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Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Die Möglichmacher: Neue Rolle für Apotheken

Anne Sophie Geier, Geschäftsführerin SVDGV, und Meike Appelrath, Geschäftsleitung Migasa
Anne Sophie Geier, Geschäftsführerin SVDGV, und Meike Appelrath, Geschäftsleitung Migasa Foto: SVDGV/Migasa

Apotheken bergen großes Potenzial für die digitale Transformation der Gesundheitsversorgung. Davon sind Anne Sophie Geier und Meike Appelrath überzeugt. Im Standpunkt erklären sie, wieso in der Apotheke zum Beispiel eine unabhängige Beratung zu Medizinprodukten wie den digitalen Gesundheitsanwendungen stattfinden könnte. Ein Positivbeispiel der Digitalisierung habe das digitale Impfzertifikat bereits geliefert.

von Anne Geier und Meike Appelrath

veröffentlicht am 30.09.2022

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Im zweiten Jahr der Corona-Pandemie wurde endlich Realität, worauf viele seit Jahren warteten: Statt dem gelben Impfheft gab es ein digitales Impfzertifikat auf dem Handy. Wer seine Spritze gegen das Virus erhalten hatte, konnte sich in fast jeder Apotheke ein solches Zertifikat ausstellen lassen. So war der Impfnachweis immer dabei – ob für den Konzertbesuch oder den Abend im Restaurant.

Was simpel klingt, war für viele Bürger:innen der erste Kontakt mit einem digitalen Gesundheitsprodukt. Das Beispiel zeigt, dass digitale Lösungen zügig und flächendeckend in die Versorgung gebracht werden können. Innerhalb weniger Wochen waren die digitalen Impfzertifikate gängige Praxis – umgesetzt durch die Apotheker:innen vor Ort.

Diese Erfahrungen können für die Zukunft genutzt werden. Apotheken bergen großes Potenzial für die digitale Transformation der Gesundheitsversorgung: Sie gehören zu den am stärksten digitalisierten Organisationen im Gesundheitswesen. Zudem sind sie äußerst niedrigschwellig und häufig erste Anlaufstelle für Patient:innen. Die Apotheke wird oft noch vor oder statt der Arztpraxis aufgesucht. Das macht Apotheker:innen vielfach zum ersten und zu einem wiederkehrenden Kontaktpunkt in der Patient Journey. Doch bei aller digitalen Begeisterung benötigen viele Patient:innen zunächst eine „analoge Starthilfe“. Die Apotheke kann dank Fachkompetenz und Beratungspraxis ein hybrider Anker sein, der die digitale und analoge Welt verbindet.

Apotheken als Beraterinnen für digitale Medizinprodukte

Neben der Beratung zu Arzneimitteln könnte in der Apotheke eine unabhängige Beratung zu Medizinprodukten wie den digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) stattfinden. Die Verordnungshoheit verbliebe beim Arzt beziehungsweise bei der Ärztin. Die Bekanntheit, Akzeptanz und nachhaltige Anwendung von DiGA könnten mithilfe von Apotheken verbessert werden. Darauf zielte auch ein Antrag der Apothekerkammer Berlin ab, der eine unabhängige Beratung zu DiGA in Vor-Ort-Apotheken beinhaltete.

Darüber hinaus könnten digitale Pflegeanwendungen (DiPA) zukünftig in der Apotheke eine Rolle spielen. Häufig haben Apotheken vor Ort eine langfristige Beziehung zu Patient:innen beziehungsweise deren pflegenden Angehörigen und versorgen diese mit Pflegehilfsmitteln. So könnten sie einen entsprechenden Bedarf für eine DiPA erkennen und dazu informieren. Auch weitere bereits geplante Bestandteile des digitalen Ökosystems werden (temporäre) Unterstützungshilfe bei Patient:innen erfordern, wie elektronische Identitäten zur Nutzung von Diensten der Telematik-Infrastruktur.

Ziel ist Verbesserung der Versorgung

Eines der wichtigsten Digitalprojekte für Apotheken ist selbstverständlich das eRezept, das aktuell eingeführt wird. Neben einer digitalen Userexperience bei der Rezepteinlösung sollen in der eRezept-App zusätzliche Services angeboten werden. Das können besondere Beratungsschwerpunkte der Apotheke oder das Angebot von Botendiensten sein. Vor allem aber sollten die zentral erfassten Medikationsdaten zukünftig klug für eine Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit in der Apotheke genutzt werden. Die Apotheke könnte – unter Nutzung intelligenter digitaler Lösungen – Doppelverordnungen, Wechselwirkungen und weitere arzneimittelbezogene Probleme leichter erkennen und nach Rücksprache mit den entsprechenden Verordnern die jeweilige Arzneimitteltherapie optimieren.

Verzahnung von digitalen Lösungen und Versorgung vor Ort

Es geht nicht darum, jeden Patient:innenkontakt durch einen digitalen Prozess zu ersetzen. Ziel ist vielmehr, Synergien zwischen den verschiedenen digitalen Lösungen zu nutzen und diese mit der Versorgung vor Ort zu verzahnen. So kann ein digitales Ökosystem rund um ePA, eRezept, KIM, DiGA, DiPA, Telemonitoring und weitere Lösungen entstehen, das die Akzeptanz und Nutzung der Leistungserbringer:innen und Patient:innen finden wird. Mit dem Entwurf des Krankenhauspflegeentlastungsgesetzes (KHPflEG) wurde ein wichtiger Schritt bereits gemacht: Es sieht vor, dass Patient:innen TI-Anwendungen wie die eRezept-App oder die ePA vor Ort in den Apotheken nutzen können. Möglich ist das durch eine Identifizierung mit ihrem Ausweis, ähnlich wie beim Corona-Impfzertifikat.

Zu diesem digitalen Ökosystem müssen alle Menschen gleichermaßen Zugang haben. Es muss gut erreichbar, verständlich und einfach nutzbar sein und darf niemanden ausschließen. Apotheker:innen können als Fachleute für Medizinprodukte einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass dieses digitale Ökosystem für so viele Patient:innen wie möglich zugänglich ist. Denken wir davon ausgehend die digitale Patient Journey noch weiter, liegt auch eine Form der Telepharmazie nahe: Dabei können Apotheken analog zur ärztlichen Videosprechstunde eine digitale Sprechstunde anbieten, zum Beispiel für die neu eingeführten pharmazeutischen Dienstleistungen. Auf diese Weise können Beratung und Expertise der Apotheker:innen auch aus der Entfernung in Anspruch genommen werden. So entstehen neue Möglichkeiten, digitale Ansätze und persönliche Expertise zu verknüpfen.

Potenzial der Apotheken nutzen

Die Digitalisierung bietet enorme Chancen für eine hochwertige und gleichzeitig gerechtere und einfach zugängliche Gesundheitsversorgung. Die damit einhergehende Transformation fordert von vielen ein neues Verständnis ihrer Rolle ein. Apotheken sind prädestiniert, eine weitere Rolle einzunehmen: Fachliche Expertise und Service einerseits und analoge sowie digitale Erreichbarkeit andererseits sind Kriterien, mit denen Apotheken ihre Rolle nah an den Kund:innen stärken können. Dies erfordert von den Apotheken einerseits die Bereitschaft, sich neuer Aufgaben anzunehmen, andererseits aber auch das Bekenntnis der Politik, die Apotheken vor Ort im Kontext digitaler Lösungen als Partnerinnen zu verstehen und deren Potenzial zur Unterstützung der digitalen Transformation des Gesundheitssystems aktiv zu nutzen.

Dr. Anne Sophie Geier, Geschäftsführerin Spitzenverband Digitale Gesundheitsversorgung e.V. (SVDGV) und Dr. Meike Appelrath, Geschäftsleitung Migasa GmbH & Co. KG.

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