.

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