Standpunkt Der Schlüssel zur Evidenzgenerierung

Stress sollte als Teil des Lebens akzeptiert und Maßnahmen ergriffen werden, um ihn beherrschbar zu machen, schreibt Matthias Puls, Geschäftsführer des Start-ups Kenkou im Standpunkt. Eine neue Interpretation einer Technologie aus der Raumfahrt soll die Analyse von Vitaldaten in der Stressbewältigung nutzbar machen.

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Stress ist die neue Volkskrankheit. Zu diesem Ergebnis kam der Gesundheitsreport 2020 der Techniker Krankenkasse, der Anfang des Jahres veröffentlicht wurde. Seit fünfzehn Jahren wächst die Zahl der stressbedingten AU-Tage kontinuierlich an; 2019 ließ sie erstmals die rückenbedingten Fehltage hinter sich und ging mit einem Plus von 2,9 Tagen in Führung. Das ist nicht nur schlimm für die Betroffenen, sondern auch teuer für das Gesundheitswesen. Denn Stress, das ist inzwischen belegt, gilt als Einfallstor für schwere Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, für psychische Krankheiten und Krebs. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass Arbeitgeber wie Kassen Interesse daran haben, Stress präventiv zu begegnen. Doch Stress ist ein individuelles, mehrdimensionales Thema, das sich nicht mit der „Gießkanne“ behandeln lässt. Es braucht die intensive Beschäftigung mit dem Betroffenen, sprich: Auch Prävention kostet Zeit. Und damit Geld. Digitale Medizinprodukte könnten dazu beitragen, die Kosten im Griff zu behalten beziehungsweise zu senken. 

Seit etwa sechs Jahren befasst sich die eHealth-Branche hierzulande mit dem Thema Stressbewältigung; Yoga-, Meditations- und Achtsamkeits-Apps erlebten bereits vor Covid-19 einen regelrechten Boom. Die Pandemie und der Umgang mit ihr hat die Nutzung dieser Applikationen noch einmal befeuert. Und hat auch bei Vertretern des Betrieblichen Gesundheitsmanagements für Aufmerksamkeit gesorgt. Auch das Ende 2019 in Kraft getretene Digitale-Versorgung-Gesetz (DGV), das neue Erstattungswege aufzeigt, hat seinen Anteil an der wachsenden Attraktivität digitaler Anti-Stress-Angebote für Unternehmen. Allerdings sind nur jene Produkte erstattungsfähig, deren positiver Versorgungseffekt belegt werden kann. Und das können Anbieter Stand heute bislang nicht oder kaum mit belastbarem Zahlenmaterial untermauern, denn sie verfügen nicht über relevante Vitaldaten ihrer Nutzer. Doch genau diese sind der Schlüssel zur Evidenzgenerierung.

Erfahrungen aus PTBS und der Raumfahrt

Als Berliner Start-up Kenkou beschäftigen wir uns mit der Analyse von kardiovaskulären Vitaldaten. Eine komplett integrierbare Software für Gesundheits-Apps analysiert mittels Smartphone-Kamera unter anderem den Stress-Biomarker „Herzratenvariabilität“, indem sie die Pulswelle mithilfe der Smartphone-Kamera ausliest. Eine besondere Hardware beziehungsweise Wearables sind nicht erforderlich. Die Technologie kommt bereits seit Jahren in der klinischen Therapie bei posttraumatischen Belastungsstörungen zum Einsatz, wo Patienten Anhand von Biofeedbackübungen ihr Stresslevel senken können – analysiert mit Hilfe der Veränderung der Herzratenvariabilität. Ihren neuzeitlichen Ursprung hat sie in der Raumfahrt, wo Bodenstationen während Start-/Landevorgängen sowie Einsätzen im All die Belastbarkeit der Astronauten anhand der Herzratenvariabilität messen. Zudem bezieht die App den Nutzer in die Fortschritte ein – alles im Sinne eines Patient Reported Outcome (PRO).

Diese Funktion der Analyse des Stresslevels können sich Gesundheits-Apps zu eigen machen. Denkbar sind beispielsweise Anwendungsfälle bei chronischen Schmerzen, Tinnitus, Rückenbeschwerden und Schwangerschaft, aber auch im Bereich Fitness und Wellness. Die Vorteile liegen auf der Hand: ein holistisches Produkt mit relevanten kardiovaskulären Vitaldaten und daraus Mehrwerte für die Nutzer dieser Apps. Dadurch entsteht eine Erhöhung der App-Nutzung, vor allem aber Evidenz und damit Erstattungsfähigkeit und mehr Vertrauen in das Angebot.

Der Einsatz dieser Technologie ist auch für das Betriebliche Gesundheitswesen (BGM) spannend, weil eine alternde Gesellschaft und der „War for Talents“ gute Gründe sind, um auf evidente digitale Medizinprodukte zur Prävention beispielsweise von Stress zu setzen. Die Betroffenen dürfte das auch freuen: Laut einer Statista-Erhebung aus 2018 gaben 43 Prozent der Befragten an, sich „manchmal gestresst zu fühlen“. Stress ist ein Teil unseres Lebens, das sollten wir endlich erkennen. Und Maßnahmen ergreifen, die ihn beherrschbar machen. Das kann manchmal ganz einfach sein. Und Stress ist am Tagesende nur der Überbegriff für eine Belastung unseres Körpers (in der untrennbaren Verbindung zwischen Physis und Psyche). Wird dieser Stress chronisch, reagiert der Körper mit chronischen Entzündungen (zum Beispiel in Form von Schmerzen), die zu chronischen Krankheiten führen können (zum Beispiel Diabetes, Krebs, Rheuma).

Matthias Puls ist Geschäftsführer des Health-Tech Start-ups Kenkou, das neben einer von Krankenkassen genutzten App zum Stressmanagement Anbietern von digitalen Gesundheitsanwendungen ein komplett integrierbares Softwarepaket zur Erfassung von kardiovaskulären Vitaldaten über die Smartphone-Kamera zur Verfügung stellt, worüber Gesundheits-Apps Evidenz auf Basis von relevanten Vitaldaten generieren können sollen. Matthias Puls ist darüber hinaus der Herausgeber des Buchs „Digitale Geschäftsmodelle im Gesundheitswesen“, welches im April 2020 erschienen ist.

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