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Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Erfolgsrezept gegen Armutskrankheiten

Jan-Thilo Klimisch leitet das Berliner Büro der Christoffel-Blindenmission (CBM)
Jan-Thilo Klimisch leitet das Berliner Büro der Christoffel-Blindenmission (CBM) Foto: CBM

Der Globale Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria (GFATM) finanziert bereits seit 20 Jahren erfolgreich Maßnahmen gegen diese drei Krankheiten. Vieles spricht dafür, sein Mandat auszuweiten. Dabei sollte es weniger darum gehen, auf einzelne Krankheiten zu fokussieren, sondern vielmehr um den Aufbau einer flächendeckenden Gesundheitsversorgung, die alle erreicht, schreibt Jan-Thilo Klimisch von der Christoffel-Blindenmission.

von Jan-Thilo Klimisch

veröffentlicht am 07.09.2022

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Internationale Konferenzen haben mitunter recht sperrige Namen. So auch die 7. Wiederauffüllungskonferenz des Globalen Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria, kurz: GFATM. Gleichwohl geht es dabei um einen wegweisenden Ansatz für die Gesundheitsversorgung in wirtschaftlich ärmeren Ländern. Die US-Regierung lädt am 19. September Geberländer und philanthropische Stiftungen aus aller Welt nach New York. Zusagen in Höhe von mindestens 18 Milliarden US-Dollar sollen an dem Tag zusammenkommen, um die Weiterarbeit des Fonds bis 2025 sicherzustellen.

Der Globale Fonds agiert in mehr als 100 Staaten – vor allem in Ländern des Globalen Südens. Er kann eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte vorweisen: So gut wie überall dort, wo der Fonds in Forschungs- und Bekämpfungsprogramme investiert hat, sind Ausbreitung sowie Sterblichkeitsrate der Infektionskrankheiten AIDS, Tuberkulose und Malaria zurückgegangen. Die Strategie für die kommenden fünf Jahre lautet: „Pandemien bekämpfen – für eine gesündere und gerechtere Welt“.

Abbau von Zugangsbarrieren

Was macht den Ansatz des Globalen Fonds so besonders? Es ist vor allem die enge Einbindung der von Krankheiten betroffenen Menschen selbst und ihrer Gemeinschaften vor Ort. Auch der Aus- oder Fortbildung von lokalem Gesundheitspersonal wird großes Gewicht eingeräumt. Internationale Hilfsorganisationen wie die Christoffel-Blindenmission (CBM) mahnen immer wieder zu mehr Investitionen in menschenrechtsbasierte und lokal verankerte Entwicklung. Die neue GFATM-Strategie greift das auf. Sie verschreibt sich dem Ziel einer flächendeckenden Gesundheitsversorgung für alle und dem Abbau von Zugangsbarrieren. Beispielhaft nennt die Strategie Menschen mit Behinderungen. Sie sollen besonders berücksichtigt werden. Mit Recht, hat doch die Corona-Pandemie erneut offenbart, wie schnell ohnehin Benachteiligte aus dem Blick geraten und zusätzlich diskriminiert werden – etwa, wenn es um die Weitergabe von lebenswichtigen Informationen geht, um die Versorgung mit Schutzausrüstung oder um Impfungen und Behandlungen.

Gründungsauftrag versus Mandatserweiterung

In den gerade mal zwei Jahrzehnten seiner Existenz hat der Globale Fonds bereits einige Anpassungen vollzogen. Der Spagat zwischen Gründungsauftrag und Ausweitung seines Mandats ist herausfordernd. Letztere aber dürfte alternativlos sein, um die Erfolgsgeschichte fortzuschreiben. Eigentlich konzentriert sich der Fonds seinem Namen nach auf die Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria. Derweil jedoch wird mehr als eine Milliarde US-Dollar jährlich in breiter angelegte Maßnahmen zur Stärkung von Gesundheitssystemen investiert.

Es geht dabei keineswegs darum, wirksame AIDS-, Tuberkulose- oder Malaria-Bekämpfung zu unterbinden. Vielmehr soll sie auf andere Infektionskrankheiten ausgeweitet werden, durch eine integrierte, krankheitsübergreifende Gesundheitsversorgung. Das vermeidet unnötige und kostspielige Parallelstrukturen – in Form von einzelnen nebeneinanderherlaufenden Bekämpfungsprogrammen. Zum anderen möchte man die Überschneidung verschiedener Erkrankungen sowie ihre Wechselwirkungen besser berücksichtigen. Ein einfaches Beispiel dafür: Tuberkulose gehört zu den häufigsten Todesursachen bei Menschen mit HIV.

Vernachlässigte Tropenkrankheiten einbeziehen

Überlappungen gibt es nicht zuletzt auch mit den so genannten vernachlässigten Tropenkrankheiten (engl. Neglected Tropical Diseases / NTDs). Laut WHO-Definition zählen dazu 20 armutsbedingte Erkrankungen, die vorwiegend in tropischen und subtropischen Regionen auftreten. Sie kommen ähnlich häufig vor wie HIV/AIDS, Tuberkulose und Malaria. Weltweit sind rund 1,5 Milliarden Menschen von NTDs betroffen. Unter anderem zeigt sich bei HIV-positiven Menschen eine erhöhte Anfälligkeit für bestimmte NTDs.

Nachdem man das Mandat des Globalen Fonds bereits um das wichtige Ziel der Stärkung von Gesundheitssystemen erweitert hat, gibt es ebenfalls gute Gründe, die für eine Ergänzung seines Krankheits-Portfolios sprechen. Denn NTDs finden noch weniger Beachtung bei der Erforschung und Entwicklung geeigneter Diagnostik, Medikamente sowie Therapien.

In krankheitsübergreifende Ansätze investieren

Im Zuge einer koordinierten Bekämpfung aller armutsbedingten Infektionskrankheiten ließen sich positive Synergieeffekte realisieren – ein besserer „Return on Investment“. Zusammenlegen könnte man etwa die Erhebung von Gesundheitsdaten zur Verbreitung der einzelnen Krankheiten, ebenso wie die Aus- und Fortbildung von lokalem Gesundheitspersonal, aber auch Aufklärungskampagnen und die Verteilung von Schutzausrüstung oder Medikamenten.

Die Corona-Pandemie hat sowohl die Arbeit des Globalen Fonds als auch viele NTD-Bekämpfungsprogramme zurückgeworfen. Anstatt deren medizinische Präventions- und Versorgungsstrukturen zur Eindämmung der COVID19-Virus zu nutzen, passierte das Gegenteil. Etablierte Programme wurden unterbrochen, Behandlungserfolge der vorangegangenen Jahre zunichte gemacht. Die Pandemie hat gezeigt, wie dringend wir bessere Gesundheitssysteme brauchen, die weltweit alle Menschen erreichen. Das wird nicht billig, soviel ist klar. Wie ungleich viel teurer es aber wird, nicht in Gesundheit zu investieren, auch das haben uns die globalen Auswirkungen des Pandemie-Geschehens drastisch vor Augen geführt. Darum sollten alle Geber – nicht zuletzt auch Deutschland – am 19. September die Weiterarbeit und Fortentwicklung des Globalen Fonds sicherstellen.

Im Rahmen ihrer laufenden G7-Präsidentschaft hat die Bundesregierung bereits einen Aufwuchs der deutschen Beiträge für die kommenden drei Jahre von eins auf 1,2 Milliarden Euro in Aussicht gestellt. Um aber sowohl den Gründungsauftrag als auch die neu hinzukommenden Aufgaben stemmen zu können, benötigt der Fonds zusätzliche finanzielle Mittel. Zivilgesellschaftliche Berechnungen empfehlen der Bundesregierung, ihre Zusagen auf 1,8 Milliarden Euro anzuheben. Das wäre eine mehr als lohnende Investition!

Jan-Thilo Klimisch gehört dem Team Politische Arbeit der Christoffel-Blindenmission (CBM) an und leitet deren Berliner Büro. Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind globale Gesundheit und Bildung, wozu er die CBM in mehreren Netzwerken vertritt.


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