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Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Digitale Konzepte für die Pflege zu Hause

Patrick Jahn, Projektleiter der TDG
Patrick Jahn, Projektleiter der TDG Foto: privat

Besonders viele Menschen werden im südlichen Sachsen-Anhalt ambulant betreut – die Nachfrage nach innovativen Pflege- und Gesundheitslösungen ist hier besonders hoch. Patrick Jahn, Projektleiter der „Translationsregion für digitalisierte Gesundheitsversorgung“ (TDG), erklärt in seinem Standpunkt, wie dem Strukturwandel mit Digitalisierung begegnet werden kann.

von Patrick Jahn

veröffentlicht am 22.06.2022

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Regionen wie das südliche Sachsen-Anhalt werden durch den Strukturwandel und die demografische Entwicklung besonders herausgefordert. Mehr Menschen als im Bundesdurchschnitt werden in der Region ambulant versorgt. Der Trend bedeutet gleichzeitig eine Chance: Die Nachfrage nach innovativen Pflege- und Gesundheitslösungen steigt. In Sachsen-Anhalt ist die Gesundheitswirtschaft allein in den letzten zehn Jahren um mehr als 2,5 Milliarden Euro gewachsen, ein Anstieg von mehr als 50 Prozent. Bei den Beschäftigten im Gesundheits- und Pflegebereich gab es im selben Zeitraum ein Plus um mehr als 16 Prozent. Die vom Forschungsministerium (BMBF) geförderte „Translationsregion für digitalisierte Gesundheitsversorgung“ (TDG) versteht sich dabei als eine Antwort auf den Wandel und als Vorreiter von vernetzten Versorgungsregionen, die europaweit kooperieren und voneinander lernen. 

Nie zuvor haben so viele Menschen ein so hohes Alter erreicht wie heute. Die durchschnittliche Lebenserwartung hat sich innerhalb von 150 Jahren auch in Deutschland verdoppelt. Die Chance 65 oder älter zu werden, hat sich sogar verdreifacht. Im Jahr 2035 fehlen voraussichtlich 500.000 Pflegefachpersonen. Gleichzeitig wird die Zahl der pflegebedürftigen Menschen von heute vier auf dann rund sechs Millionen bundesweit steigen. Bis 2050 ist mit einem Anstieg von aktuell drei Millionen auf bis zu zwölf Millionen Pflegebedürftiger zu rechnen.

Weil die Mehrheit der Pflegebedürftigen ambulant beziehungsweise zu Hause versorgt werden will, müssen wohnortnahe Versorgungskonzepte, teilhabeorientierte Wohnformen und Qualifizierungskonzepte für pflegende Fachkräfte und Angehörige entwickelt und in die Fläche ausgerollt werden. Die größte Hebelwirkung hat das häusliche Wohnumfeld. In der Region werden mehr als zwei Drittel aller Pflegebedürftigen zu Hause von pflegenden Angehörigen und ambulanten Pflegediensten versorgt. Es geht darum, die Pflegenden stärker bei der Gestaltung der Gesundheitsversorgung zu beteiligen und ihr Wissen einzubinden.

Mit dieser Zielstellung fokussiert sich die TDG in Sachsen-Anhalt auf drei zentrale Innovationsbereiche, um das Innovationsfeld digitalisierte Gesundheitsversorgung mit den Schwerpunkten pflegerische Versorgung und Teilhabeförderung im Alter zielgerichtet und effizient zu bearbeiten:

  1. Digitale wohnortnahe Versorgungskonzepte: Hierzu gehören vor allem Innovationen, die „vor der Haustür“ Leistungserbringer, Kommune, Pflegedienste, sonstige Dienstleister und Angehörige miteinander vernetzen, um die Versorgung zu verbessern. So erhalten Patient:innen mehr Informationen und Kontrolle über ihre eigene Gesundheit. Angefangen von der Tele-Pflege, über Digitale Pflegeanwendungen (DiPA), Robotik und Automatisierung im Bereich Logistik und Dokumentation, Entlastung von körperlich anstrengenden Tätigkeiten bis hin zur Zusammenarbeit der Gesundheitsberufe über neue Möglichkeiten der digitalunterstützen Kooperation. Versorgung muss vor Ort bei den Menschen stattfinden und leicht zugänglich sein. In Zukunft werden Digitalisierung, Internet of Things und Künstliche Intelligenz so viel leisten, dass ältere Menschen deutlich länger Zu Hause bleiben können.
  2. Teilhabeförderliche digitalisierte Wohnformen bei Pflegebedürftigkeit: Die meisten Menschen haben das Ziel im Alter möglichst lang unabhängig in ihrem gewohnten Umfeld zu bleiben. Innovative technische Assistenzsysteme, die „hinter der Haustür“ ältere Menschen und (ambulante) Pflegefachkräfte im Alltag unterstützen, können zu diesem Autonomieerhalt beitragen. Um Anamnese, Aufklärung, Therapie und Pflege geht es auch in der digitalen Medizin. Vor allem die Generation 65 plus, die häufig in die Pflegebedürftigkeit übergeht und in einem nicht-professionellen Pflegeumfeld betreut wird, ist auf technologische Unterstützung und smarte Lösungen angewiesen. Mit Unterstützung von selbstlernender Software und digitalen Services können Ärzt:innen, Therapeut:innen und Pflegefachkräfte bessere Diagnosen stellen und den Therapiefortschritt schneller und leichter gestalten. Enorme Fortschritte werden vor allem im Bereich der häuslichen Pflege und bei Home Care wie digitaler Reha möglich sein. Ältere Menschen und Personen mit Einschränkungen im Alltag können durch Digital Health und Smart Home Technologien ihre Autonomie zu Hause be- und erhalten, wenn die Technologien leicht nutzbar und niedrigschwellig sind. Roboter, Assistenzsysteme, VR-Anwendungen und KI-Programme werden zum Standard und entlasten Pflegepersonal und Gesundheitssystem.
  3. Digitale Qualifizierungskonzepte für Fachkräfte und Angehörige: Dazu gehören innovative Bildungskonzepte, die „im Kopf“ zur Nutzung digitaler Technologien sensibilisieren und qualifizieren, die Ausbildung von Pflegefachkräften unterstützen und allen Zielgruppen die Teilnahme am Innovationsprozess der TDG ermöglichen.

Ein Kompetenzzentrum für digitale Transformation 

Die digitalisierte Pflege- und Gesundheitsversorgung mit der Gesundheits- und IT-Wirtschaft leistet somit einen zentralen Beitrag vom Strukturwandel der Region hin zu einem innovativen Ökosystem. Das Ziel: auf Basis einer breiten Beteiligung innovative Ideen schneller auf Wirksamkeit prüfen, in Geschäftsmodelle überführen und in die Versorgung bekommen. Das TDG-Bündnis stellt hierfür Innovationsräume, Start-ups, Inkubatoren und Kooperationen zwischen Universitäten und Unternehmen bereit. Als Weiterentwicklungsperspektive steht der Ausbau zu einem Kompetenzzentrum für digitale Transformation von Pflege und Gesundheitsversorgung. Das größte Potenzial, diesen Wandel erfolgreich zu gestalten, haben dabei regionale Kooperationen, Wissenstransfer und das Teamplay der Akteure und Berufe.

Prof. Dr. Patrick Jahn ist Leiter der AG-Versorgungsforschung der Universitätsmedizin Halle (Saale) und Projektleiter der „Translationsregion für digitalisierte Gesundheitsversorgung“ (TDG) . 
Der Text ist ein Auszug aus dem Trendreport der „Translationsregion digitalisierte Gesundheitsversorgung“, der ab heute als Download verfügbar ist.

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