Porträt Erwin Rüddel

Erwin Rüddel
Erwin Rüddel, Vorsitzender des Gesundheitsausschusses (Foto: Bundestag)

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Für Erwin Rüddel ist es wohl die hektischste Phase seiner Laufbahn als Politiker. Als Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im Bundestag verbringt er momentan viel Zeit in Videokonferenzen. Auch wenn die Augen der Öffentlichkeit in der Corona-Krise auf Gesundheitsminister Jens Spahn und Bundeskanzlerin Angela Merkel (beide CDU) ruhen, erfordert jede Maßnahme zur Eindämmung der Pandemie die Zustimmung des Bundestags, und dessen Arbeit findet nun mal hauptsächlich in den Ausschüssen statt.

Seit zehn Jahren ist der 64-Jährige Mitglied des Gesundheitsausschusses, seit 2018 sein Vorsitzender. Das Ressort war für ihn Liebe auf den zweiten Blick. „In den Neunziger Jahren galt der Ausschuss noch als ‚Strafkolonie’ unter Parlamentariern“, erinnert sich der CDU-Politiker. „Ich wollte eigentlich ins Wirtschafts- oder Verkehrsressort, dorthin wo ich etwas bewegen kann.“ Gesundheit, so hieß es unter den Abgeordneten, das sei kompliziert, da brauche man zwei bis drei Jahre, um sich einzuarbeiten – und dann sei die Legislaturperiode auch schon fast vorbei. Doch dann habe er sich schnell für dieses komplexe Thema begeistert.

Letzteres gilt heute noch, deshalb möchte Rüddel seinem Amt solange es geht treu bleiben. Die Bedeutung der Gesundheitspolitik hat sich in seinen Augen radikal gewandelt. Er ist überzeugt: Mit Gesundheitspolitik lasse sich heute Strukturpolitik machen. „Damit Arbeitskräfte in eine bestimmte Region ziehen, bedarf es einer guten Gesundheitsversorgung, und Krankenhäuser sind wichtige Arbeitgeber. In einer alternden Gesellschaft wird die Gesundheitspolitik von ihrer Bedeutung her die Klimapolitik übertreffen“, prognostiziert er. 

Karnevals- und Sportverein

Das Leben von Rüddel spielt sich zwischen seinem ländlich geprägten Wahlkreis in Neuwied und der Metropole Berlin ab, wo er seit 2009 nach vielen Jahren im rheinland-pfälzischen Landtag über ein Direktmandat Mitglied des Deutschen Bundestages ist. Für seine Wähler ist er „unser Mann in Berlin“, denen er in der Corona-Krise auch mal Sonntagabend per SMS oder über die sozialen Netzwerke die Entscheidungen der Regierung erläutert. 

Wenn keine Kontaktsperre herrscht, trifft er sie beim Schützenfest, auf der Kirmes, im Karnevals- oder Sportverein. Rüddel ist begeisterter Langstreckenläufer. Momentan trainiert er mit seinem Sohn für den Halbmarathon, den sie in diesem Jahr zu zweit und ohne Publikum laufen werden.  

Schmerzlich war für ihn, als 2018 ein Tweet von ihm zum Pflegenotstand „kolossal missinterpretiert“ wurde. Via Twitter bot er Pflegekräften einen „Deal“ an: „Politik handelt konsequent und Pflegende fangen an, gut über die Pflege zu reden.“ So kämen „viele wieder in die Pflege zurück“. #gutezeitenfürgutepflege lautete der von ihm kreierte Hashtag.

Das verstanden viele so, als sei die Pflege selbst schuld an mieser Bezahlung und Überlastung. 60.000 bis 70.000 Beschimpfungen hagelte es in den sozialen Medien. Unter dem Hashtag #twitternwierueddel teilten Pflegekräfte ihre Erfahrungen mit katastrophalen Arbeitsbedingungen. 

Wahl Willy Brandts zum Bundeskanzler 

Spätestens dann kannte man den Abgeordneten auch außerhalb seines Wahlkreises. „Es bedurfte vieler persönlicher Gespräche, um das unter meinen Wählern wieder gerade zu rücken“, sagt Rüddel heute noch. „Mich hätte das meine Existenz als Politiker kosten können, vor allem, da ich nie die Intention hatte, den Pflegeberuf abzuwerten.“ 

In der Politik aktiv ist der Sohn eines Landwirts bereits seit 1972. Auslöser war die Wahl Willy Brandts zum Bundeskanzler, erinnert sich Rüddel. In politischen Debatten in der Schule war er mit seiner konservativen Gesinnung ein Außenseiter. Mit Gleichgesinnten gründete er die Ortsgruppe der Jungen Union. Seitdem bekleidete er durchgehend politische Ämter für die Christdemokraten. Neben der Arbeit im Gesundheitsausschuss macht sich der Fan des 1. FC Köln unter anderem gegen den Bahnlärm stark. 

Nach seinem Studium der Wirtschaftswissenschaften arbeitete Rüddel in verschiedenen kaufmännischen Positionen. 1993 bis 2009 war er Geschäftsführer der Senioren-Residenz Bad Arolsen. Die Problematiken in der Pflege kennt er daher aus eigener Anschauung. Für seine weitere Arbeit im Bundestag hat er sich vorgenommen, länderübergreifend weitere Reformen voranbringen. Judith Jenner

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