Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Die Organspende als Chance begreifen

Axel Rahmel
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Die Transplantationsmedizin ist eine Erfolgsgeschichte, denn Organspende rettet Leben. Dennoch hat Deutschland Aufholbedarf. Das schreibt Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation, zum Tag der Organspende.

von Axel Rahmel

veröffentlicht am 04.06.2021

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Rund 143.000 Organe wurden seit 1963 in Deutschland transplantiert, und die Empfänger leben oft über viele Jahre in großer Dankbarkeit mit dem geschenkten Organ. Und doch tun wir uns in Deutschland so schwer mit unserer persönlichen Entscheidung über Organspende. 

In weniger als der Hälfte aller Fälle, in denen die Möglichkeit zu einer Organspende bestand, lag im vergangenen Jahr eine schriftliche oder mündliche Willensäußerung des Verstorbenen vor. Noch nicht einmal jeder Fünfte der möglichen Organspender hatte seinen Willen schriftlich in einem Organspendeausweis oder einer Patientenverfügung dokumentiert. In dieser Situation wird die Familie um diese Entscheidung auf der Basis des mutmaßlichen Willens des Verstorbenen gebeten. Sie müssen sich also in den Verstorbenen hineindenken und abschätzen, wie er entschieden hätte, könnte man ihn jetzt noch fragen. Angesichts der Trauer um einen geliebten Menschen eine häufig erhebliche Belastung für die Angehörigen.

Entscheidungsbereitschaft muss gestärkt werden – Onlineregister im Aufbau

Ab März 2022 soll ein Gesetz die Entscheidung bei der Organspende anstoßen und fördern. Das Gesetz zur Stärkung der Entscheidungsbereitschaft wurde im Januar 2020 verabschiedet und tritt am 1. März 2022 in Kraft. Es sieht vor, dass die Ausweisstellen von Bund und Ländern den Bürgern Aufklärungsmaterial und Organspendeausweise aushändigen beziehungsweise bei elektronischer Antragsstellung elektronisch übermitteln. Hausärzte werden bei Bedarf ihre Patienten alle zwei Jahre ergebnisoffen über die Organ- und Gewebespende beraten.

Außerdem sollen Fahrschulen in die Aufklärungsarbeit mit einbezogen werden. Ebenfalls vorgesehen ist die Einrichtung eines bundesweiten Online-Registers, in dem die persönliche Entscheidung zur Organspende selbstständig dokumentiert werden kann. Uns ist dabei vor allem wichtig, dass das Online-Register einfach und leicht genutzt werden kann – das gilt für die Einträge als auch für ihre Abfrage. Denn nur so kann erreicht werden, dass Menschen ihren Willen zur Organspende dokumentieren und Ärzte nach dem Willen des Patienten handeln. Gleichzeitig bedeutet eine Dokumentation des eigenen Willens in dieser so wichtigen Frage eine erhebliche Entlastung für die Angehörigen.

Deutschland immer noch Schlusslicht im Ländervergleich

In diesem Jahr, von Januar bis Mai, gab es bislang 401 postmortale Organspender und 1.259 gespendete Organe (Stand: 2. Juni 2021). Damit bleiben die Zahlen fast auf dem Niveau vom Vergleichszeitraum im letzten Jahr (2020: 410 Organspender, 1.303 gespendete Organe). Diese Stabilität fand sich trotz der Coronavirus-Pandemie auch schon 2020. Während es in einigen Ländern wie etwa Italien, Frankreich oder Spanien, aber auch in den USA zeitweise zu größeren Rückgängen bei der Organspende kam, blieben die Zahlen in Deutschland in 2020 mit 913 postmortalen Spendern gegenüber 2019 (932) weitgehend konstant .

Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir in Deutschland bei der Organspende im europäischen Vergleich noch immer eines der Schlusslichter bilden. Im Vergleich zu vielen anderen Ländern haben wir nur wenig Organspender – die Zahlen schwanken in den letzten acht Jahren zwischen 850 und 950 Organspendern pro Jahr. Derzeit liegen wir bei 11 Spendern pro Million Einwohner. Andere Länder wie Spanien haben knapp 40 Spender auf eine Million Einwohner; Österreich, Kroatien, Italien und Frankreich über 20 Spender auf eine Million. Es ist  anzunehmen, dass auch bei uns vergleichbar viele Organspenden möglich wären, die schwerkranken Patienten die Chance auf ein Überleben geben können. Dies belegen auch verschiedene Studien zum Potenzial der Organspende in Deutschland und unsere Auswertungen der Krankenhausberichte zu den bundesweiten Todesfallanalysen.

Kliniken denken mehr an Organspende

Der Gesetzgeber hat vor zwei Jahren gehandelt und mit dem am 1. April 2019 in Kraft getretenen „Gesetz zur Verbesserung der Strukturen und der Zusammenarbeit bei der Organspende“ den Weg für mehr Organspenden geebnet. Die Maßnahmen sorgen vorrangig für eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Transplantationsbeauftragten, eine aufwandsgerechte Vergütung der Entnahmekrankenhäuser und die verbindliche Einführung von festen Verfahrensabläufen in den Kliniken sowie ein umfassendes Berichtssystem zur Erkennung möglicher Spender. Obwohl die Coronavirus-Pandemie die Ärzte und Pflegenden seit Frühjahr 2020 vor große Herausforderungen gestellt hat, zeigen sich vorsichtig erste Erfolge des Gesetzes: Die organspendebezogenen Kontakte, die am Anfang eines möglichen Organspende-Prozesses stehen, haben sich bis Mai 2021 sogar leicht aufwärts entwickelt. Sie stiegen um 4,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, das heißt in 1.344 Fällen nahmen die Kliniken die Unterstützung der DSO als Koordinierungsstelle für die Organspende in Anspruch, die von der allgemeinen Beratung bis zur eigentlichen Organspende reicht. Damit rückt das Ziel ein Stück näher, dass das Denken an die Organspende endlich zur Normalität in den klinikinternen Abläufen wird.

Jeder der 913 Organspender hat im vergangenen Jahr im Durchschnitt mehr als drei Patienten eine neue Lebenschance geschenkt. Jedes einzelne Organ zählt und kann über Leben und Tod eines schwerkranken Menschen entscheiden. Etwa 9.000 Menschen warten hierzulande  auf eine lebensrettende Transplantation. Und es sterben noch immer Menschen auf der Warteliste, denen mit einer Organspende hätte geholfen werden können: Im letzten Jahr waren das mehr als 700 von ihnen.

Axel Rahmel ist Kardiologe und seit 2014 Medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation. Zwischen 1997 und 2995 war er am Herzzentrum der Universität Leipzig für Herztransplantationspatient:innen zuständig. Ab 2005 war er Medizinischer Direktor von Eurotransplant, der internationalen Vermittlungsstelle für Spenderorgane im niederländischen Leiden.


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